
HWWI Update 07 2009
Die internationale Arbeitsmigration von Frauen
Knapp 50 % der geschätzten 200 Millionen internationalen Migranten weltweit sind Frauen. Der Umfang und die Form der Migration – Familienzusammenführung, Arbeitsmigration, Flucht und Asyl oder auch zum Zweck der Bildung – unterscheiden sich jedoch erheblich zwischen den Ländern und den Regionen.
So sind 60 - 80 % der internationalen Migranten aus den Philippinen, Sri Lanka und Indonesien weiblich, die zumeist als Arbeitsmigrantinnen in Haushalten im Mittleren Osten, aber auch in Hong Kong, Singapur, Malaysia oder Taiwan arbeiten. Bei den Frauen aus den Philippinen ist das Bild jedoch wesentlich differenzierter. Philippinische Frauen arbeiten in der ganzen Welt in einer Vielzahl von Berufen, wobei das Land insbesondere Gesundheitspersonal mit dem Zweck der Auswanderung ausgebildet hat. Ein erheblicher Anteil der 8 Millionen philippinischen Migranten (ein Zehntel der gesamten Bevölkerung) sind medizinische Fachkräfte. Jedoch verlassen mittlerweise geschätzte 2 000 Ärztinnen und Ärzte jährlich das Land im Vergleich zu etwa 1 000 jährlichen Abgängern von medizinischen Hochschulen, was wiederkehrend die Frage des Brain Drain aufwirft. Aufgrund der großen Anzahl an insbesondere weiblichen philippinischen Arbeitskräften in der Pflege von älteren Menschen, Kranken und Kindern lässt sich ebenfalls das Phänomen der global care chains (weltweite Pflegeketten) darlegen. Während philippinische Frauen die Pflege von Familien und Haushalten um die ganze Welt übernehmen, sind es entweder die erweiˇterte Familie oder Frauen aus ärmeren Gebieten, die für die Pflege der eigenen Familie/Kinder aufkommen. Dieses Phänomen ist auch in unterschiedlichen Konstellationen in Europa zu beobachten: zum Beispiel arbeiten weibliche polnische Pflegekräfte in Haushalten in Berlin, während sich weibliche Pflegekräfte aus der Ukraine um deren Familien/Kinder kümmern.
Bei den Migrationsmustern von Frauen nach und innerhalb Europas lassen sich grob zwei Entwicklungen festmachen: Die vorherrschende Form der Migration von Frauen in die „klassischen“ westeuropäischen Länder ist nach wie vor die Familienzusammenführung, was – je nach Gesetzgebung in den einzelnen Ländern – zunächst eine zeitliche Beschränkung beim Zugang in den Arbeitsmarkt bedeuten kann. In die neueren Zuwanderungsländer Südeuropas wie Griechenland, Spanien und Portugal sind Frauen vor allem in Form von Arbeitsmigration eingewandert. In diesen Ländern ist der Anteil der Migrantinnen aus Drittländern an der Erwerbsbevölkerung mittlerweile sogar höher als bei den einheimischen Frauen. Gleichwohl lässt sich dies nicht automatisch mit einer erfolgreichen Arbeitsmarktintegration gleichsetzen. Befristete Arbeitsverhältnisse, Unterbeschäftigung und die Konzentration auf bestimmte Tätigkeitsfelder geben Aufschluss über den Stand der Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen. Zwar sind sie ebenso wie männliche Migranten aus Drittstaaten überdurchschnittlich häufig in befristeten Arbeitsverhältnissen tätig, womit eher auf eine migrationsbedingte Benachteiligung zu schließen wäre, jedoch sind sie wesentlich öfter von Unterbeschäftigung und damit möglicherweise zusätzlich von einer geschlechtsspezifischen Benachteiligung betroffen.
Die Anzahl der hoch qualifizierten Migrantinnen aus Drittstaaten, die in wissensintensiven Dienstleistungsbranchen, Forschung, Bildung und im Gesundheitssektor arbeiten, nimmt in den letzten Jahren in Europa stetig zu. Beispielsweise waren im Jahr 2000 in England 40,2 % der Ärzte aus dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und 26,2 % der Ärzte von außerhalb des EWR weiblich. Nichtsdestotrotz ist ein erheblicher Anteil an qualifizierten (teilweise hoch qualifizierten) Migrantinnen weit unterhalb ihres Qualifikationsniveaus beschäftigt, was sowohl für die einzelne Betroffene, ihre Familien als auch für die Aufnahmeregion Europa einen enormen Humankapitalverlust bedeutet.
Ein Grund für die Benachteiligung von Migrantinnen bei der Arbeitsmarktintegration stellen die Migrationssteuerungssysteme dar, welche nach wie vor maßgeblich auf den Zuzug von hoch qualifizierten Männern ausgerichtet sind. Bei der sektoralen Ausrichtung eines Steuerungssystems – beispielsweise auf Informations- und Kommunikationstechnologien – haben Männer, die noch immer häufiger in diesen Berufsfeldern tätig sind, größere Wanderungsmöglichkeiten. In diesem Zusammenhang hat Kanada die Kategorie Beruf durch die Kategorie Bildungs- und Sprachabschlüsse als Filter ersetzt. In der Folge ist der Anteil an Frauen in der Einwanderungskategorie für qualifizierte Arbeitskräfte gestiegen. Auch das Steuerungsinstrument Einkommen kann zu einer Benachteiligung von Frauen führen (zum Beispiel 63 600 Euro Jahresgehalt beim Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften nach Deutschland). Bei einem durchschnittlichen Lohngefälle von 16 % weltweit zwischen Männern und Frauen haben hier Männer einen Vorteil.
Die Europäische Kommission schätzt, dass bis zum Jahr 2020 17,7 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze für hoch qualifizierte Tätigkeiten in der EU entstehen werden. Vor dem Hintergrund der alternden Bevölkerungen und des abnehmenden Arbeitskräftepools in Europa sowie den damit verbundenen Diskussionen über Zuwanderung von Hochqualifizierten wäre es daher sehr wichtig, geschlechtsspezifische Faktoren bei der Migrationssteuerung zu beachten.
LITERATUR
Kofman, E., Raghuram, P. (2009): Arbeitsmigration qualifizierter Frauen, focus Migration, Kurzdossier Nr. 13.



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