Pressemitteilung

11. June 2012

Euro-Unsicherheit überschattet Konjunktur

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland aktualisiert. Diese steht unter dem Vorbehalt der weiteren Entwicklung der Euro-Krise, wobei hier im Hauptszenario ein Fortbestand der Eurozone unterstellt wird. Für 2012 wird nach dem unerwartet deutlichen Anstieg im ersten Quartal nunmehr mit einem Wirtschaftswachstum von 1 % gerechnet, für 2013 mit einem von 1 ½ %. Die robuste Binnennachfrage und die Nachfrage aus dem Nicht-EWU-Ausland stützen die Konjunktur, sodass sich der Aufwärtstrend trotz der Nachfragerückgangs aus den Euroländern fortsetzen wird. Die Risiken für eine ungünstigere Entwicklung bleiben angesichts der Turbulenzen in der Eurozone aber erheblich. Die bislang günstige Entwicklung am Arbeitsmarkt wird sich zwar kaum weiter fortsetzen, mit einer Verschlechterung wird aber auch nicht gerechnet. Der Preisauftrieb hat mit Beruhigung der Ölpreise erwartungsgemäß nachgelassen, ein verstärkter Kostendruck durch höhere Tariflohnanhebungen wird die Inflationsrate aber in der Nähe von 2 % halten.

Durch den unklaren Wahlausgang in Griechenland und erforderlich gewordene Neuwahlen hat sich die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Eurozone noch erhöht. Ohne Strukturreformen, wie sie auch in anderen Schuldenländern erforderlich sind und die sicherlich teilweise unausweichliche Sparmaßnahmen beinhalten, würden die grundlegenden Probleme der Krise jedoch nicht gelöst. Adäquate Reformen würden vielmehr Wachstumspotenziale eröffnen. Zusätzliche Wachstumsprogramme können je nach Situation hilfreich sein, sie können den Anpassungsprozeß aber auch behindern; ohne Reformen würden sie aber lediglich Strohfeuer erzeugen und die Verschuldung weiter erhöhen.

Die Sparmaßnahmen in vielen Euroländern, wobei notwendige Reformen allerdings nicht selten durch allgemeine Steuererhöhungen oder Ausgabensenkungen ersetzt wurden, haben die Konjunktur in jenen Ländern und in der Eurozone insgesamt in eine Rezession geführt. Die deutsche Wirtschaft hat sich dabei relativ gut gehalten; nach einer Konjunkturdelle Ende 2011 setzte sich die Aufwärtsbewegung zu Beginn dieses Jahres überraschend stark fort. Die Aufträge aus den Euroländern gingen zwar zurück, doch konnte das durch eine wieder anziehende Nachfrage aus der übrigen Welt und durch die inländische Konsumnachfrage mehr als kompensiert werden. Die Beschäftigung wurde noch ausgeweitet. In jüngster Zeit hat sich allerdings die Stimmungslage in der deutschen Wirtschaft eingetrübt.

Für die Prognose wird davon ausgegangen, dass die Eurozone erhalten bleibt und der durch den Fiskalpakt vorgezeichnete Kurs von Reform- und Konsolidierungsmaßnahmen fortgesetzt wird. Für zusätzliche Wachstumsinitiativen besteht angesichts der bereits hohen Verschuldung wenig Spielraum. Weitere Sparmaßnahmen in den Euroländern dürften vom Umfang her geringer ausfallen als die bisherigen, entsprechend auch die kontraktiven Effekte auf die Nachfrage aus diesen Ländern. Die Exporte werden daher wieder mehr von der steigenden Nachfrage aus der übrigen Welt bestimmt werden, zumal der Euro spürbar abgewertet wurde. Im Inland stützen die gute Beschäftigungslage und höhere Tarifabschlüsse die Einkommen und den privaten Konsum. Zudem sind im Wohnungsbau die Aufträge so stark gestiegen, dass der Rückgang im öffentlichen Bau mehr als kompensiert wird. Lediglich die Unternehmen dürften angesichts der unsicheren Perspektiven vorsichtiger investieren. Alles in allem sollte die deutsche Wirtschaft auf einem moderaten Wachstumspfad bleiben. In diesem Jahr wäre dann mit einer Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts von einem Prozent zu rechnen. Die Beschäftigung würde bei dieser Entwicklung im weiteren Verlauf stagnieren. Der Preisauftrieb bliebe moderat und würde ohne neuerliche Ausschläge bei den Ölpreisen unter der 2-Prozent-Marke bleiben.

Die Prognose für 2013 hängt in noch stärkerem Maße als die für 2012 von den Weichenstellungen in nächs-ter Zeit im Rahmen der Euro-Krise ab. Eine Fortführung der durch den Fiskalpakt vorgegebenen Reformmaßnahmen würde über eine Wiedergewinnung von Vertrauen und Stabilität mittel- bis längerfristig allen Ländern zugutekommen. Bei glaubhafter rascher Umsetzung könnte sich die Konjunktur im Euroraum im kommenden Jahr mehr und mehr wiederbeleben. Für Deutschland bedeutete dies, dass die für dieses Jahr erwartete Aufwärtstendenz an Dynamik gewinnen würde. Im Durchschnitt von 2013 könnte das Wirtschaftswachstum dann 1 ½ % erreichen. Bei weiterer Verschärfung oder gar Eskalation der Euro-Krise ist jedoch auch ein Abschwung bis hin zur Rezession nicht auszuschließen.

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