HWWI Update 02 2012
Zeiteinsatz von Vätern für Kinderbetreuung international im Aufwärtstrend
Die Arbeitsteilung von Müttern und Vätern in Familie und Beruf hat sich in den letzten Jahrzehnten in den meisten Ländern verschoben. Mütter gehen zunehmend einer bezahlten Erwerbstätigkeit nach, und immer mehr Väter wollen Verantwortung für Familienaufgaben übernehmen. Lassen sich diese Trends in der Zeitverwendung in einschlägigen Zeitverwendungsdaten bestätigen? Und inwiefern haben arbeitsmarktbezogene oder familienpolitische Einflussfaktoren die individuelle Zeitverwendung der Eltern beeinflusst?
Das HWWI ist im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) diesen Fragen nachgegangen und hat in einer umfangreichen Studie die Zeitverwendung von Eltern auf Kinderbetreuung, Hausarbeit, Kochen und Erwerbsarbeit über einen Zeitraum von über 30 Jahren im internationalen Vergleich analysiert. Zu den untersuchten Ländern zählen Deutschland, Italien, das Vereinigte Königreich, Niederlande, Kanada, Schweden, Norwegen und Finnland.
Als Datenbasis diente die Multinational Time Use Study (MTUS), die harmonisierte, auf nationaler Ebene repräsentative und aus Tagebuchaufzeichnungen gewonnene Zeitbudgetstudien zusammenbindet. Der für die Studie verwendete Datensatz umfasst 30 Befragungen über den Zeitraum 1971–2005 mit insgesamt 132 460 Beobachtungen verheirateter oder mit einem Partner zusammen lebender Elternteile mit einem jüngsten Kind unter fünf Jahren1 im Haushalt.2 Dabei stand die tägliche Zeitverwendung in Minuten im Fokus, die den durchschnittlichen Zeiteinsatz in der Untersuchungsgruppe der Väter bzw. Mütter erfasst. Zusätzlich wurde auch der Anteil jener Elternteile dargestellt, die überhaupt Zeit für Kinderbetreuung oder Hausarbeit aufwendeten (Partizipationsrate).
Im Folgenden werden die wesentlichen Ergebnisse der HWWI-Studie mit Bezug auf die Zeitverwendungen Hausarbeit und Kinderbetreuung dargestellt.3
Die Zeit, die Väter mit Kinderbetreuung (siehe Grafik) und Hausarbeit verbringen, ist im beobachteten Zeitraum im internationalen Trend kontinuierlich angestiegen. Kinderbetreuung zeigte dabei einen noch deutlicheren Aufwärtstrend als Hausarbeit. Nicht nur die Zeit in Minuten, sondern auch der Anteil der Väter, die überhaupt Zeit mit ihren Kindern verbrachten, nahm über die Zeit deutlich zu. Die Partizipationsrate der Väter an Kinderbetreuung lag zur Jahrtausendwende in den untersuchten Ländern zwischen 70 und 84 %.
Auch Mütter weiteten – trotz ansteigender Frauenerwerbstätigkeit – ihre Kinderbetreuungszeit in den letzten Jahrzehnten in den meisten Ländern aus. Dies galt für Teilzeit- wie vollzeiterwerbstätige Mütter und zeigt insgesamt einen Bedeutungszuwachs von Kinderbetreuung. Die Hausarbeitszeit von Müttern ging dagegen kontinuierlich zurück.
Je höher das Bildungsniveau der Väter, desto mehr Zeit verbrachten diese in der Regel mit ihren Kindern. Dies galt sowohl für den Anteil der Väter, die sich überhaupt in Kinderbetreuung engagierten, als auch für die Betreuungsminuten pro Tag.
Das unterschiedliche Niveau der Zeitverwendung kann teilweise durch die jeweiligen Arbeitszeitregime erklärt werden. So leisteten Väter in Ländern mit höherer Frauenerwerbsquote in der Regel mehr Hausarbeit als Väter in Ländern mit geringerer Erwerbsbeteiligung von Frauen. Zusätzlich ging eine höhere Vollzeitquote von Frauen mit weniger Hausarbeit von Müttern und Vätern einher.
In skandinavischen Ländern wurde eine Angleichung der Geschlechter auch durch Familienpolitik deutlich unterstützt. Hier hatten spezielle Väter-Komponenten, gekoppelt mit hohen Lohnersatzleistungen während der Elternzeit, eine förderliche Wirkung. Eine lange Elternzeit hatte, insbesondere, wenn sie mit einem nur mäßigen Lohnersatz kombiniert wurde, einen negativen Einfluss auf die Kinderbetreuungszeit von Vätern. Eine väterfreundliche Familienpolitik hatte einen zusätzlichen Hebel auf die Väter-Beteiligung an der Kinderbetreuung.
Deutschland war das einzige der untersuchten Länder, in dem die Hausarbeitszeit teilzeiterwerbstätiger Mütter über die Zeit anstieg, während die Kinderbetreuungszeit abnahm (1991–2001). Unter den vollzeiterwerbstätigen Müttern stieg hingegen – dem internationalen Trend folgend – die mit Kindern verbrachte Zeit, die Hausarbeitszeit nahm ab. Auch die Väter folgten dem internationalen Muster: Unter ihnen nahm die Zeit für Kinderbetreuung und Hausarbeit binnen Zehnjahresfrist zu. Gleichfalls stieg der Anteil der Väter, die überhaupt Zeit auf diese Aktivitäten verwendeten, im Zeitablauf an.
Da die Daten zum Zeitpunkt der Studie nicht über das Jahr 2005 hinaus gingen, kann sich die Darstellung der nationalen familienpolitischen und makroökonomischen Rahmendaten jeweils nur auf den durch die Zeitverwendungsdaten abgedeckten Zeitraum beziehen. Insofern kann auf Basis dieser Studie weder eine Aussage über die elterliche Zeitverwendung am aktuellen Rand noch über deren Beeinflussung durch aktuelle makroökonomische oder familienpolitische Einflüsse getroffen werden. Insbesondere der Einfluss des im Jahr 2007 in Deutschland eingeführten Elterngeldes und der Elternzeit kann derzeit anhand der MTUS-Daten nicht verifiziert werden.
Die oben geschilderten diesbezüglichen Erfahrungen skandinavischer Länder geben jedoch Anlass zur Hoffnung, dass diese Maßnahmen die Väterbeteiligung an Hausarbeit und Kinderbetreuung auch in Deutschland weiter stimulieren könnten. Die Studienrergebnisse zeigen allerdings auch, dass zentral für eine solche positive Wirkungsentfaltung des Elterngeldes sein dürfte, die aktuell vergleichsweise kompakte Zeitspanne für Kinderbetreuung, in der Lohnersatzleistungen gezahlt werden, beizubehalten.
1 Norwegen: sieben Jahre.
2 Es wurden alle zum Zeitpunkt der Studie verfügbaren Erhebungen pro Land verwendet. Die Länder unterscheiden sich allerdings sowohl in der Anzahl der Erhebungen als auch in dem durch die Erhebungen abgedeckten Zeitraum. Für Deutschland konnten beispielsweise nur zwei Zeitbudgeterhebungen – jene von 1991/1992 sowie jene von 2001/2002 – ausgewertet werden, da nur diese in der MTUS enthalten und auf nationaler Ebene verfügbar sind.
3 Unter Hausarbeit ist Hausarbeit im engeren Sinne wie Waschen, Bügeln, Putzen, Zubereiten von Mahlzeiten, Geschirrspülen und Wegräumen desselben, (Ab-)Decken des Tisches, Herstellen und Konservieren von Lebensmitteln etc. zu verstehen. Nicht enthalten sind Gartenarbeit, Einkaufen, Reparaturen in Haushalt und am Auto, Haustierversorgung, Dekorieren etc. Unter Kinderbetreuung werden folgende Tätigkeiten zusammengefasst: Zubereitung von Mahlzeiten für Babys und Kinder, Fütterung von Babys und Kindern, Waschen, zu Bett Bringen, medizinische und körperliche Pflege, Betreuung, Hilfestellung bei Hausaufgaben, Vorlesen und Spielen mit Babys und Kindern.
Studie
Boll, C., Leppin, J., Reich, N. (2011): Einfluss der Elternzeit von Vätern auf die familiale Arbeitsteilung im internationalen Vergleich. Gutachten für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), HWWI Policy Paper 59, Hamburg.
Kurz- und Langfassung stehen als Download zur Verfügung:
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Vgl. auch BMFSFJ (2012) (Hrsg.): Familienreport 2011, Seite 91.
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