HWWI Update 06 2011

OSTSEERAUM

Demografie und Arbeitsmarktintegration im Ostseeraum

by Max Friedrich Steinhardt, Jan Wedemeier

In den Ostseeanrainern (ohne Russland) waren im Jahr 2009 etwa 67 Millionen Menschen erwerbstätig. Dies entspricht 31 % aller Erwerbstätigen in der Europäischen Union (EU). Seit 1999 ist in den Ländern im Ostseeraum mit Ausnahme von Russland und Litauen ein positiver Trend bei der Anzahl der Erwerbstätigen zu beobachten. Für die zukünftige ökonomische Entwicklung der Region wird es insbesondere darauf ankommen, die technologische Leistungsfähigkeit und Innovationskraft zu sichern und auszubauen.

Vor allem die östlichen Ostseeanrainer weisen weiterhin einen hohen ökonomischen Aufholbedarf auf und sind in einer noch nicht abgeschlossenen Transformationsphase. Deshalb ist eine ausreichende Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften eine zentrale Bedingung für die Zukunftsfähigkeit des Ostseeraumes. Allerdings wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im Zuge des demografischen Wandels voraussichtlich in allen Ländern mit Ausnahme von Schweden in den kommenden Jahrzehnten abnehmen (siehe Abbildung). Da Wanderungsbewegungen die skizzierten demografischen Entwicklungsprozesse in den Ländern abschwächen oder verstärken können, wird das Thema Zuwanderung für die Ostseeanrainer zukünftig an Bedeutung gewinnen. Während die Baltischen Staaten und Polen in den letzten zehn Jahren durch massive Abwanderungen gekennzeichnet waren, weisen die Staaten im westlichen Teil des Ostseeraums in der Regel positive Zuwanderungssalden auf.

Seit dem 1. Mai 2011 gilt die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit (und Dienstleistungsfreiheit) für alle Staatsbürger der EU-8 (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn) auch in Deutschland und Österreich. Welche Auswirkungen diese Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Arbeitsmarktintegration in der EU haben wird, ist aufgrund des einmaligen Charakters der Situation nur schwer abzuschätzen. Unter anderem ist es problematisch vorherzusagen, inwiefern die Umlenkungseffekte der Migrationsbewegungen, die es durch die unterschiedliche Anwendung der Arbeitnehmerfreizügigkeit in den europäischen Ländern gegeben hat, nachhaltig sein werden. Zum Beispiel ist nicht abzusehen, ob Großbritannien und Irland auch in Zukunft einen Großteil der Zuwanderer aus den EU-8 aufnehmen werden, oder ob diese sich – bedingt durch den starken Aufschwung der deutschen Wirtschaft – zukünftig wieder vermehrt Deutschland zuwenden werden.

Erste Prognosen des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gehen davon aus, dass die EU-15 aus den EU-8 Staaten ab 2011 jährlich eine Nettozuwanderung von 220 000 Personen zu erwarten hat, die bis 2020 auf ca. 100 000 absinken wird. Für Deutschland wird, je nach Szenario, mit einer jährlichen Nettozuwanderung zwischen 52 000 und 137 000 gerechnet.

Darüber hinaus wird in den öffentlichen Diskussionen über das Ende der übergangsfrist für die Arbeitnehmerfreizügigkeit oft die Hoffnung geäußert, dass zukünftig vermehrt qualifizierte Fachkräfte aus Osteuropa nach Deutschland wandern würden. Hier wird oft vergessen, dass Deutschland bereits vorzeitig den Arbeitsmarkt für Ingenieure (2007) und Akademiker (2009) aus den neuen EU-Mitgliedstaaten geöffnet hat. Es ist deshalb fragwürdig, ob es im Zuge des Auslaufens der übergangsfristen zu einer verstärkten Zuwanderung in diesem Bereich kommen wird. Offen bleibt auch, wie sich die Arbeitskräfte aus den EU-8 Staaten verhalten werden, die in den letzten Jahren als Saisonarbeitnehmer in Deutschland gearbeitet haben.

Zuletzt bleibt festzuhalten, dass Deutschland trotz der übergangsfristen zwischen 2004 und 2010 im Schnitt eine Nettozuwanderung von ca. 35 000 Personen aus den EU-8 Staaten pro Jahr zu verzeichnen hatte, während der entsprechende Zuwanderungssaldo in Zeitraum 2000 bis 2003 bei lediglich 21 500 Personen lag. Im Bereich der vermittelten Saisonarbeitnehmer aus Polen, die mit Abstand die größte Gruppe aus den neuen EU-Mitgliedstaaten stellen, fielen die Zahlen seit 2003 hingegen von 263 000 auf knapp 180 000 Personen im Jahr 2009. Es bleibt daher abzuwarten, wie sich die späte Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes auf die zukünftige quantitative und qualitative Dimension der Zuwanderung aus Osteuropa auswirken wird.

Empfehlenswerte Literatur

Stiller, S., Wedemeier, J. (2011): Zukunft Ostseeraum: Potenziale und Herausforderungen, HWWI Policy Report Nr. 16, Hamburg.

Steinhardt, M. (2009): The Dimensions and Effects of EU Labour Migration in Germany, in: Galgóczi, B. et al. (Hrsg.): EU Labour Migration since Enlargement – Trends, Impacts and Policies, Ashgate and Gower, Surrey.