HWWI Update 06 2012

KEO

Kooperation zwischen Deutschland, Polen und Tschechien im Elbe-Oder-Raum

by Mark-Oliver Teuber, Jan Wedemeier

Das HWWI hat in Kooperation mit der Handelskammer Hamburg die Regionen der Kammerunion Elbe/Oder (KEO) untersucht. Im Zuge der Analyse wurden zahlreiche Themengebiete wie Demografie, Wirtschaftsstruktur, Handelsströme und Verkehrsinfrastruktur betrachtet.

Die Kammerunion Elbe/Oder (KEO) ist ein Zusammenschluss von deutschen, polnischen und tschechischen Industrie- und Handelskammern. Diese haben sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam die Interessen der Unternehmen der Region auf nationaler und europäischer Ebene zu vertreten. Zur KEO zählen die ostdeutschen Bundesländer (mit Ausnahme von Thüringen), Schleswig-Holstein, Hamburg und das Gebiet des ehemaligen niedersächsischen Regierungsbezirks Lüneburg. Die polnischen KEO-Regionen sind die Woiwodschaften Dolnośląskie, Lubuskie, Śląskie, Opolskie, Wielkopolskie und Zachodniopomorskie. In Tschechien zählen die Bezirke Ústecký kraj, Liberecký kraj sowie das Gebiet um die Hauptstadt Praha (Prag) dazu. Zudem sind die Auslandshandelskammern in Prag und Warschau assoziierte KEO-Mitglieder.

Im Jahr 2010 lebten in der KEO-Region 37,6 Mio. Menschen, was einem Anteil von 7,5 % an der EU-Bevölkerung entspricht. Hier werden 5,7 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Europäischen Union (EU) erwirtschaftet. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt in der KEO-Region unterhalb des entsprechenden durchschnittlichen Einkommens in der EU.

Die regionalen Bruttoinlandsprodukte der KEO-Regionen unterscheiden sich sowohl in der Höhe als auch in der Zusammensetzung. Die deutschen Regionen liegen beim Pro-Kopf-Einkommen deutlich vor den übrigen KEO-Regionen, wobei Praha mit einem relativ hohen Einkommensniveau hiervon ausgenommen ist. Die einkommensschwächsten Gebiete der KEO-Region finden sich in Polen.

In den wirtschaftlich schwächeren Regionen hat in den letzten Jahren ein Aufholprozess begonnen. Tschechische und polnische Regionen realisieren dabei Wachstumsraten, welche deutlich oberhalb des Wachstums des BIP und der Produktivität der deutschen Regionen liegen. Für die Zukunft ist die Fortsetzung des Aufholprozesses für zahlreiche Regionen in der KEO zu erwarten. In dessen Verlauf sind ein Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen und aufgrund des sich fortsetzenden ökonomischen Strukturwandels eine Zunahme der Produktivität der Erwerbstätigen zu erwarten. Das HWWI prognostiziert für das Wachstum des BIP in Polen bis zum Jahr 2030 +93,8 %, für Tschechien +59,3 % und für Deutschland +32,9 %.

Trotz der günstigen makroökonomischen Perspektiven besteht die Gefahr der zukünftigen Verstärkung der räumlichen Polarisierung, weil sich die Standortbedingungen zwischen den Regionen der KEO erheblich unterscheiden. Im Zuge dieser Entwicklung könnten ländliche Regionen, aber auch strukturschwache Städte, von dem ökonomischen Aufholprozess abgekoppelt werden. Während in zahlreichen Regionen das Pro-Kopf-Einkommen deutlich unterhalb des EU-Durchschnitts liegt, entwickeln sich Städte und ihr Umland als regionale Wachstumskerne vielerorts bereits sehr dynamisch. Hierfür sind verschiedene Rahmenbedingungen verantwortlich. Das Ausbildungsniveau der Stadtbevölkerung ist relativ hoch. Zudem bieten Städte eine stärkere räumliche Konzentration wissensintensiver Dienstleistungen und Produktion.

Ausgeprägte regionale Disparitäten lassen sich auch im Hinblick auf die demografischen Entwicklungsperspektiven feststellen. In der jüngeren Vergangenheit hat sich gezeigt, dass zahlreiche Regionen im KEO-Raum Bevölkerung verlieren. Demografische Prognosen implizieren, dass sich dieser Abwärtstrend besonders in ökonomisch schwächeren Regionen aufgrund von Abwanderung verschärfen könnte (vgl. Abbildung). Insgesamt wird für den KEO-Raum von 2010 bis 2030 ein Rückgang der Bevölkerung um 6 % prognostiziert. Dieser wird insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern stattfinden. In Polen sind Opolskie (-9,7 %) und Śląskie (-9,4 %) von hohen Bevölkerungsverlusten betroffen. Für die EU wird hingegen bis 2030 eine Bevölkerungszunahme von +4,2 % erwartet.

Für die Entwicklungsperspektiven ist es bedeutsam, dass es im KEO-Raum ausgeprägte siedlungsstrukturelle Unterschiede gibt. Die Großstädte Hamburg und Prag sind die Wachstumskerne in Bezug auf die Bevölkerung und das BIP. In Polen findet hingegen ein Suburbanisierungsprozess statt, wodurch die Bevölkerung im Umland der großen Städte zunimmt. Daher werden die umgebenden Regionen von Warszawa (Warschau), Szczecin, Wrocław und Poznań bis 2030 einen deutlich stärkeren Bevölkerungszuwachs als die Städte selbst erfahren (vgl. Abbildung).

In weiten Teilen der KEO gehen von der fortschreitenden Integration in die internationale Arbeitsteilung wichtige ökonomische Impulse aus. Es lässt sich feststellen, dass der Außenhandel im KEO-Raum in den letzten Jahren zugenommen hat und dass sich gleichzeitig die Handelsbeziehungen in der Region intensiviert haben. Für deren zukünftige Entwicklung sind die Reduzierung von grenzüberschreitenden Transaktionskosten und die Entwicklung der nationalen Bruttoinlandsprodukte bedeutsam. Aufgrund der positiven Entwicklungstrends der gesamtwirtschaftlichen Produktion, die sich positiv auf die Güternachfrage auswirken, ist für die Zukunft eine deutliche Zunahme des Außenhandels Polens, Tschechiens und Deutschlands zu erwarten. Für die Zunahme der Exporte ergibt eine HWWI-Prognose bis zum Jahr 2030 ein Plus von 201,4 % für Polen, +146,5 % für Tschechien und +92,7 % für Deutschland.

Der internationale Güterhandel ist eine wichtige Determinante für das Verkehrsaufkommen im KEO-Raum. Auf nationaler Ebene dominiert der Gütertransport auf der Straße am Modal Split in Deutschland mit einem Anteil von 67 %, Polen von 80,5 % und Tschechien von 77,8 %. Die Nutzung des Verkehrsträgers Schiene für den Gütertransport liegt in den drei Ländern zwischen 19,4 und 22,1 %. Das Binnenschiff nimmt im Inlandtransport bisher nur in Deutschland eine bedeutende Position ein (12,1 %). Im letzten Jahrzehnt hat dabei in allen drei Ländern insbesondere das Güterverkehrsaufkommen auf der Straße zugenommen. Aufgrund des zukünftigen ökonomischen Wachstums und des Außenhandels wird die Auslastung der Verkehrsträger im KEO-Raum ansteigen, was vielerorts zu Engpässen in den Transportkapazitäten führen könnte.

Die Analysen zeigen, dass die grundlegenden Voraussetzungen für eine dauerhaft positive ökonomische Entwicklung der KEO das Fortschreiten des Integrationsprozesses und des Strukturwandels sind. Im Hinblick auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit dieser Regionen lassen sich zahlreiche Politikfelder identifizieren, unter denen der Ausbau der Bildungs- und Forschungskapazitäten, der Umgang mit demografischen Herausforderungen und die qualitative und quantitative Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur besonders relevant sind. Einen Beitrag zur Bewältigung dieser Herausforderungen kann eine vertiefte interregionale Kooperation zwischen den Regionen der KEO leisten.


Studie

Bräuninger, M.; Stiller, S.; Teuber, M.; Wedemeier, J. (2012): Ökonomische Entwicklungsperspektiven in der Kammerunion Elbe/Oder (KEO), HWWI Policy Report 18, Hamburg.