HWWI Update 05 2012

HANDEL UND VERKEHR

Neue Handelswege in Europa und ihre Bedeutung für Hamburg

by Ulrike Biermann, Silvia Stiller

Die Intensität und Richtung intraeuropäischer Handelsströme werden von einer Reihe von Faktoren beeinflusst. Hierzu gehören sowohl die Nachfrage und das Angebot an Gütern und deren regionale Verteilung als auch die Verkehrsinfrastruktur. Im nächsten Jahrzehnt werden umfangreiche Infrastrukturinvestitionen, wie zum Beispiel im Rahmen des Transeuropäischen Verkehrsnetzes TEN-T, die europäischen Handelsmuster und Verkehrsströme beeinflussen. Vor diesem Hintergrund analysiert die neue HWWI-Studie „Handelswege der Zukunft“, die im Auftrag der Hamburger Sparkasse erstellt wurde, welche Herausforderungen und Chancen sich dadurch für den Hafenstandort Hamburg ergeben werden.

Gegenwärtig stellt die Hamburg-Le Havre-Range Europas Schnittstelle für den Handel mit der Welt dar. Die Häfen in dieser Region sind, so wie die Großstädte in den zentralen europäischen Regionen, die wichtigsten Hubs für den Rest des Kontinents. Ihre wichtige logistische Rolle wird bis voraussichtlich 2030 auch von Infrastrukturinvestitionen, die an anderen Standorten getätigt werden, potenziell beeinflusst. Erheblichen Einfluss hat hier das Transeuropäische Verkehrsnetz (TEN-T), welches die Infrastruktur und damit auch die Erreichbarkeit von Märkten innerhalb Europas fördert. Im TEN-Kernnetz befinden sich rund 80 europäische Häfen, deren Standortbedingungen durch die geplanten Investitionen neu bestimmt werden.

Für den Wettbewerb des Hamburger Hafens mit den belgischen und niederländischen Häfen ist der Ausbau der Binnenwasserachse Rhein/Meuse-Main-Donau relevant, welche Rotterdam und Antwerpen einen effizienteren Zugang nach Zentral- und Osteuropa bis zum Schwarzen Meer gewährt. Die Seine-Schelde-Wasserstraße verbessert den Zugang von Hamburgs Konkurrenten zum deutschen Absatzmarkt. Auch die Bahnachse Lyon/Genf-Basel-Duisburg-Rotterdam/Antwerpen verbessert die Hinterlandanbindungen Rotterdams und Antwerpens (sowie des Duisburger Binnenhafens). Während die Standorte der Konkurrenzhäfen Hamburgs also unmittelbar durch direkte TEN-T-Verbindungen profitieren, lassen die aktuellen Vorzugsprojekte Norddeutschland – von der Fehmarnbeltquerung abgesehen – aus. Dabei wäre vor allem eine effiziente Verbindung Hamburgs nach Polen von großer Bedeutung, weil diese den Zugang zu wachsenden Märkten in Osteuropa sichert.

Die positiven Aussichten für Hamburg hinsichtlich der Handelsbeziehungen nach Osteuropa können durch eine Vereinheitlichung der Verkehrssysteme, beispielsweise im Hinblick auf die Spurbreite, in West- und Osteuropa verbessert werden. Deutschlands relative Benachteiligung innerhalb der TEN-T-Gesamtplanung ist generell kritisch zu sehen. Die bisher in der Bevölkerungs- und Bruttoinlandsprodukterreichbarkeit ungünstig positionierten Standorte Danzig und Gdynia werden ihr Marktpotenzial durch die TEN-T-Bahnachse von Danzig durch Polen und Tschechien nach Wien sowie durch ein neues Containerterminal erweitern. Diese Entwicklung stärkt in der Tendenz ihre Wettbewerbsposition.

Obwohl China wichtigster Handelspartner des Hamburger Hafens bleibt und auch weitere Anteile des interkontinentalen Handels, wie beispielsweise mit Lateinamerika, Wachstumschancen bieten, werden auch in Zukunft der innereuropäische Handel und der Weitertransport von im Hamburger Hafen angelandeten Gütern in andere EU-Länder für die Entwicklung des Hamburger Hafens eine maßgebliche Rolle spielen. Ein wichtiger Faktor, der sich positiv auf Hamburgs Wettbewerbssituation unter den europäischen Häfen auswirkt und auch in Zukunft Bestand haben wird, ist die relative ökonomische Stärke der Metropolregion Hamburg mit ihrem relativ hohen Marktpotenzial. Sie fungiert sowohl als wichtiger Absatzmarkt, Produktions- und Umschlagplatz sowie als logistische Innovations- und Kompetenzregion. Entsprechende Marktpotenziale, welche die Standortbedingungen der Häfen beeinflussen, weisen nur wenige Hafenstandorte in der EU auf. In vielen Regionen ist das Hinterland der Häfen weniger einkommensstark und weniger dicht besiedelt als in der Metropolregion Hamburg, beispielsweise im Umland der polnischen Häfen.

Zur weiteren Stärkung der Wettbewerbsposition gegenüber den Konkurrenten, wie Rotterdam und Antwerpen, ist die kontinuierliche Effizienzsteigerung der logistischen Leistungen am Hamburger Hafen erforderlich. Hier lässt sich der Ausbau der Infrastruktur für den Hafenhinterlandverkehr als wichtigster Ansatzpunkt zum Erhalt der Konkurrenzfähigkeit identifizieren. Dem Modal Shift zur Schiene und einer vermehrten Nutzung der Binnenwasserstraße Elbe sollte mehr Aufmerksamkeit gelten. Dieser Aspekt wird auch im TEN-T aufgegriffen, was auch im Hinblick auf die ökologische Nachhaltigkeit sowie Innovationspotenziale bedeutsam ist.


Studie

Biermann, U.; Bräuninger, M.; Neubach, C.; Stiller, S. (2012): Handelswege der Zukunft – Ökonomische Entwicklungsperspektiven und Handelsströme in Europa, Studie im Auftrag der Hamburger Sparkasse.