HWWI Update 05 2012

EURO

Vier Szenarien zur Zukunft des Euro

by Michael Bräuninger, Jörg Hinze

In der Studie „Der Euro in der Krise“ analysieren HWWI und PwC die Eintrittsvoraussetzungen und Konsequenzen von vier Szenarien, die die Diskussion um die Euro-Schuldenkrise bestimmen.

Die derzeitige Staatsschuldenkrise in Europa hat auch die gemeinsame europäische Währung an den Rand des Zusammenbruchs gebracht und so auf viele bislang ungelöste und zu wenig beachtete Probleme aufmerksam gemacht. Damit sind Fragen entstanden, die man sich vor einigen Jahren kaum vorstellen konnte: Wird der Euroraum Bestand haben? Sollten einzelne Länder aus der Währungsunion ausscheiden oder würde dies eine Kettenreaktion auslösen? Welche Kosten wären mit dem Ausscheiden einzelner Länder aus dem Euroraum oder gar mit seiner Auflösung verbunden? Was muss getan werden, um den Euroraum zu erhalten?

In der Studie (siehe Kasten) zeigen HWWI und PwC die Folgen unterschiedlicher Entwicklungsszenarien für Politik und Wirtschaft auf. Dort werden vier Szenarien entwickelt, die helfen sollen, Entscheidungen einzuordnen und in ihren Auswirkungen zu beurteilen. Szenarien sind dabei keine zielgenauen Prognosen, sondern plausible Entwicklungspfade in die Zukunft bei variierenden Rahmenbedingungen.



Szenario 1: Rückkehr zu den Maastricht-Kriterien
Der Erhalt der Europäischen Währungsunion sollte aus politischen wie ökonomischen Gründen das Ziel der europäischen Staaten sein. Eine Normalisierung der Lage erfordert jedoch Zeit und setzt eine Lösung der in der Krise zutage getretenen grundlegenden Probleme voraus. In diesem Szenario gelingt es der Politik, das Verschuldungsproblem in den Griff zu bekommen und die Finanzmärkte zu beruhigen. Die Maastricht-Verträge werden wieder eingehalten und ihre Glaubwürdigkeit wird durch zusätzliche Abkommen und Verträge gestärkt. Der im März 2012 beschlossene Fiskalpakt und der politische Druck der Partnerstaaten führen nicht nur bei denjenigen Staaten, die sich unter dem Rettungsschirm befinden, zu Reformen und Ausgabendisziplin, sondern auch bei all denen, die die Maastricht-Kriterien verletzen. Überdies werden die Staaten der Eurozone durch den Druck der Märkte diszipliniert. So gelingt es, die jährlichen Budgetdefizite und die Staatsschuldenquoten zurückzuführen. Die Finanzmärkte schöpfen wieder Vertrauen in die Eurozone insgesamt und in die einzelnen Staaten. Mit dieser Beruhigung verlieren die Rettungsschirme an Bedeutung. Der Euroraum bleibt erhalten und bei zukünftigen Erweiterungen der Eurozone wird die Politik strengere Konvergenzkriterien anlegen.

Die Probleme auf dem Weg zu einer stabilen Währungsunion sind allein mit der Verabschiedung des Fiskalpakts und der Ausweitung der Rettungsschirme keinesfalls gelöst. Der Erfolg der beschlossenen Maßnahmen hängt letztlich davon ab, inwieweit die Schuldenländer, allen voran Griechenland, Portugal, Spanien und Italien, die „erkaufte“ Zeit nutzen, um nachhaltige Strukturreformen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft und die Konsolidierung ihrer Staatshaushalte anzugehen.

Szenario 2: Eurobonds
Mit jeder Verschärfung der Eurokrise wurden Eurobonds als Instrument zur „Lösung“ der Krise ins Spiel gebracht. Die Befürworter solcher gemeinsam von allen Eurostaaten begebenen Staatsanleihen sehen in ihnen einen Schlüssel zur Lösung der Probleme. Die deutsche Bundesregierung lehnt Eurobonds bisher ab. Hauptgrund dafür ist, dass Deutschland alleine günstigere Finanzierungsbedingungen erreicht, als es für Eurobonds zu erwarten ist. Gleichzeitig fordert Angela Merkel eine weiter gehende fiskalpolitische Union der Eurozone, die auch Durchgriffsrechte bei Verstößen gegen Haushalts- und Verschuldungsregeln haben soll.

In diesem Szenario wird untersucht, welche Folgen die Einführung von Eurobonds ohne eine weiter gehende politische Union, also ohne zusätzliche Änderungen der institutionellen Rahmenbedingungen, für die Stabilität von Staat und Wirtschaft im Euroraum hätte. Eurobonds mit gemeinschaftlicher Haftung aller Euroländer führen zu einer Konvergenz der Zinssätze. Damit entfällt der Markt als Disziplinierungsinstrument und es würden falsche Anreize gesetzt. Das doppelte Moral-Hazard-Problem würde durch Eurobonds institutionalisiert. Trägt die Gemeinschaft der Eurostaaten am Ende die nationalen Schulden, gibt es aus Sicht des einzelnen Staates keinen Anreiz, Schulden zu reduzieren und strukturelle Reformen durchzuführen und die Banken finanzieren die Staatsschulden ungeachtet des Emittenten-Risikos bereitwillig weiter. Wie in der Vergangenheit gelingt es der Politik nicht, die Defizite zu begrenzen. Die Folge wären weiter steigende Schuldenquoten. Durch diese Fehlanreize können sich die aktuellen Probleme sogar eher verfestigen. Dies führt vielmehr zu einer Destabilisierung des Euroraums als zu einer Stabilisierung.

Szenario 3: Europäischer Staatenbund
Weil die Folgen eines Staatsbankrotts einzelner Eurostaaten für die Eurozone immens sind, plädieren viele Politiker für eine Ausweitung der politischen und fiskalischen Union. So soll ein Geburtsfehler des Euro korrigiert werden. Vor dem Hintergrund der ausufernden Staatsschulden in einigen Ländern der Währungsunion steigt der Druck zur Einführung von Eurobonds. Gleichzeitig führen die globalen ökonomischen Veränderungen und das stabile Wachstum in den Schwellenländern dazu, dass die einzelnen Staaten der EU immer weiter an politischer Bedeutung verlieren. Um dem zu begegnen, wird in Europa der politische Einigungsprozess vorangetrieben und es wird eine europäische (Wirtschafts-)Regierung geschaffen. Die Währungsunion ist ursprünglich als Schritt zu einer politischen und fiskalischen Union geplant gewesen.

Szenario 4: Der Euro zerbricht
In diesem Szenario kann der Euroraum in seiner derzeitigen Form nicht erhalten werden. Hier sind verschiedene Unterszenarien denkbar: Ausscheiden einzelner Eurostaaten, Zusammenschluss der stärkeren Eurostaaten zu einer „Kernwährungsunion“, totaler Zerfall der Währungsunion. Am wahrscheinlichsten davon ist, dass Griechenland aufgrund mangelnder Sparanstrengungen weitere Tranchen der Rettungsschirme verwehrt werden, es zur staatlichen Insolvenz und schließlich zum Austritt Griechenlands aus dem Euroraum kommt. Sofern Staaten die Regeln der Währungsunion nicht mehr einhalten wollen, kann ihr Ausscheiden nicht verhindert werden. Es wäre dann zu befürchten, dass das Ausscheiden einzelner Länder eine Kettenreaktion in Gang setzt, bis hin zum Auseinanderbrechen der Währungsunion. Bei einer solchen Entwicklung wäre eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise nicht auszuschließen.

Die Staatsschuldenkrise hat den Euroraum erschüttert. Ein Auseinanderbrechen der Währungsgemeinschaft ist noch immer möglich. Folge einer solchen tief greifenden Spaltung wäre eine rapide Desintegration mit gravierenden politischen und ökonomischen Folgen. Um dieses Worst-Case-Szenario zu verhindern, müssen die Eurostaaten politische und institutionelle Konsequenzen ziehen und die Einigung Europas über die Währungsunion hinaus weiter vorantreiben. Nur so kann die derzeitige Krise allmählich überwunden werden und ähnliche Krisen sind in Zukunft zu vermeiden.

In der deutschen Politik gibt es über Parteigrenzen hinweg eine klare Mehrheit für den Erhalt der Eurozone. Dieses Bekenntnis schließt auch Griechenland mit ein. Ein Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion ist dennoch nicht ausgeschlossen: Sollte die künftige griechische Regierung die Reform- und Sparzusagen nicht einhalten, ließe sich eine Insolvenz Griechenlands wohl nicht mehr vermeiden. In diesem Fall wäre die Gefahr einer Kettenreaktion bis hin zur Auflösung der Währungsunion groß.


Studie

Bräuninger, M.; Hinze, J.; Straubhaar, T.; Vöpel, H.; Winkeljohann, N. (2012): Der Euro in der Krise – Handlungsempfehlungen zur Krisenbewältigung, PwC & HWWI (Hrsg.), Frankfurt a.M.

Die Studie kann im Internet bestellt werden.

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