Digitalisierung

Resümee des Digitalisierungsworkshops im Oktober

07.11.2016 | News | von Andreas Marcus Röhlig
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Nur wenige Themenvermögen zurzeit so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie die digitale Transformation. Und das überrascht keinesfalls. Denn in gleichem Maße, wie computergestützte System immer weiter in unseren Alltag vor- und eindringen, sie zusehends autonom agieren und kommunizieren, wandelt sich auch unsere Lebens- und Arbeitswelt. Fortschritte bei der Hard- und Softwareentwicklung ermöglichen, dass technische Hilfsmittel mittlerweile leistungsstark und zugleich handlich genug sind, um uns unauffällig in den unterschiedlichsten Bereichen zu unterstützen. Der technische Fortschritt erschafft dabei völlig neue Branchen und bringt auch neue Akteure hervor, die in etablierte Märkte drängen und diese nachhaltig verändern. Überall besteht Anpassungs- und Gestaltungsdruck. Überall ist Bewegung. Aus dieser Dynamik des schnellen Wandels ergeben sich vielfältige Chancen aber auch Herausforderung und Risiken für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Groß ist die Zahl unbeantworteter Fragen und ein entsprechend weites Betätigungsfeld eröffnet sich für die Wissenschaft. Einen kleinen Ausschnitt hieraus präsentierten und diskutierten Wissenschaftler des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und des ForschungsKollegSiegens (FoKoS) gemeinsam mit externen Gästen anlässlich des nunmehr siebten gemeinsamen Workshops beider Einrichtungen. Titel der Veranstaltung, die am 28.10.2016 im Circus Polaris in Hamburg stattfand, war Digitalisierung – Chancen und Risiken der digitalen Transformation.

Mit einleitenden Worten eröffneten Prof. Dr. Henning Vöpel (HWWI) und Prof. Dr. Carsten Hefeker (FoKoS) den Workshop und hoben dabei die verschiedenen Forschungsschwerpunkte, mit denen sich beide Einrichtungen im Bereich Digitalisierung befassen, hervor. Daran anschließend beschrieb Professor Vöpel unter der Überschrift Prinzipien und Logik der Digitalisierung die Kennzeichen der Digitalisierung und erörterte, welche Implikationen sich hieraus insbesonderefür die Wirtschaft ergeben. Neue Technologien erschaffen nicht nur neue Produkte, sondern verändern auch Prozesse. Neue Geschäftsmodelle, Produktions- und Organisationsformen entstehen, die mitunter den Wettbewerb und Markt mancher Branchen fundamental verändern. Um diesen Wandel besser zu verstehen und ihn strategisch-planvoll zu gestalten, plädierte Professor Vöpel für eine stärkere wissenschaftliche Begleitung durch die Digitalökonomie.

Dass Digitalisierung auch für den mitunter träge reagierenden Verwaltungsapparat eine gewichtige Rolle spielt und dass sich hieraus Friktionen ergeben können, ist vielen aus der persönlichen Erfahrung bekannt. Eine entscheidende Rolle bei der erfolgreichen Umsetzung kommt dabei der Personalschulung zu. In diesem Zusammenhang präsentierte Katharina Jahn (FoKoS) Studienergebnisse zur Digitalisierung in der Verwaltung – Stärkung von E-Government-Kompetenz und Bottom-up Innovationen. Ziel der Arbeit war es Profilanforderungen zu identifizieren, um so zielgerichtet den Bedarf an IT-Kompetenzen über Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zu bedienen. Frau Jahn erläuterte anschaulich einen hierfür entwickelten Leitfaden und zeigte, wie die Zielgruppenauswahl und Umsetzung geeigneter Weiterbildungsmaßnahmen erfolgen kann. Zwar ginge die Digitalisierung bereits vielerorts merklich voran, dennoch weisen zahlreiche Verwaltungen weiterhin Nachholbedarf auf.

Deutlich dynamischer und innovativer verläuft die Digitalisierung da schon im Gesundheitswesen. Einen Ausschnitt der zu diesem Thema stattfindenden Siegener Forschung präsentierte Philip Gouverneur (Universität Siegen) in seinem Vortrag zu Medical Data Understanding. Die von Prof. Dr. Marcin Grzegorzek geleitete Research Group for Pattern Recognition untersucht dabei insbesondere, wie moderne Technik genutzt werden kann, um vor allem älteren Bevölkerungsgruppen in gesundheitlichen Notlagen Hilfe zu leisten. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels werden technische Hilfssysteme hierbei immer wichtiger. Wo das Potential verschiedener Gadgets liegen kann, zeigte Herr Gouverneur anschaulich und unterhaltsam anhand einer mitgebrachten Datenbrille und eines digitalen Armbandes.

Auch wenn bereits heute viele Potentiale und Chancen der Digitalisierung offenkundig sind, so zeigten die regen Diskussionen im Anschluss der Vorträge, dass mit der gegenwärtigen Entwicklung durchaus auch Risiken verbunden sind und dass ein vorbehaltloser Technikoptimismus zu hinterfragen ist. Gerade ethische Aspekte rücken immer weiter in den Vordergrund je zahlreicher die Schnittstellen zwischen Mensch und digitaler Technik werden. Hierzu passend stellte Oliver Heger (FoKoS) die Forschungsarbeit des von Prof. Dr. Dr. Bjön Niehaves (FoKoS) geleiteten Center for Responsible Research and Design (CRID) vor. Er unterstrich dabei die Forderung nach einer frühzeitigen Einbindung gesellschaftlicher und ethischer Fragen in den Entwicklungsprozess und betonte die Notwendigkeit einer wertegeleiteten Technik- und Produktentwicklung. Mit dem vorgebrachten Value Sensitive Design Ansatz lassen sich Implikationen bereits frühzeitig erkennen und können entsprechend adressiert werden. Ziel des Forschungszentrums ist unter anderem die Erstellung eines anwendbaren Ethikgrundsatzkataloges, da weiterhin die gesellschaftlichen und ethischen Implikationen von Innovationen in der Produktentwicklung kaum Berücksichtigung finden.

Neben ethischen waren auch juristische Fragen wiederholt Gegenstand der zahlreichen Diskussionen des Workshops. Die Präsentation von Datenschutz- und IT-Rechtsexperten Dr. Volker Wodianka LL.M. (SWK Schwarz) zum Thema Datensicherheit und Datenschutz – Grundbedingung für die Digitalisierung? rundete daher die Veranstaltung in wunderbarer Weise ab. Bewusst provokant formuliert, erörterte Herr Wodianka, dass Datenschutz und -sicherheit nicht zwangsweise als notwendige Voraussetzung für den Digitalisierungsprozess verstanden werden können. Im gleichen Atemzug betonte er jedoch auch, dass dies durchaus wünschens- und empfehlenswerte Aspekte sind, die infolge der gesteigerten Sensibilisierung von Kunden und Konsumenten den Unternehmenserfolg mittel- bis langfristig durchaus beeinflussen. Auf regulatorischer Seite bestehen bereits verschiedene Gesetze, die den Datenschutz explizit thematisieren und Verstöße sanktionieren. Allerdings existiert hierbei eine gewisse Interpretationsspanne und nicht alle technischen Möglichkeiten sind berücksichtigt.

Wenn auch nur einen kleinen Ausschnitt, so konnte der Workshop dennoch ein interessantes Bild über die aktuellen Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung skizzieren. Wie aktuell die Themen sind, wie viele Fragen sie aufwerfen und wie notwendig eine wissenschaftliche Begleitung der aktuellen Prozesse ist, wurde nochmals verdeutlicht. Mit der Neugründung des An-Instituts IDEAS@ HWWI und der Arbeit am FoKoS ist hierfür ein grundlegender Schritt getan.

Allen Referenten und Teilnehmern möchten wir an dieser Stelle für ihre Diskussionsfreue und spannenden Beiträge nochmals unseren größten Dank aussprechen.