Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

29.11.2018 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel
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Konjunktur schwenkt unter Potenzialpfad

- Rückgang im dritten Quartal 2018 durch Sondereffekte bedingt

- 2019/2020: Aufschwung setzt sich in gemäßigtem Tempo fort

- Handelskonflikte, Brexit und Italien sorgen für Unsicherheit

(Hamburg, 29. November 2018) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat eine neue Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland für 2019/2020 erstellt. Die Vorausschätzung für das Wirtschaftswachstum für das Gesamtjahr 2018 hat das HWWI nach dem durch Sondereffekte bedingten Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal, von 1,9 auf 1,6 Prozent revidiert. Für 2019 und 2020 erwartet das HWWI kalenderbereinigt ein Wachstum von jeweils 1,4 Prozent; das läge etwas unterhalb des Potenzialpfads. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt bliebe dabei günstig; die Arbeitslosenquote, die jüngst unter 5 Prozent gesunken ist, wird sich weiter verringern. Der Anstieg der Verbraucherpreise, die zuletzt die 2-Prozent-Marke deutlich überschritten hat, wird sich dieser wieder annähern.

Im Detail

Die Konjunktur in Deutschland, die sich bis Sommer in einem lang anhaltenden Aufschwung befand, ist im Herbst ins Stottern geraten. Im dritten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt preis- und saisonbereinigt um 0,2 Prozent gesunken. Auch wenn dieser Rückgang vor allem durch die infolge von Änderungen der Abgas-Prüfstandards in der Autoindustrie verursachten Produktionskürzungen und Zulassungsstaus bedingt war; nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums wurde dadurch das Wirtschaftswachstum um 0,4 Prozentpunkte gedämpft. Aber selbst wenn man diesen Effekt herausrechnet, hat sich die konjunkturelle Dynamik abgeschwächt. Die Auslieferungsprobleme in der Autoindustrie schlugen sich auf der Verwendungsseite „naturgemäß“ im Export und im privaten Konsum nieder; beide Aggregate verzeichneten im dritten Quartal Rückgänge. Da die Importe weiter zunahmen, war der außenwirtschaftliche Gesamtimpuls stark negativ. Hingegen wurde in Ausrüstungen und Bauten wiederum mehr investiert, und auch die staatlichen Konsumausgaben wurden wieder erhöht. Zur Abschwächung der Konjunktur haben aber auch die zunehmenden politischen Unsicherheiten, wie die von den USA ausgehenden Handelsstreitigkeiten, die Brexit-Querelen oder der Haushaltsstreit zwischen Italien und der EU beigetragen. Die Zahl der Erwerbstätigen ist gleichwohl – selbst im dritten Quartal – weiter gestiegen, auf über 45 Millionen. Umgekehrt ist die Zahl der Arbeitslosen weiter zurückgegangen; die Arbeitslosenquote (in Prozent aller zivilen Erwerbspersonen) sank im Oktober auf 4,9 Prozent. Die Verbraucherpreise haben in den vergangenen Monaten vor allem aufgrund stark gestiegener Ölpreise angezogen; im Oktober erreichte die Inflationsrate 2,5 Prozent. Inzwischen sind die Ölpreise allerdings wieder drastisch gefallen.

Vieles spricht dafür, dass ein erheblicher Teil der Ausfälle in der Autoindustrie vom dritten Quartal im vierten Quartal dieses Jahres nachgeholt wird. Das reale Bruttoinlandprodukt dürfte sich dann wieder merklich erhöhen; im Jahresdurchschnitt 2018 wird deshalb noch ein Zuwachs von 1,6 Prozent erwartet. Der Arbeitsmarkt entwickelte sich in diesem Jahr trotz sich abschwächender Konjunktur sehr robust und erzielt sowohl bei der Zahl der Beschäftigten als auch bei der Arbeitslosenquote mit mehr als 45 Millionen Erwerbstätigen beziehungsweise weniger als 5 Prozent Arbeitslose neue Bestmarken. Die jahresdurchschnittliche Teuerungsrate wird nach dem jüngsten Preisschub, auch wenn dieser zum Jahresende hin wieder abebbt, 2 Prozent betragen.

Die weiteren Konjunkturperspektiven werden von nicht unerheblichen politischen Risiken überschattet. Hier wird davon ausgegangen, dass die Handelsbeziehungen speziell zu den USA durch Verhandlungen von außerordentlichen Belastungen frei gehalten werden können, der Brexit in geordneten Bahnen erfolgt und der Haushaltsstreit zwischen Italien und der EU soweit geregelt wird, dass er nicht in eine neuerliche Eurokrise mündet. Aber auch dann werden vorgenannte Unsicherheiten die Wirtschaftssubjekte zu vorsichtigerem Handeln veranlassen, das, auch wenn die binnenwirtschaftlich günstigen Rahmenbedingungen die inländische Nachfrage stützen, letztlich die konjunkturelle Dynamik abschwächt. Weniger expansive Exporte werden zusammen mit vorsichtigeren Investitionen auch zu einem geringeren Anstieg der Beschäftigung und damit der Einkommen und des privaten Konsums führen. Auch wenn die Baunachfrage und der staatliche Konsum kaum schwächer zunehmen werden, wird die konjunkturelle Dynamik tendenziell etwas nachlassen. Alles in allem wird die deutsche Wirtschaft unter diesen Bedingungen im Jahresdurchschnitt 2019 um knapp 1 1/2 Prozent wachsen, immerhin annähernd Potenzialwachstum. Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich dabei weiter verbessern, wenn auch ebenfalls nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. Die Inflationsrate der Verbraucherpreise dürfte 2019, auch wenn sich die Energiepreise wieder stabilisieren, durchschnittlich gut 2 Prozent betragen.

Für die Konjunkturperspektiven für das Jahr 2020 gilt ähnliches wie für 2019, da kaum davon ausgegangen werden kann, dass die bestehenden Unsicherheiten bis dahin vollständig ausgeräumt werden können beziehungsweise sich bis dahin gänzlich auflösen. Ohne neue Belastungen könnte sich dann der Konjunkturanstieg in gemäßigtem Tempo fortsetzen. Die deutsche Wirtschaft würde dann kalenderbereinigt erneut um knapp 1 1/2 Prozent (unbereinigt, wegen mehr Arbeitstagen, sogar um 1,7 Prozent) wachsen. Die Arbeitsmarktsituation wird sich kontinuierlich leicht verbessern. Die Inflationsrate der Verbraucherpreise könnte bei gut 2 Prozent verharren.

Wie in den Ausgangsbedingungen für diese Prognose skizziert, kommen die Risiken für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft vor allem von außen. Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass die von den USA ausgehenden Handelskonflikte, die für den Brexit entscheidenden politischen Prozesse in Großbritannien wie auch das Verhalten der italienischen Koalitionsregierung kaum vorhersehbar sind, ganz abgesehen von etwaigen neuen Problemen. Rapide Verschlechterungen des außenwirtschaftlichen Umfeldes würden aber auch die deutschen Exporte belasten und in der Folge die Investitionen der Unternehmen, deren Einstellungsbereitschaft und letztlich die Binnennachfrage insgesamt. Schlussendlich haben die USA bereits mit Zinssteigerungen begonnen, die insbesondere die Finanzsituation vieler Entwicklungs- und Schwellenländer beeinträchtigen könnten.

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Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel