Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

12.09.2019 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel
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Deutsche Konjunktur am Scheideweg zwischen Rezession und Erholung

- Deutsche Wirtschaft steht vor technischer Rezession

- Erholung der Konjunktur bei Reduzierung außenwirtschaftlicher Risiken im Jahresverlauf möglich

(Hamburg, 12. September 2019) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat nach der Generalrevision statistischer Daten seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland für 2019/2020 überarbeitet. Die Konjunktur hat sich im Frühsommer erwartungsgemäß abgeschwächt, wenn auch deutlicher als zunächst angenommen. Ausschlaggebend dafür war, dass die außenwirtschaftlichen Stör- und Risikofaktoren virulenter wurden und ansatzweise auch bereits auf die – insgesamt noch solide – Binnenwirtschaft durchwirkten. Das HWWI erwartet daher nun für 2019 ein Wachstum von 0,6 % und für 2020 – auch aufgrund von mehr Arbeitstagen – von 1,4 %. Die bislang günstige und robuste Entwicklung am Arbeitsmarkt ist deshalb ebenfalls ins Stocken geraten. Der Anstieg der Verbraucherpreise bewegt sich mittlerweile wieder unterhalb der 2-Prozent-Marke und dürfte sich, vorausgesetzt nicht zu stark schwankende Ölpreise, kaum darüber hinaus erhöhen.

Im Detail

Die deutsche Konjunktur ist im Frühsommer ins Stocken geraten. Das reale Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal saisonbereinigt um 0,1 Prozent gegenüber dem ersten Quartal gesunken. Auch für das dritte Quartal ist mit einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung zu rechnen, was nach technischer Definition eine Rezession bedeutet. Angesichts des üblichen Revisionsbereichs des Statistischen Bundesamts wäre es allerdings verfrüht, bereits von rezessiven Tendenzen zu sprechen. Die außenwirtschaftlichen Störfaktoren haben sich aber bereits deutlich ausgewirkt, vor allem natürlich auf die Exporte, die nicht nur gegenüber dem Vorquartal, sondern auch gegenüber dem Vorjahr zurückgingen. Die schwache globale Investitionsgüternachfrage trifft insbesondere die deutsche Exportwirtschaft. Die Bremsspuren von außenwirtschaftlicher Seite strahlen zunehmend auch auf die Binnenwirtschaft aus, wie auf die Unternehmensinvestitionen und die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen. Der Rückgang der Bauinvestitionen – in saisonbereinigter Rechnung – ist in erster Linie Reaktion auf den außerordentlichen Anstieg im Winter infolge der damals milden Witterung; ohne diesen mehr „statistisch bedingten“ Rückgang wäre allerdings auch das reale Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal nicht zurückgegangen. Also auch aus diesem Grund besteht noch kein Grund zur Panik. Zumal die Binnennachfrage ansonsten, also privater Konsum und Staatskonsum weiter zunahmen. Die Dynamik am Arbeitsmarkt hat unter diesen Bedingungen leicht nachgelassen; der Anstieg der Beschäftigung hat sich verlangsamt, die Arbeitslosenquote ist zuletzt wieder knapp über 5 % gestiegen. Die Inflationsrate, sieht man von Ölpreis bedingten Schwankungen ab, bewegt sich nach wie vor etwas unterhalb 2 %.

Die Konjunkturperspektiven werden durch verschiedene Faktoren belastet, hängen allerdings auch entscheidend von in nächster Zeit – also im Prognosezeitraum – anstehenden politischen Entscheidungen ab, insbesondere in den USA und in Großbritannien. Mögliche amerikanische Strafzölle, insbesondere auf deutsche Autos, und die Gefahr eines „ungeordneten“ Brexit führen bei deutschen Unternehmen, aber auch bei Handelspartnern, zu zurückhaltenden Dispositionen. Das trifft insbesondere die deutsche Industrie, deren Produktion und Auftragslage bereits eine rezessive Entwicklung aufweisen. Aber auch andere politische Risiken von außen bestehen fort, wie die konfuse Lage in Italien oder die Unsicherheiten rund um den Iran. Das alles hat negative Auswirkungen auf das Wirtschaftsklima. Davon bleiben auch die eigentlich weiterhin relativ soliden binnenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht unbeeinträchtigt. Die Beschäftigung nimmt kaum noch zu, reale Lohnzuwächse sowie deutliche Rentenerhöhungen lassen gleichwohl noch die Kaufkraft und damit auch die Konsumnachfrage steigen. Die Unternehmensinvestitionen nehmen angesichts der gestiegenen Unsicherheiten ebenfalls verlangsamt zu.

Unter diesen Bedingungen steht die deutsche Wirtschaft – je nach Politikentwicklung, insbesondere im Ausland, – an einem Scheideweg zwischen einer Rezession und einer möglichen Rückkehr auf einen moderaten Wachstumspfad. Unter der Voraussetzung, dass die außenwirtschaftspolitischen Risiken begrenzt bleiben, vor allem also keine US-Strafzölle beschlossen werden und es zu einem geordneten Brexit kommt, werden in der optimistischen Variante weiterhin die noch relativ robusten binnenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen die weitere Entwicklung der Wirtschaft bestimmen. Dann dürfte sich die deutsche Konjunktur im restlichen Jahresverlauf wieder festigen. Im Jahresdurchschnitt 2019 würde das reale Bruttoinlandsprodukt dann noch um gut 1/2 % zunehmen. Ohne neue Belastungen könnte die Konjunktur im Jahr 2020 in Richtung Potenzialpfad zurückkehren. Der Hauptschwung käme nach wie vor von der Binnenwirtschaft, die Außenwirtschaft würde aber wieder mit zum Wachstum beitragen. Da das Jahr 2020 mehr Arbeitstage hat als 2019 (deren rechnerischer Effekt knapp 0,4 % zusätzlichen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts beträgt) würde die deutsche Wirtschaft sogar um 1,4 % wachsen. Die Arbeitsmarktsituation würde sich im Jahresverlauf wieder verbessern. Der Preisauftrieb dürfte sich aufgrund erhöhter Lohnstückkosten etwas verstärken. Würden sich in der pessimistischen Variante hingegen die genannten außenwirtschaftspolitischen Risiken, speziell ein No-Deal-Brexit und US-Strafzölle, materialisieren, würde das nicht nur in noch erheblich stärkerem Maße die Exportwirtschaft, sondern auch den Dienstleistungssektor und die Binnenwirtschaft belasten.

Insgesamt droht sich die globale Konjunktur einzutrüben. Politische Risiken und strukturelle Schwächen werden unter diesen Bedingungen virulenter. Die monetären Rahmenbedingungen bleiben sehr expansiv ausgerichtet. Es ist im Gegenteil zu erwarten, dass die Geldpolitik hier noch nachlegen wird, wenngleich die geldpolitischen Handlungs- und Wirkungsspielräume deutlich kleiner geworden sind, was mit Ausnahme von Deutschland auch für die Fiskalpolitik gilt.

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Vollständige Darstellung aller makroökonomischen Aggregate

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Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel