Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

05.12.2019 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel
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Deutsche Konjunktur umgeht Rezession

- Mit Reduzierung außenwirtschaftlicher Risiken Erholung der Konjunktur

- Rezessionsgefahr aber noch nicht gebannt

(Hamburg, 5. Dezember 2019) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat nach Veröffentlichung neuer statistischer Daten seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland für 2019/2020 überarbeitet und um 2021 erweitert. Die Konjunktur hat sich nach der Abschwächung im Frühsommer wieder stabilisiert. Ausschlaggebend dafür war, dass – bei insgesamt solider Inlandsnachfrage – die negativen Impulse von außenwirtschaftlicher Seite nachließen. Ohne neue außenwirtschaftliche Störungen dürfte die Wirtschaftsentwicklung sich allmählich wieder erholen. Das HWWI erwartet dann nach einem Wachstum von 0,6 % in diesem Jahr für 2020 eins von 1,4 % und für 2021 eins von 1,5 %. Die außenwirtschaftlichen Risiken und damit verbundenen Rezessionsgefahren sind aber nicht ausgeräumt. Die eingetretene Stockung am Arbeitsmarkt wird bei positiver Entwicklung nur vorübergehend sein. Der Anstieg der Verbraucherpreise hat sich mit Beruhigung der Ölpreise wieder verlangsamt und dürfte, vorausgesetzt weiterhin stabile Ölpreise, unter der 2-Prozent-Marke bleiben.

Im Detail

Die deutsche Konjunktur ist in diesem Jahr um eine Rezession herum gekommen. Das reale Bruttoinlandsprodukt hat nach einem leichten Rückgang im zweiten Quartal im dritten wieder geringfügig zugenommen. Die außenwirtschaftlichen Störfaktoren haben sich nicht weiter verschärft, sodass die großteils solide Verfassung der Binnenkonjunktur wieder an Dominanz gewann. Gleichwohl strahlen von außenwirtschaftlicher Seite auch auf Bereiche der Binnenwirtschaft noch bremsende Effekte aus, wie auf die Unternehmensinvestitionen und die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen. Der zuletzt spürbare Rückgang der Investitionen in Ausrüstungen war allerdings in erster Linie auf Sondereffekte bei den staatlichen Ausrüstungsinvestitionen zurückzuführen, die um ein Drittel gegenüber dem Vorquartal sanken. Die nichtstaatlichen, also privaten Ausrüstungsinvestitionen hingegen nahmen ebenso wieder zu wie auch die anderen inländischen Nachfrageaggregate, der private und der staatliche Konsum wie auch die Bauinvestitionen und die Investitionen in sonstige Anlagen. Ein stark negativer Wachstumsimpuls kam lediglich von den Vorratsveränderungen. Dieser Effekt ist allerdings schwer zu beurteilen; einerseits wäre ohnedem das reale Bruttoinlandsprodukt saisonbereinigt im dritten Quartal merklich stärker gestiegen, andererseits ist dieses Aggregat im ersten Moment eine Art „statistische Restgröße“, die später, bei Vorlage ausführlicherer Daten, teils auf die anderen Aggregate „verteilt“ wird. Auch wenn in den letzten Monaten dieses Jahres der deutsche Export wohl weiter geschwächelt hat, so dürfte die mit Ausnahme der Unternehmensinvestitionen feste Inlandsnachfrage bei geringeren negativen Vorratsveränderungen zumindest für einen leichten Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts im 4. Quartal sorgen. Im Gesamtjahr 2019 wird das Wirtschaftswachstum dann 0,6 % betragen. Für die Inflationsrate zeichnet sich ein Anstieg von knapp 1 ½ % ab.Die Grundverfassung der deutschen Wirtschaft ist nicht schlecht. Die Binnennachfrage, insbesondere der private Konsum, die Konsumausgaben des Staates und die Bauinvestitionen werden weiter zunehmen. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist zwar ins Stocken geraten, aber nicht umgeschlagen, sodass die Kaufkraft der privaten Haushalte hoch bleibt. Belastet werden die Konjunkturperspektiven noch durch außenwirtschaftliche Faktoren, insbesondere offene politische Entscheidungen in den USA und in Großbritannien. Dabei scheint die Gefahr eines ungeordneten Brexit nun aber verringert. Die Gefahr möglicher amerikanischer Strafzölle, insbesondere auf deutsche Autos, ist zwar nicht gebannt, doch besteht die Erwartung, dass die im nächsten Jahr anstehenden Wahlen in den USA die dortige Regierung von wirtschaftsschädlichen Maßnahmen eher abhält. Das würde bedeuten, dass sich die außenwirtschaftlichen Risiken tendenziell vermindern. Es besteht folglich die Hoffnung, dass sich die globale Lage eher wieder verbessert. Das dürfte sich auch auf das binnenwirtschaftliche Wirtschaftsklima, namentlich die Investitionsneigung sowie die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen positiv auswirken. Es bestehen insofern berechtigte Aussichten, dass sich die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland im kommenden Jahr weiter stabilisiert und festigt.Unter diesen Bedingungen, dass die außenwirtschaftspolitischen Risiken an Bedeutung verlieren und die ohnehin relativ robusten binnenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich noch etwas verbessern, ist mit einer moderaten Aufwärtsentwicklung der deutschen Konjunktur im kommenden Jahr zu rechnen. Im Jahresdurchschnitt 2020 würde das Wirtschaftswachstum dann, wobei die überdurchschnittliche Zahl an Arbeitstagen rein rechnerisch zu einem zusätzlichen Anstieg von 0,4 % des realen Bruttoinlandsprodukts beiträgt, knapp 1 1/2 % erreichen. Ebenso würde sich die Beschäftigungsentwicklung wieder verbessern. Der Arbeitsmarkt würde folglich wieder ent-lastet, auch wenn sich das noch nicht in den Jahresdurchschnittszahlen entsprechend niederschlägt. Die Inflationsrate der Verbraucherpreise wird im Gesamtjahr etwa 1 1/2 % betragen. Wenn sich im kommenden Jahr Brexit-Gefahren und Handelskonflikte wie erwartet entspannen, sollte aus heutiger Sicht im Jahr 2021 einem weiteren Konjunkturaufschwung wenig entgegenstehen. Die Außenwirtschaft würde dann voraussichtlich wieder mit zum Wachstum beitragen. Bei einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts entsprechend des Potenzialpfads würde die deutsche Wirtschaft dann um 1,5 % wachsen. Die Beschäftigung würde weiter zunehmen, die Arbeitslosigkeit wieder zurückgehen. Der Preisauftrieb könnte sich etwas verstärken, die Anstiegsrate der Verbraucherpreise dürfte sich der 2-Prozent-Marke annähern.Diese Wirtschaftsprognose geht von einer Verringerung der außenwirtschaftlichen Risiken aus. Zunächst jedoch bleiben die aktuellen Risiken bestehen und würden diese doch virulent, würden sich die globalen Rahmenbedingungen weiter verschlechtern. Rezessionstendenzen, nicht nur in Deutschland als Exportnation, könnten dann die Folge sein. Und das in einer Zeit, in der geldpolitisch und in den meisten Ländern auch finanzpolitisch kaum Handlungsspielraum besteht, um dem entgegen zu steuern.

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Vollständige Darstellung aller makroökonomischen Aggregate

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Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel