Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose im Dezember 2017

05.12.2017 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel
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Anhaltender Aufschwung in Deutschland

- Konjunkturdynamik übersteigt Potenzialpfad
- Wirtschaft wächst 2018 um 2,1 Prozent und 2019 um 1,6 Prozent

(Hamburg, 05. Dezember 2017) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland nach dem sehr kräftigen Zuwachs in diesem Jahr für 2018 angehoben und um das Jahr 2019 erweitert. Das reale Bruttoinlandsprodukt wächst nun schon seit 2014 mit Raten oberhalb des Potenzialpfads, der bei knapp 1 ½ Prozent veranschlagt wird, und das dürfte sich – vorbehaltlich unvorhersehbarer Schocks – in den kommenden beiden Jahren ähnlich fortsetzen. Für 2018 wird nunmehr ein Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent und für 2019 eines von 1,6 Prozent erwartet. Der Arbeitsmarkt wird sich unter diesen Bedingungen mehr und mehr der Vollbeschäftigung nähern. Die Inflationsrate für die Verbraucherpreise wird sich, wie bereits die Preisentwicklung auf den vorgelagerten Stufen andeutet, wieder bei der 2-Prozent-Marke einpendeln.

Im Detail

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem dynamischen, kräftigen Aufschwung. Dabei hat sie sich gegenüber manchen politischen Belastungen und Risiken als weitgehend immun erwiesen. Insofern entwickelte sie sich 2017 deutlich besser als erwartet. Das reale Bruttoinlandsprodukt dürfte In diesem Jahr um durchschnittlich 2 ¼ Prozent gestiegen sein; die Rate im Jahresverlauf lag sogar bei 3 Prozent. Das Wirtschaftswachstum übertrifft nun schon seit 2014 das Potenzialwachstum; entsprechend hoch ist der Grad der Kapazitätsauslastung, der Sachverständigenrat spricht bereits von Überauslastung. Die Unternehmen haben denn auch ihre Investitionen spürbar erhöht. Auch ansonsten kamen die wichtigsten Wachstumsimpulse aus dem Inland; sowohl der private Konsum als auch die Bauinvestitionen nahmen deutlich zu. Vom Außenhandel kamen trotz steigender Exporte per saldo kaum Impulse, da einmal die gute Binnenkonjunktur zu stärker wach-senden Importen führte und zum anderen die Euro-Aufwertung die Auslandsnachfrage dämpfte. Unter den insgesamt günstigen Konjunkturbedingungen wurde die Beschäftigung weiter deutlich ausgeweitet. Verfügbare Einkommen und Kaufkraft nahmen so weiter zu, obwohl auch die Verbraucherpreise wieder stärker anstiegen. Die Inflationsrate bewegt sich seit Monaten zumindest in Deutschland nahe der 2-Prozent-Marke.

Der Aufschwung ist breit angelegt und dürfte sich weiter fortsetzen. Dafür sprechen momentan insbesondere folgende Faktoren. Die hohe Kapazitätsauslastung wird die Investitionsbereitschaft der Unternehmen eher noch erhöhen. Ein auch damit verbundener weiterer Beschäftigungsanstieg wird über steigende Einkommen den privaten Verbrauch weiterhin stützen. Gleichzeitig wird die Bautätigkeit weiter hoch bleiben. Selbst wenn der Wohnungsbau etwas weniger stark zunehmen wird, wird wohl mit mehr Ausrüstungen auch mehr im Wirtschaftsbau und aufgrund der guten Finanzlage des Staates auch im öffentlichen Bau, nicht zuletzt in die Infrastruktur, investiert werden. Auch der Export wird von der sich festigenden Weltwirtschaft profitieren, allerdings werden auch die Importe angesichts der guten Binnenkonjunktur noch mal stärker zunehmen; netto sind vom Außenbeitrag damit wiederum keine nennenswerten Wachstumsimpulse zu erwarten. Der Aufschwung dürfte so nur wenig an Dynamik verlieren. Unter dem Gesichtspunkt, dass sich die deutsche Wirtschaft einer Überhitzung zu nähern droht, ist eine Anpassung des Wachstumstempos an den Potenzialpfad nicht unerwünscht. Im Jahresdurchschnitt 2018 dürfte die deutsche Wirtschaft um gut 2 Prozent wachsen. Der bislang kräftige Anstieg der Beschäftigung, der teils zu Lasten der Produktivität ging, dürfte sich etwas verlangsamen, aber weiterhin positiv bleiben. Die Inflationsrate der Verbraucherpreise wird sich nach einem kurzen, basisbedingten Rückgang wieder der 2-Prozent- Marke annähern.

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem klassischen zyklischen Aufschwung, der derzeit vor allem von den Investitionen getrieben wird. Mit zunehmender Anpassung der Kapazitäten wird sich dann auch die derzeit hohe Investitionsdynamik verringern und in der Folge der Anstieg der Beschäftigung und damit auch der der Einkommen und des privaten Verbrauchs. Dieser Prozess dürfte bereits im Verlauf von 2018 einsetzen, sich aber dann vor allem in der Wachstumsrate von 2019 sichtbarer niederschlagen. Diese wird auf jahresdurchschnittlich 1,6 Prozent veranschlagt, läge damit aber immer noch etwa auf Höhe des Potenzialpfades, der sich mit den steigenden Investitionen etwas anheben dürfte. Die Beschäftigung würde weiter zunehmen, wenn auch weniger stark. Die Arbeitslosigkeit würde aber trotz Ausweitung des Arbeitskräftepotenzials weiter sinken, voraussichtlich sogar unter die inzwischen vielfach als mit Vollbeschäftigung vereinbar erachtete Marke von 5 Prozent. Der Preisauftrieb würde bei dieser Konjunkturentwicklung etwas zunehmen und die Inflationsrate wohl auch auf knapp über 2 Prozent anziehen.

Voraussetzung für eine derartig anhaltend positive Entwicklung der Wirtschaft ist natürlich, dass es von externer Seite, sei es von der Politik oder seitens der Weltwirtschaft, keine allzu starken Störungen gibt. Dann könnte mit stärker wachsenden Exporten auch der Wachstumsbeitrag von außen wieder zunehmen, somit die konjunkturelle Basis breiter werden und nachlassende binnenwirtschaftliche Wachstumskräfte ausgeglichen werden. Unter derart idealen Bedingungen wäre ein über 2019 hinaus anhaltender und stärker als hier erwarteter Aufschwung möglich. Es gibt aber durchaus auch einige Risiken, etwa die Geldpolitik, insbesondere in den USA, innerhalb der Europäischen Union, hier vorrangig ein nicht auszuschließender „harter“ Brexit, und nicht zuletzt seitens der Weltpolitik, etwa eskalierende Konflikte um Nordkorea oder im Nahen Osten.

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Vollständige Darstellung der makroökonomischen Aggregate (PDF)

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Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel