Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose im Dezember

06.12.2016 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel

Politische Unwägbarkeiten überschatten Konjunkturaussichten für 2017

- Deutsche Wirtschaft wächst 2017 um kaum mehr als 1 %
- Risiken durch Brexit, protektionistische US-Politik und Wahlen

(Hamburg, 06. Dezember 2016) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland aktualisiert und angesichts der vielfältigen politischen Unwägbarkeiten für 2017 gesenkt. Brexit, Regierungswechsel in den USA, Italien-Referendum, in 2017 anstehende Wahlen in den EU- und Euro-Kernländern Frankreich und Deutschland, all das überschattet die wirtschaftliche Entwicklung. Für kommendes Jahr wird nun ein Wirtschaftswachstum von 1,1 % erwartet. 2018 dürfte es bei wieder stärkerer Konjunkturdynamik bei 1,6 % liegen. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird sich zunächst kaum weiter verbessern. Der Wiederanstieg der Verbraucherpreise wird sich fortsetzen und der 2-Prozent-Marke nähern.

Im Detail
Die realen Auswirkungen der erwähnten politischen Einflüsse sind schwer abzuschätzen, da sie großteils erst im Laufe von 2017 tatsächlich umgesetzt werden, allerdings sorgen bereits Ankündigungen bzw. Erwartungen für Verunsicherung. Alles in allem haben sich die ökonomischen Rahmenbedingungen dadurch tendenziell eher verschlechtert. Die deutliche Abwertung des Euros in den letzten Monaten spiegelt diese Tendenzen wider.

Das Wirtschaftswachstum in Deutschland hat sich nach dem starken ersten Halbjahr - wie erwartet - reduziert; das reale Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Halbjahr nur noch mit einer Jahresrate von etwa 1 % gewachsen. Diese Abschwächung ist nach den positiven Sondereinflüssen zuvor aber eher als Normalisierung zu betrachten. Ebenso wie die gesamtwirtschaftliche Produktion verlangsamt anstieg, nahm auch die Beschäftigung weniger stark zu, erreichte aber mit 43 ½ Millionen Erwerbstätigen einen neuen Höchststand. Die Arbeitslosigkeit ging auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung zurück; die Arbeitslosenquote sank zuletzt unter 6 %. Die Verbraucherpreise haben mit der Wende bei den Energie- und anderen Rohstoffpreisen ebenfalls wieder zu steigen begonnen; noch Ende dieses Jahres wird die Inflationsrate die 1-Prozent-Marke überschreiten.

Die Weltwirtschaft dürfte auch 2017 nur mäßig wachsen, zumal vor dem Hintergrund vielfältiger globaler Unsicherheiten. In den USA und in China ist das Wirtschaftswachstum unterdurchschnittlich und viele Schwellen- und Entwicklungsländer haben teils wegen verringerter Einnahmen aufgrund gedrückter Rohstoffpreise, teils wegen innerpolitischer Probleme wirtschaftliche Schwierigkeiten. Hinzu kommen verstärkte protektionistische Tendenzen. Von all dem wird die exportabhängige deutsche Wirt-schaft nicht unberührt bleiben. Unter diesen Bedingungen wird das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2017, zumal ein spürbarer negativer Kalendereffekt hinzukommt, mit kaum mehr als 1 % deutlich weniger stark zunehmen als in diesem Jahr (1,8 %). Die Beschäftigung wird nur noch wenig zunehmen, die Arbeitslosigkeit wird kaum weiter zurückgehen. Die Stabilisierung der Öl- und anderer Rohstoffpreise sowie die abwertungsbedingte Erhöhung der Importpreise lassen die Inflationsrate der Verbraucherpreise im Jahresverlauf von 2017 in Richtung 2 % anziehen.

Hier wird davon ausgegangen, dass die aktuellen politisch bedingten Unwägbarkeiten für die Wirtschaft im Laufe des kommenden Jahres durch die Politik weitgehend aufgelöst werden und weniger drastisch ausfallen als unter Umständen erwartet werden könnte. Das würde bedeuten, dass sich die Wirtschaftssubjekte im Laufe des kommenden Jahres an die anstehenden Veränderungen anpassen und sich das im Moment hohe Ausmaß an Unsicherheit verringert. D.h., Einiges, wie Zurückhaltung bei den Unternehmensinvestitionen oder Außenhandelsströme, dürfte sich wieder normalisieren und die konjunkturelle Dynamik könnte 2018 wieder zulegen. Das reale Bruttoinlandsprodukt würde unter diesen Bedingungen im Jahresdurchschnitt 2018 mit 1,6 % wieder deutlich stärker wachsen. Der Anstieg der Verbraucherpreise dürfte sich um die 2-Prozent-Marke einpendeln.

Die Risiken für diese Prognose sind allerdings erheblich. Nach wie vor ist offen, wie der Brexit vollzogen werden soll. Und inwieweit in den USA Wahlankündigungen in reale Politik umgesetzt werden, ist ebenfalls offen. Auch könnten die "Nachwirkungen" des Italien-Referendums die Euro-Krise neu beleben. Eine Verstärkung protektionistischer Tendenzen könnte zudem die Stabilisierung des nachlassenden Wirtschaftswachstums in China gefährden. Nicht zuletzt besteht das Risiko, dass eine zu schnelle und deutlicher als erwartete Zinswende in den USA die Finanzmärkte destabilisiert und viele Entwicklungs- und Schwellenländer zusätzlich in neue Schwierigkeiten bringt. Die Risiken sind also vielfältig und die Politik ist gefordert.

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Vollständige Darstellung der makroökonomischen Aggregate

Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel