Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose im März 2017

06.03.2017 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel

Konjunktur in Deutschland schwächt sich ab

- Wirtschaft wächst 2017 mit 1,1 % deutlich langsamer als 2016 (1,9%)
- Gründe sind weniger Arbeitstage, kräftigerer Preisanstieg, negativer Wachstumsbeitrag von außen und politische Unsicherheiten

(Hamburg, 06. März 2017) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland nach Veröffentlichung der Zahlen für 2016 durch das Statistische Bundesamt aktualisiert. Da das höher als erwartete Wirtschaftswachstum für 2016 (1,9 % statt 1,8 %) vor allem auf Revisionen des ersten Halbjahrs zurückgeht, ändert sich die  Prognose nur marginal. Für das Wirtschaftswachstum wird weiterhin für 2017 mit 1,1 % und für 2018 mit 1,6 % gerechnet. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird sich weiter verbessern, da die Berücksichtigung der Flüchtlinge in der Arbeitsmarktstatistik nur langsam erfolgt. Der Preisanstieg erhielt früher als erwartet einen kräftigen Schub durch die Energieverteuerung und hat zuletzt sogar die 2-Prozent-Marke überschritten; das dämpft die reale Kaufkraft.

Im Detail
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist aktuell relativ gut, und das Wachstum von fast 2 % im Jahr 2016 scheint das zu bestätigen. Einige Klimaindikatoren und die Ende vergangenen Jahres positive Auftragsentwicklung weisen ebenfalls in diese Richtung. Doch wie weit trägt diese Entwicklung? Das Wirtschaftswachstum in Deutschland hat sich 2016 nach einem starken ersten Halbjahr bereits im zweiten Halbjahr verlangsamt. Die realen Auswirkungen der aktuellen politischen Einflüsse (Brexit-Entscheidung, neue US-Politik) und die der anstehenden (Wahlen in wichtigen EU-Ländern) werden erst im weiteren Verlauf von 2017 zum Tragen kommen; allerdings sorgen sie bereits vorab für Verunsicherung, was sich auch schon in der schwachen Investitionstätigkeit der Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte 2016 zeigte. Die Teuerung ist schneller angesprungen als erwartet und dämpft die Kaufkraft. Alles in allem sind die Rahmenbedingungen weniger günstig als im Vorjahr.

Für 2017 spricht daher einiges dafür, dass die im Jahr 2016 stärksten Wachstumskräfte an Dynamik verlieren, ohne dass die damals wachs-tumsdämfenden Einflussfaktoren so stark zulegen, dass dies kompensiert würde. Der 2016 kräftige Anstieg der staatlichen Konsumausgaben war mitbestimmt durch den im Jahr 2015 extremen Flüchtlingszustrom. Dieser war bereits 2016 deutlich geringer und politisch wird viel getan, ihn weiter einzudämmen. Die staatlichen Konsumausgaben werden folglich 2017 entsprechend weniger expansiv sein. Der reale private Konsum wurde durch die nahe Null liegende Teuerung gefördert. Der Ende 2016 eingesetzte Preisschub dämpft, ohne dass die Einkommen langsamer steigen, die Kaufkraft. Die Unternehmen werden angesichts der politischen Unsicherheiten auch weiterhin ihre Investitionen nur vorsichtig ausweiten. Die Importe werden bei nur mäßiger Weltkonjunktur und den zu beobachtenden protektionistischen Tendenzen wohl auch 2017 stärker steigen als die Exporte, so dass von dieser Seite insgesamt erneut ein negativer Wachstumsbeitrag wahrscheinlich ist. Die Bauinvestitionen werden weiter zu-nehmen, doch auch hier zeichnet sich ab, dass der Höhepunkt überschritten ist.

Unter all diesen Bedingungen wird im Jahr 2017 die konjunkturelle Dynamik gegenüber 2016 insgesamt nachlassen und das reale Bruttoinlandsprodukt wird kalenderbereinigt um allenfalls knapp 1 ½ %, unter Einrechnung des negativen Arbeitstageeffekts um lediglich etwas mehr als 1 % zunehmen. Die Arbeitsmarksituation wird sich dabei nur noch wenig ver-bessern. Bei Stabilisierung der Öl- und anderer Rohstoffpreise dürfte sich die Inflationsrate der Verbraucherpreise in diesem Jahr bei knapp 2 % hal-ten.

Im Laufe dieses Jahres werden sich die aktuellen, durch die Politik bedingten Unsicherheiten für die Wirtschaft zum überwiegenden Teil wohl klarer darstellen. Hier wird davon ausgegangen, dass die Auswirkungen gemäßigter ausfallen als im Einzelfall befürchtet werden könnte. Das würde die im Moment hohe Unsicherheit und die Zurückhaltung bei den Unternehmensinvestitionen sowie die dämpfenden Einflüsse im Außenhandel verringern. Dann würde die konjunkturelle Dynamik 2018 wieder etwas zulegen, und das reale Bruttoinlandsprodukt würde im Jahresdurchschnitt 2018 mit 1,6 % wieder stärker wachsen. Die Inflationsrate der Verbraucherpreise dürfte sich um die 2-Prozent-Marke einpendeln.

Die Risiken für diese Prognose sind allerdings vielfach. Die Wahlausgänge in den Niederlanden und Frankreich sind wichtig für die künftige Ent-wicklung in Europa. Überdies könnten die unzureichenden Reformfortschritte in Griechenland oder die Bankenprobleme in Italien die schwelende Eurokrise wieder aufleben lassen. Nicht zuletzt ist nach wie vor offen, wie der Brexit vollzogen werden soll. Und für die USA ist zu hoffen, dass sich die Politik künftig mehr an den Realitäten als an den Wahlankündigungen orientiert. Eine Verstärkung protektionistischer Tendenzen könnte auch die Stabilisierung des unzureichenden Wirtschaftswachstums in China und in anderen Schwellenländern gefährden. Ähnliches gilt für eine zu schnelle und deutlicher als erwartete Zinswende in den USA.

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 Vollständige Darstellung der makroökonomischen Aggregate

Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel