Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose im September 2018

04.09.2018 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel
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Deutscher Aufschwung weiterhin intakt

- Revisionen reduzieren Wirtschaftswachstum für 2018 auf 1,9 Prozent
- Weitere konjunkturelle Abschwächung in 2019 auf 1,6 Prozent
- Politische Unsicherheiten belasten das Wirtschaftsklima

(Hamburg, 04. September 2018) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung für 2018/2019 in Deutschland nach Vorlage neuer gesamtwirtschaftlicher Daten überarbeitet. Bei unverändert positiven Konjunkturperspektiven hat das HWWI nach den Datenrevisionen des Statistischen Bundesamtes seine Vorausschätzung für das Wirtschaftswachstum für das Gesamtjahr 2018 ebenfalls revidiert, von 2,1 auf 1,9 Prozent; für 2019 wurde die Prognose von 1,6 Prozent beibehalten. Die Lage am Arbeitsmarkt bleibt dabei günstig; die Arbeitslosenquote dürfte unter die Vollbeschäftigungsmarke von 5 % sinken. Die Inflationsaussichten für die Verbraucherpreise haben sich nach Beruhigung der Öl-preise wieder nahe der 2-Prozent-Marke stabilisiert.

 

Im Detail

Der Konjunkturaufschwung in Deutschland ist trotz verschiedener Behinderungen nach wie vor intakt. Die deutsche Wirtschaft ist nach der durch Sondereinflüsse bedingten leichten Abschwächung zu Jahresbeginn wieder auf den grundlegenden Wachstumspfad zurückgekehrt. Im zweiten Quartal hat das reale Bruttoinlandsprodukt preis- und saisonbereinigt wieder mit einer Jahresrate von nahezu 2 Prozent zugenommen. Dabei kamen die Impulse von allen binnenwirtschaftlichen Aggregaten. Die hohe Lagerbildung spricht zwar für eine – erwartete – gewisse Verlangsamung der Wirtschaftsdynamik, erfahrungsgemäß werden derartige Lagerüberschüsse aber vom Statistischen Bundesamt nach Vorlage vollständigerer Daten später zumindest zum Teil auf die anderen Nachfrageaggregate „verteilt“. Inwieweit die verschiedenen politischen Unsicherheiten, wie die von den USA ausgehenden Handelsstreitigkeiten und -sanktionen, die Wirtschaftsentwicklung belasten, zeigt sich vor allem bei den Investitionen der Unternehmen, die zwar ausgeweitet wurden, aber weniger stark als man angesichts der hohen Kapazitätsauslastung hätte erwarten können. Eine gewisse Zurückhaltung zeigte sich auch bei den privaten Konsumausgaben, die langsamer zunahmen als es die Einkommensentwicklung ermöglicht hätte; die Sparneigung hat entsprechend zugenommen. Die Konsumausgaben des Staates, die zu Jahresbeginn noch gesunken waren, nahmen nun wieder deutlich zu; diese Schwankungen dürften teils durch die Umstände im Zusammenhang mit der Regierungsbildung bedingt gewesen sein. Die dank der guten Konjunktur gute Einnahmensituation des Staates erweitert aber auch dessen Ausgabenrahmen; der Staat erzielte im ersten Halbjahr einen Rekordüberschuss in Höhe von fast 50 Milliarden Euro bzw. knapp 3 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. Die außenwirtschaftliche Entwicklung hingegen dämpfte insgesamt die Konjunktur; die Importe stiegen mehr als doppelt so schnell wie die Exporte. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich weiter verbessert; die Arbeitslosenrate betrug zuletzt nur noch 5 Prozent. Die Verbraucherpreise bewegen sich um die 2-Prozent-Marke; überdurchschnittlich stiegen dabei in den letzten Monaten die Preise insbesondere für Lebensmittel.

Der Aufschwung in Deutschland wird auch weiterhin vor allem von der festen Binnennachfrage getragen werden, auch wenn die Dynamik tendenziell nachlässt. Die binnenwirtschaftlich günstigen Rahmenbedingungen, wie hohe Kapazitätsauslastung und günstige Finanzierungsbedingungen, stützen die Investitions- und die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen; die durch die geopolitischen und weltwirtschaftlichen Unsicherheiten bedingte Zurückhaltung dämpfen aber die Zunahme der Investitionen sowie der Beschäftigung. Damit werden auch die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte und deren Konsum langsamer zunehmen. Die Baunachfrage scheint trotz kräftig steigender Baupreise ungebrochen. Die aktuellen Handelskonflikte und -sanktionen bremsen den Welthandel und damit auch die Expansion der deutschen Exporte. Gleichzeitig regt die gute Binnennachfrage die Importe an; netto kommen so vom Außenbeitrag eher negative Wachstumsimpulse. Alles in allem wird die deutsche Wirtschaftsleistung im Jahresdurchschnitt 2018 um knapp 2 Prozent steigen. Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich dabei noch verbessern. Die Inflationsrate der Verbraucherpreise dürfte 2018 durchschnittlich knapp 2 Prozent betragen.

Auch die Konjunkturperspektiven für das Jahr 2019 sind insgesamt weiterhin positiv; die für die Spätphase eines Aufschwungs typischen Abschwächungstendenzen dürften allerdings sichtbarer werden. Die Unternehmen werden ihre Investitionen mit zunehmender Anpassung der Kapazitäten und infolge weltpolitischer Risiken weniger stark ausweiten. Damit wird sich auch die Zunahme von Beschäftigung, Einkommen und privatem Konsum verlangsamen. Das wird auch der Staat trotz seiner guten Finanzlage nicht durch seinen Konsum bzw. durch erhöhte Investitionen in die Infrastruktur kompensieren können. Die Exporte dürften angesichts des angespannten weltwirtschaftlichen Umfelds nur relativ mäßig zunehmen. Die deutsche Wirtschaft wird daher insgesamt 2019 nur noch um 1,6 Prozent wachsen. Die Arbeitsmarktsituation wird sich dann nur noch leicht verbessern. Die Inflationsrate der Verbraucherpreise könnte, wegen des von den Vorstufen bereits herrührenden Preisdrucks, bei gut 2 Prozent liegen.

Risiken für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft kommen vor allem von außen. Hier sind einmal die verschiedenen geopolitischen Konfliktherde zu nennen, deren Entwicklung und gegebenenfalls etwaigen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft nicht vorhersehbar sind. Überdies ist die weitere Entwicklung der vor allem von den USA ausgehenden Handelskonflikte kaum absehbar; hier sind sowohl eine Eskalation wie auch Verhandlungslösungen denkbar. Auch wenn sich in der Eurozone die Lage in potenziellen Krisenländern momentan wieder beruhigt hat, so ist damit die Finanzstabilität der Eurozone aber keinesfalls gesichert. Außerdem steht im Frühjahr 2019 der endgültige Brexit an, dessen Modalitäten noch immer nicht ausgehandelt sind. Stärkere von den USA ausgehende Zinssteigerungstendenzen könnten zudem die Finanzsituation vieler Entwicklungs- und Schwellenländer beeinträchtigen.

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Vollständige Darstellung der makroökonomischen Aggregate (PDF)

Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel