Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

07.03.2016 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel

- HWWI senkt Prognose für 2016 auf 1,3 %
- Binnenwirtschaft stützt weiterhin die Konjunktur

(Hamburg, 7. März 2016) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland aktualisiert und angesichts der globalen politischen wie wirtschaftlichen Probleme gesenkt. Für dieses Jahr wird bei verlangsamter Dynamik ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,3 % erwartet. Für das Jahr 2017 wird bei dann wieder anziehender Konjunktur mit einem Wachstum von ebenfalls 1,3 % gerechnet. Der Arbeitsmarkt bleibt relativ stabil; wegen der zuwanderungsbedingten Erhöhung des Erwerbspersonenpotentials wird die Arbeitslosigkeit aber steigen. Der Preisanstieg bleibt im Prognosezeitraum niedrig.

Im Detail
Die globale Konjunkturschwäche dämpft auch das Wirtschaftswachstum in Deutschland. Die deutsche Konjunktur hat bereits im Jahresverlauf 2015 deutlich an Dynamik verloren. Diese Tendenz hielt zu Beginn dieses Jahres an. Zwar lief die Binnenkonjunktur weiter recht gut, denn der Staat und die privaten Haushalte weiteten ihre Konsumausgaben wegen des anhaltenden Flüchtlingszustroms bzw. der deutlich steigenden Realeinkommen weiter merklich aus. Die globalen Unsicherheiten schlugen sich aber in zurückhaltenderen Investitionsentscheidungen nieder. Vor allem von außenwirtschaftlicher Seite aber nahmen die bremsenden Einflüsse zu. Die Nachfrage aus dem Ausland hat merklich nachgelassen. Die Importe haben zwar seit Herbst ebenfalls nicht mehr zugenommen, sich aber besser als die Exporte entwickelt. Der Wachstumsimpuls von dieser Seite war damit negativ.

Die Entwicklung der Verbraucherpreise insgesamt liegt mit zuletzt 0,0 % nach wie vor abseits des „Stabilitätspfades" von 2 Prozent. Allerdings beruht diese Entwicklung vor allem auf außergewöhnlich gesunkenen Öl- und anderen Rohstoffpreisen. Derartige externe Einflüsse sind grundsätzlich hinzunehmen. Die derzeit sehr expansiv ausgerichteten geldpolitischen Maßnahmen würden bei Wegfall oder gar Umkehr dieser Faktoren vielmehr die Gefahr in sich bergen, dann tatsächlich inflationär zu wirken.

Die Aussichten für die Weltwirtschaft bergen vielfältige Unsicherheiten, sind bei Ausbleiben neuer externer Schocks aber als gedämpft positiv einzuschätzen. China und die USA, in denen vieles auf ein Nachlassen der konjunkturellen Dynamik insbesondere im Industriebereich hindeutet, sind bestrebt, ihre Konjunktur in Gang zu halten. Das Überangebot auf dem Weltölmarkt sollte bald begrenzt werden, sei es aufgrund konkreterer Absprachen wichtiger Ölförderländer, sei es aufgrund von kostenbedingten Produktionseinschränkungen, insbesondere bei den Fracking-Firmen. Dies alles dürfte die Weltwirtschaft stabilisieren. Mit einer Wiederbelebung der Auslandsnachfrage sollte dann die Konjunktur in Deutschland im späteren Verlauf dieses Jahres wieder an Schwung gewinnen. Bei Fortsetzung der Aufwärtsbewegung im nächsten Jahr wäre wegen des geringeren Überhangs Ende 2016 im Vergleich zu 2015 trotzdem nur mit einer ähnlich hohen Wachstumsrate von 1 ¼ % wie in diesem Jahr zu rechnen.

Wichtigste Wachstumsstütze in Deutschland bleibt dabei die Binnenwirtschaft. Für Deutschland wirken der Ölpreisverfall und der Flüchtlingszustrom – kurzfristig betrachtet – wie Konjunkturprogramme. Der private und der staatliche Konsum werden weiter deutlich ausgeweitet. Sobald die Weltwirtschaft sich wieder festigt, wird sich auch bei den Unternehmen die Investitionsunsicherheit mindern. Und die Exporte werden dann wieder zunehmen. Der Außenhandelsüberschuss dürfte bei gleichzeitig deutlich steigenden Importen aber zunächst kaum höher ausfallen; erst im nächsten Jahr wird von dieser Seite wieder ein positiver Wachstumsimpuls ausgehen.

Die Lage am Arbeitsmarkt sollte im Prognosezeitraum stabil bleiben. Allerdings wird sich die Zunahme der Erwerbstätigenzahl merklich verlangsamen. Gleichzeitig bewirken die Nettozuwanderung und die erhöhte Erwerbsbeteiligung, dass sich das Erwerbspersonenpotenzial vergrößert. Das wird nach langer Zeit wieder zu einem Anstieg der Zahl der Arbeitslosen führen.

Die Risiken für diese Prognose sind umfangreich – sowohl von geopolitischer wie von weltwirtschaftlicher Seite. Die größten ökonomischen Risiken liegen in der weiteren Wirtschaftsentwicklung in China, ob es dort der Regierung gelingt, den Transformationsprozess ohne zu starke Friktionen zu bewältigen. Nur bei Stabilisierung des Wirtschaftswachstums in China wird auch eine Stabilisierung der Öl- und anderer Rohstoffpreise eintreten. Der Preisverfall auf den Rohstoffmärkten stellt viele der Rohstoffförderländer vor finanzielle Probleme. Diese überkompensieren mehr und mehr die konjunkturellen positiven Effekte in den Industrieländern. Überdies kommen von der Frage eines Brexits und eines möglichen Abschwungs in den USA weitere Risiken auf die deutsche Konjunktur zu.

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Vollständige Darstellung der makroökonomischen Aggregate

Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel