Ganze Branchen, nicht nur in Norddeutschland, sondern im gesamten Bundesgebiet, sind wesentlich durch Familienunternehmen geprägt, wie dies zum Beispiel in der Schifffahrtsindustrie oder in Teilen der Lebensmittelindustrie der Fall ist. Was wissen wir aber darüber, wie inhabergeführte Unternehmen handeln?
Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Familienunternehmen ist durch viele quantitative Untersuchungen belegt und gilt als unbestritten hoch. Würde man zu dem Ergebnis gelangen, Familienunternehmen sind wie alle anderen Unternehmen erwerbswirtschaftlich orientierte betriebliche Einheiten, deren Funktionieren durch die gängigen betriebswirtschaftlichen oder mikroökonomischen Theorieansätze ausreichend analysiert und erklärt werden könnte, müsste sich niemand mit dieser offensichtlich besonderen Form von Unternehmen beschäftigen.
Fragt man Familienunternehmer selbst, ob sie etwas Besonderes sind, bekommt man stets zur Antwort: Ja. Doch worin liegt die Besonderheit im Auge des Betroffenen? Begriffe wie Verantwortung für Mitarbeiter, für die Region, für die Umwelt, oder für die Familie werden ebenso genannt wie Nachhaltigkeit und die Bewahrung der Substanz für nachfolgende Familiengenerationen. Aber Familienunternehmer sind auch erwerbswirtschaftliche, gewinnorientierte Einheiten, die im Wettbewerb zu anderen Nicht-Familienunternehmen stehen und den Herausforderungen bestehen müssen. Einigen Familienunternehmen gelingt dies hervorragend wegen herausragender Managementeigenschaften der Unternehmensführung bzw. der familieneigenen Unternehmensführer, andere scheitern an höchstpersönlichen Defiziten ebendieser Unternehmensführung oder aber an Fehlern in der Unternehmensstrategie und deren Umsetzung.
Allen Erscheinungen ist gemein: Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wie Familienunternehmen funktionieren, warum Familienunternehmen erfolgreich sind und warum nicht. Ob und wenn ja, in welchen Punkten unterscheiden sich Familienunternehmen überhaupt von anderen Unternehmensformen? Auch die Frage, ob Familienunternehmen rational handeln oder die Entscheidungen von persönlichen Befindlichkeiten aus dem familiären Umfeld bestimmt werden und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Kontinuität von Familienunternehmen über die Generationen sicherzustellen, ist noch nicht abschließend beantwortet.
Und wo liegt nun die Besonderheit von Familienunternehmen aus der Sicht der analytischen Wissenschaft? Wie stets beginnt eine Beschäftigung mit der zunächst einfachen Frage, was der Untersuchungsgegenstand ist. Aber die Definition des Begriffs des Familienunternehmens wirft schon die ersten Fragen auf. Bisher haben sich zwei grundsätzliche Definitionsrichtungen in der Wissenschaft verfestigt: erstens die Bestimmung des Familienunternehmens anhand eindeutiger Verhaltensmuster sowie zweitens der formale und tatsächliche Einfluss der Familie auf das Unternehmen und dessen Führung.
Nachfolgend soll von letzterer Definition der Familienunternehmen ausgegangen werden, sodass gemessen werden muss, wann eine Familie noch Einfluss auf das Unternehmen hat und welche Schwelle überschritten werden muss, damit aus dem gesellschaftsrechtlichen, kapitalmarktmäßigen Einfluss entweder durch tatsächliches Handeln als Gesellschafter oder als Gesellschaftergeschäftsführer ein qualitativer Unterschied zu „normalen“ Unternehmen identifiziert werden kann.
Durch diese Definition bestimmt man den Rahmen aller empirischen Untersuchungen, da man den Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten auf diese Unternehmen begrenzt. Für die Unternehmen selbst reicht es aber nicht aus, zu wissen, dass man zu einer besonderen Gruppe von Unternehmen gehört. Die Unternehmensleitung und / oder die Familie möchten von der Wissenschaft Antworten oder zumindest Anregungen auf Ihre drängenden Fragen haben, wie zum Beispiel: Wie gewinne und motiviere ich Fremdmanager in „meinem“ Familienunternehmen? Gibt es einen optimalen Zeitpunkt für den Generationenwechsel in der Unternehmensleitung? Was habe ich zu beachten, wenn ich fremdes Kapital in „mein“ Unternehmen aufnehme und welche Alternativen zur Eigenkapitalfinanzierung gibt es hierbei? Wie stelle ich das Familienunternehmen mit seinen kulturellen nationalen Besonderheiten international auf und kann ich den Charakter als Familienunternehmen im Ausland wie im Inland bewahren?
Das seit Februar 2011 geschaffene HWWI-Themenfeld „Family Owned Business“ und das gleichzeitig privat finanzierte interdisziplinäre Institut für Family Owned Business (eine Partnerschaft aus HSBA, HWWI und interessierten und engagierten Unternehmen aus der Praxis) will einen Beitrag dazu leisten, dass das „unbekannte Wesen Familienunternehmen“ ein wenig erklärbarer wird und für die agierenden Familienunternehmen interessante Erkenntnisse und gegebenfalls Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können. In diesem Sinne werden wir auch bemüht sein, regelmäßig über die Aktivitäten und Forschungsergebnisse zu berichten.