Ungarn hat in vielerlei Hinsicht von seiner Integration in die Europäische Union (EU) profitiert, und das nicht erst seit dem EU-Beitritt des Landes. Industriestrukturen und die regionale Entwicklung des Landes wurden vielmehr seit Anfang der 1990er-Jahre von den positiven Auswirkungen mit geprägt. Dennoch hat Ungarn stärker als seine osteuropäischen Nachbarn mit den Folgen der Wirtschaftskrise zu kämpfen. Trotz aller Sparzwänge infolge des Stabilitätsprogramms von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) sollten die wirtschaftspolitisch notwendigen Standortmaßnahmen nicht versäumt werden.
Neue industrielle Ballungszentren haben sich in dem stark vom Export abhängigen Ungarn nahe der Westgrenze und somit in der Nähe zum EU-Markt herausgebildet. Die wirtschaftliche Entwicklung seit 1995 verlief dort deutlich dynamischer als im Osten des Landes. Darüber hinaus spielte Budapest als Metropolregion eine bedeutende Rolle. Die Regionen im Norden mit der ehemals bedeutenden Schwerindustrie sowie das landwirtschaftlich geprägte ungarische Tiefland hingegen sind im Niedergang begriffen. Diese Wirtschaftsstrukturen schlagen sich sowohl in der Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen als auch bei der regionalen Arbeitslosigkeit nieder. Insgesamt hat Ungarn beim Pro-Kopf-Einkommen von 52 % auf 63 % des EU-Durchschnitts im Zeitraum 1995 bis 2009 aufgeholt. Die Unterschiede zwischen den reichsten und den ärmsten Regionen sind dabei jedoch auf 37 % des EU-Durchschnittseinkommens und damit auf die nun höchsten unter den mittel- und osteuropäischen Ländern angewachsen.
Industrielle Ballungszentren wirkten sich auch auf die Konzentration der einzelnen Industriezweige landesweit gesehen aus. Anhand regionaler Beschäftigungszahlen von acht Zweigen des verarbeitenden Gewerbes untersuchte die Dissertation der Autorin diese mithilfe von sechs Konzentrationsmaßen. Der Elektro- und Maschinenbausektor als Schwerpunktindustrie Ungarns ist dabei landesweit relativ gleich verteilt, während andere Industriezweige, wie die chemische Industrie sowie Druck und Papierherstellung, regional konzentriert sind.
Unterschiede stellten sich ferner hinsichtlich der industriellen Spezialisierung der Regionen heraus. Die Grenzregionen insgesamt sind in ihrer Industriestruktur stärker diversifiziert als die Regionen im Landesinneren. Bei der Unterscheidung je nach Nachbarland hatten die an EU-Länder grenzenden Regionen die breiteste Industriestruktur, die sich im Zeitverlauf noch weiter diversifiziert hat. Die an der Außengrenze liegenden Regionen mit dünnerer Wirtschaftsstruktur sind dagegen von wenigen Industriezweigen abhängig.
Der Zusammenhang mit der zunehmenden europäischen Integration des Landes wurde in der Arbeit im Rahmen von Modellen der neuen ökonomischen Geographie untersucht. Sowohl bei der Industriekonzentration als auch bei der regionalen Spezialisierung auf bestimmte Industriezweige zeigten sich im Verlauf zwei Spitzen, eine in 1999 und eine in 2007. Die erste deutet auf Vorwegnahmeeffekte bei den Direktinvestitionen, die zweite auf positive Effekte durch die EU-Mitgliedschaft selbst hin.
Für die Industriekonzentration stellte die Arbeit einen positiven Zusammenhang mit dem EU-Exportanteil eines Industriezweiges fest. Dies bestätigt den Einfluss der Handelsintegration mit der EU auf die Entwicklung industrieller Ballungszentren in Ungarn. Als industriespezifische Einflussfaktoren konnten mittels Regressionsanalyse Skaleneffekte, die Produktivität sowie Hochtechnologie und Abhängigkeit von Niedriglohnarbeitskräften identifiziert werden. Hinsichtlich der Spezialisierung der Regionen wurden als Haupteinflüsse der regionale Bestand an ausländischen Direktinvestitionen sowie eine zentrale Lage der Region und die Anzahl der Erwerbstätigen bestätigt. Auch dieses Ergebnis weist auf die Bedeutung zunehmender europäischer Integration als positiven Einflussfaktor hin.
Künftige Herausforderungen für die Regionalentwicklung des Landes stellen vor allem die Förderung eines gesamtwirtschaftlichen Wachstums sowie die zahlreichen regionalen Ungleichgewichte dar. Als Wachstumsmotoren sollten dynamische Ballungszentren sowie die vom Bevölkerungsgewicht her für Ungarn bedeutenden Grenzregionen in Zukunft stärker genutzt werden. Durch die seit 2002 angehäufte Staatsverschuldung bestehen allerdings geringe wirtschaftspolitische Handlungsspielräume in den kommenden Jahren. Trotz des massiven Sparprogramms darf die neue nationalkonservative Regierung unter Viktor Orbán die notwendigen Standortmaßnahmen zur Ankurbelung der stagnierenden Wirtschaft nicht versäumen. Die Senkung der Unternehmssteuern für kleine und mittlere Betriebe ist hierbei ein erster Schritt in Richtung Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit. Somit bleibt Ungarn mit relativ gut ausgebildeten Arbeitskräften und Lohnkosten von etwa einem Drittel der deutschen weiterhin ein interessanter Standort für ausländische Investoren.
Wandel, C. (2010): Industry Agglomerations and Regional Development in Hungary – Economic Processes during European Integration, Peter Lang Verlag, Frankfurt a.M.