Demografie

Die Lebensleistungsrente – das falsche Instrument für ein richtiges Ziel

06.10.2016 | Gutachten und Studien | von Christina Boll, Andreas Lagemann

Die doppelte Alterung der Bevölkerung – die steigende Lebenserwartung bei zugleich unterhalb des Bestandserhaltungsniveaus liegenden Geburtenraten – stellt das umlagefinanzierte System der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland vor enorme Herausforderungen. Der Altenquotient (20/65) in Deutschland ist bereits jetzt mit 0,35 der dritthöchste im OECD-Vergleich: Im Jahr 2015 kamen 35 Personen im Alter 65 oder älter auf 100 Personen im Alter 20-64 Jahre, im Jahr 2060 werden es in Deutschland sogar 68 Ältere sein. Zugleich hat sich seit 1970 wegen der steigenden Lebenserwartung die Rentenbezugszeit von 9,6 auf mehr als 17 Jahre fast verdoppelt, ohne dass sich das Renteneintrittsalter dementsprechend angepasst hat. Eine Beitragssatzerhöhung ist nur begrenzt möglich, weil dies die Kosten des Faktors Arbeit weiter in die Höhe treiben und somit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährden würde. Die Rentenreformen 2001-2007 hatten daher das Ziel, das Rentensystem zukunftsfähiger zu machen. Auf Basis der bisherigen Regelungen wird es jedoch nicht gelingen, das Sicherungsniveau auch über 2030 hinaus bei 43 % zu stabilisieren: Nach Prognosen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) vom September 2016 wird es von derzeit 47,5 % bis zum Jahr 2045 auf 41,6 % zurückgehen; zugleich wird der Beitragssatz zur Rentenversicherung im gleichen Zeitraum von derzeit 18,7 % auf 23,4 % ansteigen.

Die Entwicklungen gefährden die gesellschaftliche Akzeptanz der gesetzlichen Rentenversicherung, zumal im Kontext der gedämpften Rentenentwicklung mit einem steigenden Altersarmutsrisiko zu rechnen ist. Zwar haben Altersarme Anspruch auf steuerfinanzierte Grundsicherung wegen Alters; diese unterzieht die Betroffenen jedoch einer detaillierten Prüfung ihrer Einkommens- und Vermögenssituation. In Deutschland wird daher seit längerem diskutiert, wie die Abhängigkeit von Sozialleistungen insbesondere bei denjenigen Menschen verhindert werden kann, die lange Jahre in das gesetzliche Rentensystem eingezahlt haben. Dabei ist auch die sogenannte "solidarische Lebensleistungsrente" (LLR) in die Debatte eingebracht worden.

Diese Kurzexpertise trägt Evidenz zum Phänomen der Altersarmut in Deutschland zusammen und ordnet Intention und Wirkungsweise der Lebensleistungsrente in die Zielsetzung der Vermeidung von Altersarmut ein: Werden die Ziele der LLR erreicht? Welche "Nebenwirkungen" gehen mit dem Instrument einher? Dabei wird auch erörtert, wie einer steigenden Altersarmut wirkungsvoller begegnet werden kann, ohne künftigen Generationen erhöhte Lasten aufzuerlegen.

PRESSEMITTEILUNG DES HWWI

PRESSEMITTEILUNG DER INSM

Autoren

Dr. Christina Boll
Andreas Lagemann