HWWI Insights 02 2010

Bankertrag und Bevölkerungsdynamik

Demografischer Wandel - Ein Problem für deutsche Sparkassen?

Text: Marco Oestmann

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Wir alle kennen die Schlagzeilen zu den Auswirkungen des demografischen Wandels. Die Prognosen scheinen in der Regel düster: Krankenversicherung – in der heutigen Form vermutlich nicht mehr bezahlbar. Die Rente – welche Rente? Doch demografische Veränderungen werden nicht nur die sozialen Sicherungssysteme beeinflussen. Auch der Bankensektor steht im Zuge der zu erwartenden Bevölkerungsdynamik vor erheblichen Umwälzungen. Dies betrifft insbesondere die lokal tätigen Sparkassen, die hier im Fokus stehen, und in ähnlichem Ausmaß die Genossenschaftsbanken. Doch warum eigentlich? Und noch wichtiger: welche Auswirkungen auf die Ertragskraft der Regionalbanken sind zu befürchten?

Die 438 deutschen Sparkassen sind ein essentieller Bestandteil der deutschen Finanzwirtschaft. Sie bilden zusammen mit den zugehörigen Verbundinstitutionen eine Säule des dreigliedrigen deutschen Bankensystems und spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle für die regionale Entwicklung. Darüber hinaus sind die Sparkassen in der Fläche – trotz technologischer Neuerungen und Innovationen – bedeutend für die Versorgung der Bevölkerung und Unternehmen mit Finanzdienstleistungen. Eine stabile Ertragslage hat somit über rein betriebswirtschaftliche Effekte auch Konsequenzen für die Stabilität und Funktionsweise des Finanzsektors als Ganzes.

Bevor die Konsequenzen des demografischen Wandels für Sparkassen skizziert werden, lohnt sich zunächst ein Blick auf die aktuellen Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung. Legt man die neueste Bevölkerungsprognose des BBSR zugrunde1, so stellt sich im Zeitraum 2006 bis 2025 in 21 von 39 deutschen NUTS II-Regionen2 ein Bevölkerungsrückgang ein. Insgesamt reicht die Spannweite der Bevölkerungsentwicklung von -18,5 % in Sachsen-Anhalt bis zu einem Wachstum von 8,3 % in Oberbayern. Die Schrumpfungsprozesse, die, wie Abbildung 1 belegt, im Osten der Republik, im Saarland und den ehemaligen westdeutschen Zonenrandgebieten besonders ausgeprägt sind, gehen in der Regel mit einer starken Alterungsdynamik einher. So steigt das Durchschnittsalter in allen Regionen wegen der durchgängig niedrigen Geburtenraten und einer steigenden Lebenserwartung zum Teil deutlich an. Der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen wächst signifikant. Tendenziell sind in städtischen, wirtschaftlich starken Regionen durch Wanderungsbewegungen Bevölkerungsgewinne und eine abgeschwächte Alterungsdynamik zu beobachten. Wirtschaftlich schwächere Gegenden und ländliche Regionen altern schneller und schrumpfen in der Regel.

Für die großen privaten Banken ist dieses Szenario erst einmal kein gravierendes Problem. Filialen in demografisch und ökonomisch schwachen Gebieten können bei Bedarf geschlossen und das Geschäft in prosperierenden Regionen forciert werden. Auch verfügen große private Geschäftsbanken über eine Vielzahl von Möglichkeiten und Ressourcen, die Auswirkungen des demografischen Wandels im Privat- oder Firmenkundengeschäft abzufedern. Hierzu zählt neben der weiteren Internationalisierung die Fokussierung auf andere ertragsstärkere Geschäftsfelder, wie zum Beispiel das Investmentbanking.

Bei Sparkassen sieht die Sache etwas anders aus. Aufgrund von gesetzlichen Restriktionen und Regelungen, die sich die Sparkassen beziehungsweise deren Träger selbst auferlegt haben, unterscheidet sich das Geschäftsmodell erheblich von dem einer privaten Geschäftsbank. Es gilt das sogenannte Regionalprinzip, nachdem das Geschäftsgebiet einer Sparkasse mit den administrativen Grenzen des kommunalen Trägers identisch ist. Der Wettbewerb der Sparkassen untereinander wird somit unterbunden, räumliche Expansionen und Verlagerungsprozesse sind stark erschwert beziehungsweise ausgeschlossen. Die Tätigkeit der Sparkassen ist nicht zuletzt deswegen in der Regel stark lokal verankert. Geschäfte sollen vor allem der Region dienen. Als Konsequenz sind Sparkassen sehr eng mit der wirtschaftlichen und demografischen Situation in ihrem Geschäftsgebiet verbunden. Sie leben zu einem bedeutenden Anteil vom Privat- und Firmenkundengeschäft in ihrer Heimatregion, mit der sie eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden.

Man kann sich vor diesem Hintergrund leicht vorstellen, dass für Sparkassen in schrumpfenden Regionen der Verlust an Kunden gravierende Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit und Ertragskraft haben kann. Da zudem in schrumpfenden Gebieten das regionale Nachfragepotenzial und das Arbeitskräfteangebot sinken, ergeben sich sehr wahrscheinlich für Institute, die in solch einem Umfeld tätig sind, zusätzlich auch negative Perspektiven im Geschäft mit den lokal ansässigen Unternehmen.

Um die Ertragswirkungen des demografischen Wandels auf den Sparkassensektor abschätzen zu können, wurde am HWWI in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden ein neuartiges Prognosemodell entwickelt, das es erlaubt, die verschiedensten Herausforderungen im Privatkundengeschäft zu simulieren. Der Fokus dieses einzigartigen, integrierten Ansatzes liegt dabei auf der demografischen Entwicklung, aber auch andere Effekte, wie eine steigende Wettbewerbsintensität und veränderte Kundencharakteristika, können dabei berücksichtigt werden. Die Kernkomponenten und die Struktur des Prognosemodells sind in Abbildung 2 dargestellt.

Erste Ergebnisse zeigen für ein Status-quo-Szenario, bei dem alle Einflussfaktoren mit Ausnahme der demografischen Entwicklung konstant gehalten werden, für den Sparkassensektor als Ganzes bis 2025 ein Ertragswachstum in Höhe von fast 9 %. Sogar die ostdeutschen Sparkassen können in solch einem Szenario ihre Erträge um fast 6 % steigern. Dieses zunächst etwas überraschende Ergebnis kommt durch einen interessanten Effekt zustande. Es zeigt sich, dass der Ertrag pro Kunde fast stetig mit dem Alter ansteigt. Besonders mit betagten Kunden ist aufgrund höherer Vermögen und sehr konservativer Anlagestrategie überproportional viel Geld zu verdienen. Wenn die Kunden nun älter werden, steigt demzufolge der Pro-Kopf-Ertrag für die Sparkassen so stark an, dass selbst in Regionen mit erheblichen Schrumpfungsprozessen zukünftig Gewinne erzielt werden können.

Unterstellt man jedoch eine größere zukünftige Wettbewerbsintensität und nimmt zusätzlich an, dass die Kunden noch stärker auf die Konditionen achten, also eine stärkere Preissensitivität an den Tag legen, so stellt sich die Situation etwas anders dar. In solch einem realistischen Szenario verlieren besonders die ostdeutschen Sparkassen erheblich an Ertragskraft (-18 %). Für den Sparkassensektor als Ganzes ergibt sich ein moderater Rückgang von gut 3 %. Betrachtet man regionale Auswirkungen, so existieren Regionen wie Sachsen-Anhalt oder der Regierungsbezirk Chemnitz, in denen fast ein Viertel des Ertrags wegbricht.3

Wie können die Sparkassen in demografisch kritischen Regionen mit diesen ernüchternden Ergebnissen umgehen? Zum einen ist es durchaus möglich, ;dass durch den Rückzug von Wettbewerbern aus der Fläche neue Potenziale für die Sparkassen entstehen. Die entstehende Lücke könnte durch die Sparkassen gefüllt werden, die schon allein aufgrund ihres öffentlichen Auftrags dort weiterhin präsent sein müssen. Hierzu ist es zum einen notwendig, sich den Bedürfnissen der zukünftig älteren Kundschaft anzupassen. Dies gilt in erster Linie hinsichtlich des Produktangebots aber auch bei der Betreuung. Erste Ansätze könnten hier zum Beispiel die Einführung einer sogenannten Reverse Mortgage (umgekehrten Hypothek)4 oder spezielle Beratungskonzepte für sogenannte Best Ager, das heißt Kunden mit einem Alter über 50 Jahren, sein.

Zum anderen müssen Sparkassen zukünftig auch im Preis- und Konditionswettbewerb konkurrenzfähig sein. Dies erfordert zusätzliche Maßnahmen, die die allgemeine Effizienz der Sparkassen steigern. Hierzu zählt besonders die verstärkte Nutzung der Verbundvorteile innerhalb der Sparkassenfinanzgruppe, um bestimmte Dienstleistungen kostengünstiger zu erbringen und Degressionseffekte zu realisieren. Für Sparkassen erscheint es zukünftig enorm wichtig, ihre regionalen Stärken, die aus der guten lokalen Marktkenntnis resultieren, mit diesen Kooperationsvorteilen zu kombinieren. Fusionen könnten ein weiteres probates Mittel sein, um der demografischen Herausforderung zu begegnen. Neben ebenfalls erreichbaren Größenvorteilen und Synergieeffekten könnten durch die damit verbundene Ausweitung des Geschäftsgebiets demografische Risiken diversifiziert werden. Anzustreben ist schließlich eine weitere Professionalisierung der Aufsichts- und Leitungsgremien, die in erster Linie nach fachlicher Eignung besetzt werden sollten.

Entscheidend für den zukünftigen Erfolg der Sparkassen dürfte neben den angesprochenen Maßnahmen jedoch insbesondere das Vertrauen in die Institution und die Marke sein. Dies ist ein wertvolles Pfund, mit dem die Sparkassen wuchern können, wie die jüngsten Erfolge in der Finanzmarktkrise zeigen.

Marco Oestmann ist Mitarbeiter im Kompetenzbereich »Weltwirtschaft« des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Die Analysen zum Einfluss des demografischen Wandels auf die zukünftige Situation von regional tätigen Banken sind Teil seiner Dissertation zum Thema »Demografischer Wandel und Ertragslage der deutschen Sparkassen«. Das in der Arbeit entwickelte Simulationsmodell wurde dabei im Rahmen von verschiedenen Projekten bereits erfolgreich in der Praxis erprobt.

Fussnoten

1) Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2009): Raumordnungsprognose 2025/2050. Berichte, Band 29, Bonn.

2) NUTS steht dabei für »Nomenclature des unités territoriales statistiques«, eine europäische Systematik zur Gebietsklassifikation. Im Wesentlichen werden die deutschen NUTS II-Regionen durch die aktuellen und ehemaligen Bezirke gebildet.

3) Ausführliche Ergebnisse und weiterführende Betrachtungen finden sich in: Berlemann, M., Oestmann, M., Thum, M. (2010): Demographic Change and Bank Profitability – Empirical Evidence from German Savings Bank, CESifo Working Paper Series No 2911.

4) Bei einer umgekehrten Hypothek wird eine schuldenfreie Immobilie beliehen. Der Kredit wird in monatlichen Raten oder als Einmalbetrag ausgezahlt. Die Rückzahlung des Darlehens erfolgt am Laufzeitende, zum Beispiel durch den Verkauf der Immobilie.

Interview

»Langfristiges Denken verleiht mehr Sicherheit« 

Interview mit Volker Schwarz
Hauck & Aufhäuser Privatbankiers KGaA, Niederlassung Hamburg

Ältere Kunden erweisen sich aufgrund ihrer höheren Vermögen und der Anlagestrategie in der Regel als sehr profitabel für Banken. Sind diese Charakteristika Ihrer Erfahrung nach auch bei der besonderen Klientel der kleinen Privatbanken zu beobachten?

Volker Schwarz: Einen Zusammenhang zwischen Alter und Profitabilität von Kunden können wir nicht bestätigen. Unsere Kunden haben grundsätzlich komplexe finanzielle Verhältnisse und verlangen deshalb nach intensiver Beratung und individuellen Lösungen – völlig unabhängig vom Alter.

Der demografische Wandel in Deutschland birgt Chancen und Risiken für den Bankensektor. Welche Konsequenzen sind für die zukünftige Ertragslage von kleinen Privatbanken zu erwarten?

Die Chancen von Privatbanken liegen eindeutig in der gestiegenen Nachfrage nach Beratungskompetenz und dem Wunsch nach langfristigen Geschäftsbeziehungen. Gerade die Erbengeneration beschäftigt sich zunehmend mit der Vermögensstruktur und ist in der Regel auch innovativen Lösungen gegenüber aufgeschlossen. Des Weiteren stellen wir vermehrt fest, dass viele Erben einen Teil des Vermögens gleich bei Zufluss einem wohltätigen Zweck zukommen lassen wollen. Da sie die Verwendung selbst steuern möchten, gründen sie oft Stiftungen, deren Vermögen wiederum werterhaltend und möglichst effizient angelegt werden soll. Diese Kompetenzen finden sich vornehmlich bei Privatbanken, die oft seit Jahrhunderten bestehen und für werterhaltende Strategien bekannt sind. Langfristiges Denken verleiht mehr Sicherheit.

Der Vermögensübergang in die nächste Generation ist gleichzeitig auch das größte Risiko von allen Banken; nämlich dann, wenn sie ihre Kunden nicht gut genug kennen und auch die Thematik der Vermögensnachfolge in ihrer Beratung vernachlässigen. Dann könnte es passieren, dass Erben sich zu anderen Instituten orientieren mit entsprechenden Konsequenzen. Die Herausforderung ist also, auch die junge Generation rechtzeitig einzubinden und von der Kompetenz des Hauses zu überzeugen.

Für das Privatkundengeschäft der Regionalbanken wird eine steigende Wettbewerbsintensität erwartet. Wie schätzen Sie die Entwicklung im gehobenen Privatkundensegment ein?

Im gehobenen Privatkundensegment gibt es schon heute eine hohe Wettbewerbsintensität, die in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. Der Schlüssel zum Erfolg liegt sicherlich in einer klaren Fokussierung: Kunden erwarten individuelle Lösungen, um auf die sich immer schneller bewegenden Märkte zu reagieren. Nur wer seine Kunden sehr gut kennt, ihre Ziele und Wünsche analysiert und nachvollziehbar über eine hohe Kompetenz in den Märkten verfügt, wird sich auf Dauer durchsetzten. Über den Preis einer Dienstleistung wird der Markt nicht verteilt werden, denn eine vermeintlich günstige Beratung kann sich durch folgenschwere Fehler schnell als sehr teuer erweisen.

Der Wettbewerb um vermögende Privatkunden wird in einigen großen deutschen Städten auch von Sparkassen geführt. Wie ist die aktuelle Konkurrenzsituation zwischen Privatbanken und Sparkassen einzuschätzen? Wird sich in Zukunft daran etwas ändern?

Sparkassen müssen aufgrund ihres Auftrags und ihrer Struktur einen Spagat zwischen Massengeschäft und Private Banking machen. Dabei haben sie in großen Städten meistens auch einen hohen Marktanteil im allgemeinen Bankgeschäft. Aufgrund des Mengengerüstes muss es bei ihnen zwangsläufig zu einer gewissen Standardisierung kommen. Die Vorteile der kleinen Privatbanken hingegen liegen in der Nähe zum Kunden. Privatbanken betreuen ihre Kunden viel persönlicher und individueller, Lösungen gibt es nicht von der Stange, sondern sie sind maßgefertigt. Für Kunden, die aufgrund ihrer anspruchsvollen finanziellen Situation diesen Service schätzen, werden Privatbanken auch künftig die bevorzugte Anlaufstelle sein.

Volker Schwarz ist Leiter der Hamburger Niederlassung von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers KGaA. Hauck & Aufhäuser Privatbankiers zählt zu den wenigen unabhängigen Privatbanken in Deutschland und versteht sich als traditionsreiches und gleichzeitig modernes Privatbankhaus.