HWWI Insights 03 2011

Städte im Ostseeraum

Impulsgeber für die Zukunft des Ostseeraums sind Städte

Text: Silvia Stiller und Jan Wedemeier

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In den EU-Ländern mit direktem Zugang zur Ostsee, dies sind Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen und Schweden, leben ca. 147 Millionen der rund 500 Millionen EU-Bürger. Zusammen erwirtschaften diese Staaten etwa 30 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der EU-Staaten. Dabei sind die Städte Dreh- und Angelpunkt des ökonomischen Lebens an der Ostsee. Können sie diese Rolle zukünftig, im Zeitalter der Wissenswirtschaft, weiter ausbauen?

Der Ostseeraum ist eine Region, in der, wie in kaum einem anderen Teil Europas, die Städte den Takt für die ökonomische Entwicklung angeben. Denn diese Region weist siedlungsstrukturelle Besonderheiten auf, welche den Städten eine prominente Rolle zukommen lässt. Die Bevölkerung im Ostseeraum lebt überwiegend in Städten, wo das kulturelle und ökonomische Leben stattfindet, während vielerorts der Rest des Landes dünn besiedelt ist. Dies trifft vor allem auf die Baltischen Staaten, Finnland und Schweden (vgl. Abbildung 1) mit ihren Metropolen Tallin, Riga, Vilnius, Helsinki und Stockholm zu. Weil die Ostseestädte Magneten für Menschen sind, ist ihre ökonomische Leistungsfähigkeit maßgeblich für die Entwicklung ganzer Regionen und Landstriche.

Mittelgroße Städte geben den Takt an
Die Bedeutung dieser wichtigen urbanen  Zentren für die sie einschließenden Regionen zeigt der Bevölkerungsteil an der jeweiligen Region. Sie stellen zwischen 24 % der Bevölkerung in Schonen (Malmö) und 78 % der Einwohner des Großraums Kopenhagen. In Vilnius leben 25 % der nationalen Bevölkerung, in Riga sind es 31,7 % und in Tallinn sogar 38,9 %. Ferner hat der Großteil der Städte ein überdurchschnittliches BIP pro Kopf: Ihr Anteil am nationalen BIP übertrifft ihren Bevölkerungsanteil und sie produzieren mit 39,7 % (Vilnius) bis hin zu weit über 50 % (Riga 54,4 % und Tallinn 59,7 %) einen bedeutenden Anteil des BIP (vgl. Abbildung 1).

Und eine weitere Besonderheit ist auffällig: Im Ostseeraum geben die mittelgroßen Großstädte den Takt an. Kronzeugen hierfür sind das estnische Tartu (98 Tausend Einwohner), die finnische Forschungs- und Entwicklungs-Metropole Turku (176 Tausend) und die boomende dänische Universitätsstadt Aarhus (242 Tausend). Allein Hamburg (1,8 Millionen Einwohner) und St. Petersburg (4,6 Millionen Einwohner) sind Millionenstädte.

Insgesamt sind die Städte im Ostseeraum für die Zukunft sehr gut gerüstet, denn der ökonomische Strukturwandel verläuft hier mit rasantem Tempo. Forschungsintensive Industrien sind auf Wachstumskurs und wissensintensive Dienstleistungsunternehmen, beispielsweise im Bereich Architektur, Werbung, Medien- und Kulturwirtschaft, schießen wie Pilze aus dem Boden. Städte sind zudem der Ort, wo Menschen aufeinander treffen und Ideen entstehen. Dabei fördert die räumliche Nähe den Wissens- und Erfahrungsaustausch, was Innovationen und die Weiterentwicklung von Technologien forciert. Bereits heute haben in den »Wissensmetropolen« im Ostseeraum rund ein Drittel der Beschäftigten einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss – dieser Anteil wird zukünftig weiter steigen.

Die Konzentration von Fachkräften spezifischer Wirtschaftszweige ist gleichzeitig eine Voraussetzung dafür, dass die »kritische Masse« für erfolgreiche Clusterbildung in Städten erreicht werden kann. Nicht nur deshalb haben zahlreiche, weltweit erfolgreiche Technologieprodukte, wie das erste WAP-fähige Handy von Nokia (Wireless Application Protocol), der Drei-Punkt-Sicherheitsgurt oder die Software Skype, ihren Ursprung im Ostseeraum.

Magnetwirkung Ostseestädte
Generell stellt die Lokomotivfunktion der Ostseestädte eine günstige Ausgangsposition für einen erfolgreichen wissensbasierten Strukturwandel in der ganzen Region dar, denn die Zeichen für die Wissenswirtschaft stehen hier auf Wachstum. Universitäten, Forschungsinstitutionen und hoch qualifizierte Arbeitskräfte sind in Städten konzentriert und vielerorts ist der Strukturwandel bereits weit vorangeschritten. In den skandinavischen Städten stellt die Wissenswirtschaft 40 % bis 65 % aller Jobs. Zudem sind bereits viele Ostseestädte auf die Zukunft ausgerichtet: Fahrkarten können für den Bus per SMS erworben werden, papierlose Parlamente sind keine Utopie und Internet ist ein Grundrecht. Die nordischen und estnischen Städte der Ostsee gelten als experimentier- und testfreudig. Aufgrund ihrer ökonomischen Attraktivität, der urbanen Standortfaktoren und des vielfältigen Jobangebotes – gerade auch in Branchen, in denen man mit Wissen punkten kann – ziehen zahlreiche Ostseestädte zunehmend Bevölkerung und Unternehmen an, was ihre Attraktivität weiter stärkt.

Weil zahlreiche Städte von Zuwanderung profitieren, erreichen sie in vielen Ländern im Ostseeraum eine dynamischere Bevölkerungsentwicklung als die Länder insgesamt. Dies trifft insbesondere auf die schwedischen, dänischen und finnischen Städte zu. Spitzenreiter ist hierbei die Stadt Malmö, die 2002 bis 2008 um 10,9 % gewachsen ist. Darauf folgen Odense (9,7 %) und Stockholm (9,3 %).

Mit hoher Lebensqualität punkten
Allerdings können sich die Ostseestädte nicht auf ihrem Erfolg ausruhen und müssen sich auch zukünftig im Standortwettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte behaupten. Denn ein ausreichendes Angebot an qualifizierten Arbeitskräften ist grundlegend dafür, dass die Städte auch zukünftig von den Potenzialen des wissensbasierten Strukturwandels profitieren können. Hierzu leistet die Zuwanderung aus anderen Regionen einen wichtigen Beitrag. Neben den wirtschaftlichen Potenzialen profitieren die Städte hierbei auch von ihrer kulturellen Attraktivität und den Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, welche die Lebensqualität entscheidend mit beeinflussen. Zusätzliche Anreize zur Gestaltung der kulturellen Ausstrahlungskraft setzen die Positionierungen als »Europäische Kulturhauptstadt« oder als »Green Capital«. Turku und Tallinn sind Kulturhauptstädte des Jahres 2011, und im Jahr 2014 trägt die schwedisch-lettische Paarung Umeå und Riga diese Auszeichnung. Den Titel der »European Green Capital«, den die Europäische Kommission seit dem Jahr 2009 an umweltpolitisch engagierte Städte verleiht, erhielten als erste Titelträger die schwedische Hauptstadt Stockholm im Jahr 2010 und die norddeutsche Metropole Hamburg im Jahr 2011.

HWWI-Studie

Stiller, S., Wedemeier, J. (2011): Zukunft Ostseeraum: Potenziale und Herausforderungen, HWWI Policy Report 16, Hamburg.