HWWI Insights 04 2012

Der neue Methodenstreit und die alten Staatswissenschaften

oder: Immanuel Kant und das New Economic Thinking

Text: Joachim Zweynert

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Die Wogen des neuerlichen oder auch »dritten« Methodenstreits haben sich geglättet, der Streit über die Ordnungsökonomik scheint beigelegt, die Ökonomen-Zunft zum Tagesgeschäft zurückgekehrt zu sein.

Aber von Ruhe kann keine Rede sein. Gerade in jüngster Zeit haben sich vermehrt international renommierte Ökonomen mit Vorschlägen zu Wort gemeldet, wie die Volkswirtschaftslehre jene methodischen Defizite überwinden könne, die ihr offensichtlich die Erkenntnis der Wirtschaftswirklichkeit erschweren.

Die Methodendiskussion ist also in vollem Gange, doch sie hat eine neue Etappe erreicht. Bei der Auseinandersetzung des Jahres 2009 handelte es sich vornehmlich um eine auf nationaler Ebene geführte Diskussion um die Frage des Überlebens einer traditionellen deutschen Forschungsrichtung, der Ordnungsökonomik. Nun geht es allgemein um die Zukunft der Volkswirtschaftslehre, und diese Diskussion hat ihren Ausgang von den USA genommen, wo sich inzwischen unter anderem ein Institute for New Economic Thinking etabliert hat. Nichts wäre aber verkehrter, als die erste Diskussion vorschnell als »deutsch und rückwärtsgewandt« und die zweite als »international und zukunftsgerichtet« abzustempeln. Denn bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die aktuelle, internationale Diskussion zu genau jenen Fragen führt, die im Mittelpunkt einer deutschsprachigen staatswissenschaftlichen Forschungstradition standen, zu der auch die Ordnungsökonomik gehört.


Die Naturwissenschaften: ein zweifelhaftes Vorbild

Wenn es in der aktuellen Diskussion so etwas wie einen gemeinsamen Nenner gibt, so lautet er: Der Kardinalfehler der neoklassischen Volkswirtschaftslehre – vor allem in der Form, wie sie von Paul Samuelson (1947) begründet worden ist – bestehe darin, dem Vorbild der Naturwissenschaften, vor allem der Physik, nachzueifern. Das Streben nach (scheinbarer) Exaktheit habe die Ökonomen dazu verleitet, Gesellschaften als Ansammlung voneinander isolierter Individuen zu modellieren, deren Verhalten sich auf rationale Kosten-Nutzen-Kalküle zurückführen lässt, und die weder miteinander kommunizieren noch irgendwelche Gefühle füreinander hegen. Mit diesem Verständnis von Mensch und Gesellschaft hat die moderne Verhaltensökonomik inzwischen auch empirisch – und das ist wichtig, um Ökonomen zu überzeugen – gründlich aufgeräumt. Sie hat den Volkswirten nachdrücklich in Erinnerung gerufen, dass auch die Ökonomik eine Sozialwissenschaft ist, und dies in einem elementaren Sinne: Wirtschaftliche Interaktion zwischen Menschen vollziehten sich nun einmal in erster Linie in einer von Menschen teils bewusst, teils unbewusst geschaffenen Welt aus Regeln, Gesetzen, Bräuchen und stillschweigenden Übereinkünften. Diese Welt der Institutionen existiert hauptsächlich in den Köpfen der Menschen, und sie funktioniert nur dann, wenn Menschen sich füreinander interessieren, miteinander kommunizieren und sich immer wieder neu über bestimmte (Re-)Interpretationen ihrer sozialen Umwelt verständigen.


Ein gemeinsamer Nenner: Regeln bestimmen das Wirtschaften

Genau die hier berührte Frage, wie eigentlich eine soziale Ordnung aus der spontanen Interaktion der Individuen entstehen kann und an welche emotionalen und kognitiven Voraussetzungen dies geknüpft ist, war bereits Gegenstand des philosophischen Hauptwerks von Adam Smith, seiner Theory of Moral Sentiments aus dem Jahre 1759. Nachdem sie von der Ökonomen-Zunft für rund 250 Jahre weitgehend ignoriert wurde, feiert sie heute im Rahmen der Verhaltensökonomik und der Neuro-Ökonomik ein erstaunliches Comeback. Auf den ersten Blick paradox, lässt sich eine direkte Linie von Smith zur deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Tradition ziehen. Denn in der angelsächsischen Welt brach bereits David Ricardo (1817) mit der durch Smith begründeten moralphilosophischen Grundlage der Volkswirtschaftslehre und ebnete einer mathematisch-naturwissenschaftlichen Fundierung den Weg (Samuelson war in diesem Sinne lediglich der Vollender Ricardos). Genau dies sah man – vor allem unter Verweis auf Kants Postulat der Willensfreiheit (Kant und Smith pflegten übrigens einen intensiven Austausch) – im deutschsprachigen Raum immer kritisch. Bei allen, zum Teil erheblichen Unterschieden bestand ein gemeinsamer Nenner von Friedrich List, Karl Marx, den Historischen Schulen, Max Weber, Friedrich August von Hayek und eben der Ordoliberalen darin, dass das wirtschaftliche Verhalten von Menschen nicht als durch Naturgesetze bestimmt ansahen, sondern vor allem durch von Menschen – ob bewusst oder unbewusst – geschaffene Regeln und Konventionen. Wenn das so ist, dann muss sich ein Hauptaugenmerk der Volkswirtschaftlehre darauf richten, wie Regeln entstehen und sinnvoll beeinflusst werden können. Gesellschaftliche Regeln aber wurzeln stets in der Kultur und den ideationalen Traditionen einer Gesellschaft, sie reflektieren die politische Ordnung, und sie werden durch das rechtliche System implementiert und durchgesetzt. Entsprechend dieser ausgeprägten Bewusstheit um die institutionelle Kontextualität des Wirtschaftens war die deutschsprachige Volkswirtschaftslehre immer ein Teil der übergeordneten Staatswissenschaften, die in der Regel Wirtschaft, Recht, Politik, Geschichte und Soziologie einschlossen.


PPÖ und die Renaissance der Staatswissenschaften

Angesichts der offenkundigen Probleme, die eine hochgradige Spezialisierung und Wissensteilung zwischen und innerhalb der Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften mit sich bringen, erleben die Staatswissenschaften heute in Deutschland – zum Teil unter der traditionellen Bezeichnung, häufiger aber unter dem aus Großbritannien importierten Label »Philosophie, Politik und Ökonomik« (PPÖ) – eine eindrucksvolle Renaissance. Letztlich geht es dabei, wie bereits bei Adam Smith, darum, das Wirtschaften in seinem philosophischen und politischen Kontext zu begreifen. Die Tradition der Ordnungsökonomik gehört ihrer Entstehung wie ihrem Forschungsprogramm nach eindeutig in die deutsche staatswissenschaftliche Tradition. Innerhalb der Volkswirtschaftslehre gibt es keine andere Strömung, die ein vergleichbares Maß an Anschlussfähigkeit mit den benachbarten Geistes- und Sozialwissenschaften bietet.


Deutsche Denkansätze wiederbeleben

Es ist unstrittig, dass die alte Ordnungsökonomik den Anschluss an die internationale wirtschaftswissenschaftliche Forschung verloren hatte, weil sie es versäumt hatte, sich internationalen Einflüssen zu öffnen. Und kaum jemand wird bestreiten wollen, dass die Globalisierung des Wissenschaftsbetriebes belebend auch auf die deutsche Volkswirtschaftslehre gewirkt hat. Wirklich erfolgreich aber ist in der Globalisierung, wer sich seiner eigenen Stärken bewusst ist. Die aktuelle internationale Methodendiskussion, die einerseits durch die Finanz- und Wirtschaftskrise und andererseits durch neueste verhaltens- und neuroökonomische Erkenntnisse ausgelöst worden ist, wird sehr wahrscheinlich über kurz oder lang zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel führen: Von der Ricardianisch-Samuelsonschen Welt der naturwissenschaftlichen Analogien hin zu einer anthropologisch-sozialwissenschaftlich begründeten Volkswirtschaftslehre, die die Interaktion von Menschen und die Evolution von Regelsystemen in den Mittelpunkt rückt. Neueste Ansätze auf Gebieten wie Constitutional Political Economy, Entwicklungs-ökonomik oder Wirtschaftsethik zielen auf das Problem der Interdependenz und Ko-Evolution von Regelsystemen ab. Dies ist exakt das Gebiet, auf dem die deutschsprachige Volkswirtschaftslehre seit jeher einen komparativen Vorteil besitzt und entsprechend Instrumente bereit hält, die in hohem Maße anschlussfähig an neue Fragestellungen sind. Insofern sind wir sehr gut beraten, wenn wir den Mut haben, unsere eigenen Traditionen – etwa im Rahmen von PPÖ-Programmen – weiterzuentwickeln und selbstbewusst in die globalen Diskurse einzubringen.

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Neue Ordnungsökonomik – eine ärztliche Perspektive

Zu der von Joachim Zweynert skizzierten Entwicklungschance in der gegenwärtigen Krise der Ökonomie ein Kommentar aus ärztlicher Perspektive – von Prof. Dr. med. Martin Butzlaff, Präsident der Universität Witten/Herdecke

Auch die Medizin wähnte sich im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert durch eindrucksvolle wissenschaftliche Leistungen in der Grundlagen- und der Klinischen Forschung einige Jahrzehnte lang auf dem sicheren Weg, mit einem physikalisch-naturwissenschaftlichen Modell des Menschen zumindest einen großen Teil der Phänomene von Gesundheit und Krankheit erklären und behandeln zu können. Besonders hoffnungsvolle Erwartungen verbanden sich auf der molekularen Ebene mit der bis heute erfolgten Entschlüsselung des Genoms. Und obwohl die Konzentration auf die naturwissenschaftlich erfassbare Dimension des Menschen enorme Erkenntnisfortschritte bereits erbracht hat und weiterhin zeitigen wird, ist heute deutlicher als noch vor zwei Jahrzehnten:

1. Die emotionalen, sozialen und geistigen Dimensionen des Menschen sind ungleich komplexer als unsere bisherige naturwissenschaftliche Modellbildung; und:

2. einer Medizin, die vornehmlich oder ausschließlich auf die physikalisch-technischen Erkenntnisse als Fortschrittsmotor setzt, laufen die Menschen bzw. die Patienten davon – und begeben sich in die Hände von oft gänzlich unwissenschaftlich, aber menschlich sehr zugewandt arbeitenden alternativen »Heilern«.

Eine erste methodische Antwort auf diese Herausforderung ist die in den angelsächsischen Ländern Kanada, USA und England zu Beginn der 90er Jahre konzipierte so genannte »Evidenzbasierte Medizin«. Ihr theoretischer Anspruch ist die sinnvolle Verbindung von wissenschaftlichen Erkenntnissen mit individueller ärztlicher Erfahrung und den persönlichen Präferenzen des Patienten.

Übertragen auf die Ökonomie könnte dieser methodische Ansatz bedeuten: Erweitern wir die pseudoexakte Modellbildung in der Wirtschaftswissenschaft um die kostbare »Erfahrung« weiterer sozial- wissenschaftlicher Disziplinen. Vor allem aber: beziehen wir die »persönliche Präferenz« des »Patienten Gesellschaft« ein, der unter anderem durch die kurzsichtigen Fehlannahmen und Fehlsteuerungen der Wirtschaftwissenschaften »erkrankt« ist. Die »Präferenz« – oder anders ausgedrückt – die verständliche Erwartung und Fragestellung in unserer Gesellschaft ist nicht in erster Linie »Was sind die ex post und theoretisch präzise herausgearbeiteten Determinanten meiner Erkrankung?« sondern: »Was trägt zu meiner Gesundung bei?«

Hier scheint die Wirtschaftswissenschaft bei aller erfreulich beginnenden Selbstkritik und Öffnung immer noch dem Bild des Pathologen zu entsprechen: der stellt am Ende die genaue Diagnose und behält fast immer recht – auch wenn der Patient das Zeitliche bereits gesegnet hat. Gebraucht wird – neben dem kompetenten Pathologen – jedoch ebenfalls der kurativ tätige Arzt, der auch dann hilfreich und konstruktiv zur Seite steht, wenn das Krankheitsbild des (häufig chronisch) kranken Patienten nur unzureichend mit der erlernten Lehrbuch-Theorie in Einklang zu bringen ist.