HWWI Insights 04 2012

Editorial

Spannende Zeiten sorgen für neue Herausforderungen


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Die Finanzmarktkrise hat nicht nur die Weltwirtschaft erschüttert. Sie bedeutet auch für die Ökonomik einen fundamentalen Einschnitt. Dabei wäre es töricht, der Volkswirtschaftslehre (VWL) die Schuld an der Finanzmarktkrise zu geben. Die Ökonomik kann genauso wenig für Fehlverhalten von Regierungen verantwortlich gemacht werden, wie die Physik für den Abwurf von Atombomben. Ebenso falsch ist es, den Volkswirten generell den Vorwurf zu machen, sie hätten die Finanzmarktkrise weder vorausgesehen, noch davor gewarnt. Es gab viele Ökonomen, die sehr wohl frühzeitig erkannt hatten, dass mit der politisch initiierten Schaffung eines gemeinsamen Euro-Raums und einer zunächst in den USA später auch in Europa verfolgten Politik des billigen Geldes eine makroökonomisch instabile Gemengelage entsteht. Dennoch wäre es einfältig, wenn die VWL zum business as usual zurückkehren würde. Vielmehr bietet gerade die Finanzmarktkrise eine hervorragende Gelegenheit über Stärken, aber eben auch über die Schwächen der Ökonomik nachzudenken und aus den Erkenntnissen die notwendigen Lehren zu ziehen.

Der Analyse der Stärken und Schwächen der Ökonomik und der sich daraus ergebenden Folgerungen und Begrenzungen wird sich das HWWI noch stärker als bis anhin zuwenden. Dabei sehen wir für die Zukunft der Wirtschaftswissenschaften folgende Herausforderungen: Erstens sollte das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen Experten und Politik noch einmal klargestellt werden: »The role of the scientist is not to decide between the possibilities but to determine what the possibilities are« (Roger R. Pielke, The Honest Broker, 1990). Zweitens sollte Interdisziplinarität nicht nur in Anträgen für Forschungsgelder stehen, sondern dann auch im Forschungsalltag gelebt werden. Drittens, und das ist die schwierigste Aufgabe, müssen die wirtschaftswissenschaftlichen Methoden kritisch überprüft werden, damit die Ökonomik tatsächlich zu einem Erkenntnisgewinn für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft führt.

Der Erkenntnisgegenstand der Ökonomik ist und bleibt Teil einer Geistes- und Sozialwissenschaft, die – sehr weit gefasst – die Staats-, Rechts- und Politikwissenschaft sowie Geschichte und Soziologie mit einschließen. Um die Ökonomik nicht zu einem realitätsfernen und damit für die Gesellschaft nutzlosen Elfenbeinturmdasein degenerieren zu lassen, bedarf es eines pluralistischen Ansatzes. Er muss einer vielfältigen und entsprechend komplexen Wechselwirkung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auf individueller wie auch sozialer und institutioneller Ebene Rechnung tragen. Institutionen- und Verhaltensökonomik, die Wirtschaftsethik oder die politische Philosophie liefern wesentliche Erkenntnisse für ein besseres Verständnis menschlichen Verhaltens und dessen Ursachen und Folgen. Sie machen eine inhaltliche und methodische Erweiterung der Ökonomik erforderlich. Innerhalb der Volkswirtschaftslehre müssen anthropologisch-sozialwissenschaftlich fundierte Ansätze gleichberechtigt neben jene Zweige treten, die sich auf Modelle und naturwissenschaftliche Analogien stützen. Es ist dieses Grundverständnis was Ökonomik ist, kann und was nicht, das für das HWWI in seinem Forschungsalltag leitend ist.

Mit der nun bereits vierten Ausgabe des »HWWI Insights« wollen wir nachweisen, dass unsere Studien sich von praktischen Erkenntnisgewinnen leiten lassen. Wir haben ausgewählte Auftraggeber befragt, welchen Mehrwert die Zusammenarbeit mit dem HWWI für sie hatte. Die Antworten finden Sie auf den folgenden Seiten. Davon soll auch die Diskussion um die Zukunft der Wirtschaftswissenschaften profitieren. Hierzu freuen wir uns auf Ihre Rückmeldungen.

Prof. Dr. Thomas Straubhaar
Direktor und Sprecher der Geschäftsführung

Gunnar Geyer
Geschäftsführer