HWWI Insights 04 2012

Gesundheit und wirtschaftliche Entwicklung

Eine Forschungsinitiative des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts und des Bernhard-Nocht-Instituts

Text: Jana Stöver und Henning Vöpel

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Das HWWI kooperiert mit dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in der Analyse der sozio-ökonomischen Auswirkungen von tropischen Infektionskrankheiten. Die Kooperation dient der Beantwortung von medizinisch-ökonomischen Fragestellungen sowie der wissenschaftlichen Vernetzung und der Förderung des Austausches zwischen den Disziplinen. Das HWWI freut sich, ein so renommiertes Institut als Partner gewonnen zu haben.

»Bis 2015 soll die Ausbreitung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten weltweit gestoppt und allmählich verringert werden.«

Diese Zielsetzung ist Teil von Ziel 6 der Millenium Development Goals, die im September 2000 in einer gemeinsamen Erklärung von allen Mitgliedsländern der Vereinten Nationen verabschiedet wurden. Knapp eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Basisversorgung und mehr als 15 Mio. Menschen sterben weltweit jährlich an heilbaren Krankheiten wie Durchfall, Malaria und Tuberkulose, ca. fünf Mio. davon wegen mangelnden Zugangs zu sauberem Trinkwasser. Dies trifft fast ausnahmslos Menschen mit niedrigem Einkommen in Entwicklungsländern.

In diesen Ländern ist die Lebenserwartung von 57 Jahren erheblich niedriger als in reichen Ländern, wo sie bei 80 Jahren liegt (vgl. Tabelle 1). Besonders Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose und Durchfall weisen Eigenschaften bezüglich Übertragung, Verlauf und Behandlung auf, die dazu führen, dass Arme besonders gefährdet sind (s. Interview). Armut und Krankheit verstärken sich oft gegenseitig. Haushalte mit niedrigem Einkommen müssen bei Krankheitsfällen zum Beispiel eher auf die Ausbildung, insbesondere ihrer Kinder, verzichten. Als mögliche Folge »vererbt« sich Armut auf die folgende Generation (vgl. Seite 26 und 27) Gesundheit ist zudem ein wichtiger Faktor für die Produktivität eines Haushalts und somit für seine wirtschaftliche Entwicklung. Einkommen und Gesundheit hängen dabei wechselseitig voneinander ab. Bei dem Versuch, diesen »Teufelskreis« zu durchbrechen, kommen Gesundheitsversorgung und Prävention eine zentrale Bedeutung zu.

Folgende langfristige Entwicklungen werden voraussichtlich starke Auswirkungen auf die Verbreitung, Übertragung und Folgen von Infektionskrankheiten haben: Wirtschaftliche Globalisierung wirkt über eine stärkere Vernetzung. Der Klimawandel hat zudem diverse Auswirkungen auf die Eigenschaften von Infektionskrankheiten. Zunehmende Urbanisierung führt zu veränderten Übertragungsraten.

Diese Veränderungen haben potenziell weitreichende gesellschaftliche und ökonomische Folgen. Deren Untersuchung ist das Ziel der interdisziplinären Forschungskooperation von HWWI und Bernhard-Nocht-Institut. Der gemeinsame Ansatz von Medizin und Ökonomie soll es vor dem Hintergrund von Globalisierung, Klimawandel und Urbanisierung ermöglichen, im Bereich »Public Health« effektive Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu identifizieren.

Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin wurde 1900 als »Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten« vom Marinearzt Bernhard Nocht gegründet – als Reaktion auf eine Cholera-Epidemie, die in Hamburg mehr als 9 000 Todesopfer forderte. Heute steht die Forschung im Mittelpunkt, aber auch Lehre, Beratung und Versorgung gehören zu den Leistungen. Das Institut vereint hoch technologische Laboruntersuchungen zur Biologie von Krankheitserregern, Immunologie und Genetik, klinischen Studien, Epidemiologie und Krankheitsbekämpfung in den Endemiegebieten der Tropenkrankheiten.

Drei Fragen an Prof. Dr. Rolf Horstmann, Vorsitzender des Vorstandes, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg:


1. Welche Bedeutung haben Infektionskrankheiten heute für Betroffene und für Gesellschaften?
Während die Bevölkerung einkommensschwacher Länder von jeher schwer unter Infektionskrankheiten leidet, kehrte bei uns die Bedrohung mit AIDS zurück. Seither haben antibiotikaresistente Bakterien, Ausbrüche von SARS, Schweinegrippe und EHEC mit Macht unsere Verwundbarkeit durch Infektionen demonstriert. Zudem stellen wir in den letzten Jahren erstaunt fest, dass exotische Infektionen wie Dengue- und Chikungunya-Fieber, die wir fernen Ländern zugeordnet hatten, plötzlich vor unserer Haustür in Südfrankreich und Norditalien auftauchen.

2. Welche »Eigenschaften« machen Infektionskrankheiten aus medizinischer Sicht so speziell?
Infektionskrankheiten befallen uns akut und ohne Vorwarnung. Für den Einzelnen erscheinen sie daher besonders bedrohlich: Epidemien rufen nicht selten panikartige Reaktionen hervor. Vor allem aber erscheinen sie vermeidbar, und anders als bei anderen Erkrankungen wird ihre Vermeidung – vielleicht mit Ausnahme von AIDS – nicht als Aufgabe des Einzelnen, sondern als Aufgabe der Gesellschaft gesehen.

3. Warum ist es sinnvoll, neben der medizinischen Erforschung auch mehr über die ökonomischen Auswirkungen von Infektionskrankheiten zu wissen?
In einkommensschwachen Ländern verursachen Infektionskrankheiten kaum zu bemessende finanzielle Verluste und insbesondere enorme humanitäre Belastungen. Daher neigen Politiker dazu, sie nicht öffentlich zu thematisieren und sie zu verdrängen oder zu verschweigen. Umso wichtiger ist es, entstehende Kosten und finanzielle Einbußen wissenschaftlich fundiert zu bemessen, um überzeugend darstellen zu können, dass sich Aufwendungen für Bekämpfungsmaßnahmen lohnen. Da bei uns Probleme überwiegend durch Epidemien auftreten, verursachen sie in der Regel vorübergehende Krisen, die rasch in Vergessenheit geraten und deren Kosten man unterschätzt.