HWWI Insights 04 2012

Zeitverwendung von Eltern im internationalen Vergleich

Text: Christina Boll

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Die Arbeitsteilung von Müttern und Vätern in Familie und Beruf hat sich in den letzten Jahrzehnten in den meisten Ländern verschoben. Mütter gehen zunehmend einer bezahlten Erwerbstätigkeit nach, und immer mehr Väter wollen Verantwortung für Familienaufgaben übernehmen.

Lassen sich diese Trends in der Zeitverwendung in einschlägigen Zeitverwendungsdaten bestätigen? Und inwiefern haben arbeitsmarktbezogene oder familienpolitische Einflussfaktoren die individuelle Zeitverwendung der Eltern beeinflusst? Das Forscherteam im Themenfeld »Erwerbstätigkeit und Familie« ist im Auftrag des Bundes- ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) diesen Fragen nachgegangen und hat die Zeitverwendung von Eltern über einen Zeitraum von über 30 Jahren im internationalen Vergleich analysiert. Zu den untersuchten Ländern zählen Deutschland, Italien, das Vereinigte Königreich, Niederlande, Kanada, Schweden, Norwegen und Finnland. Als Datenbasis diente die Multinational Time Use Study (MTUS), ein aus Tagebuchaufzeichnungen gewonnener Zeitbudget-Datensatz. Die für die Studie verwendete Stichprobe umfasste für den Zeitraum 1971–2005 insgesamt 132 460 Beobachtungen verheirateter oder mit einem Partner zusammen lebender Elternteile mit einem jüngsten Kind unter fünf Jahren im Haushalt. Analysiert wurde der tägliche Zeiteinsatz in Minuten, unter anderem für Kinderbetreuung und Hausarbeit. Auch der Anteil jener Mütter und Väter, die überhaupt Zeit für diese Aktivitäten aufwendeten (Partizipationsrate), wurde gemessen.

Ergebnisse der Studie

Die Zeit, die Väter mit Kinderbetreuung und Hausarbeit verbringen, ist im beobachteten Zeitraum im internationalen Trend kontinuierlich angestiegen. Kinderbetreuung zeigte dabei einen noch deutlicheren Aufwärtstrend als Hausarbeit: Nicht nur die Zeit in Minuten, sondern auch die Partizipationsrate nahm hier über die Zeit deutlich zu (vgl. Abbildung 1) und lag zur Jahrtausendwende in den untersuchten Ländern zwischen 70 und 84 %.

Auch Mütter weiteten – trotz ansteigender Frauenerwerbstätigkeit – ihre Kinderbetreuungszeit in den letzten Jahrzehnten in den meisten Ländern aus. Dies galt für teilzeit- wie vollzeiterwerbstätige Mütter und zeigt insgesamt einen Bedeutungszuwachs von Kinderbetreuung. Die Hausarbeitszeit von Müttern ging dagegen kontinuierlich zurück.

Je höher das Bildungsniveau der Väter, desto mehr Zeit verbrachten diese in der Regel mit ihren Kindern. Dies galt sowohl für den Anteil der Väter, die sich überhaupt in Kinderbetreuung engagierten, als auch für die Betreuungsminuten pro Tag.

Das unterschiedliche Niveau der Zeitverwendung kann teilweise durch die jeweiligen Arbeitszeitregime erklärt werden. So leisteten Väter in Ländern mit höherer Frauenerwerbsquote in der Regel mehr Hausarbeit als Väter in Ländern mit geringerer Erwerbsbeteiligung von Frauen (vgl. Abbildung 2). Zusätzlich ging eine höhere Vollzeitquote von Frauen mit weniger Hausarbeit von Müttern und Vätern einher.

In skandinavischen Ländern wurde eine Angleichung der Geschlechter auch durch Familienpolitik deutlich unterstützt. Hier hatten spezielle Väter-Komponenten, gekoppelt mit hohen Lohnersatzleistungen während der Elternzeit, eine förderliche Wirkung auf die Väterbeteiligung an der Kinderbetreuung. Dagegen hatte eine lange Elternzeit, insbesondere, wenn sie mit einem nur mäßigen Lohnersatz kombiniert wurde, einen negativen Einfluss auf die Kinderbetreuungszeit von Vätern.


Familienpolitische Einordnung der Studienergebnisse

Da die Daten zum Zeitpunkt der Studie nicht über das Jahr 2005 hinausgingen, können zur Zeitverwendung der Eltern am aktuellen Rand und zu deren Beeinflussung durch aktuelle makroökonomische oder familienpolitische Faktoren keine Aussagen getroffen werden. Insbesondere der Einfluss des im Jahr 2007 in Deutschland eingeführten Elterngeldes und der Elternzeit kann derzeit anhand der MTUS-Daten nicht verifiziert werden.

Die Erfahrungen skandinavischer Länder geben jedoch Anlass zur Hoffnung, dass diese Maßnahmen die Väterbeteiligung an Hausarbeit und Kinderbetreuung und die mütterliche Erwerbstätigkeit auch in Deutschland weiter stimulieren könnten. Und auch jüngere Entwicklungen in Deutschland stärken diese Vermutung. Die Inanspruchnahmerate des Elterngeldes durch die Väter lag zuletzt bei 25,4 % – ein Anstieg von 5,5 Prozentpunkten gegenüber dem ersten Halbjahr 2008. Zugleich zeigen neueste Untersuchungen zum Arbeitsangebot von Müttern, dass im Vergleich zum Vorgängermodell Erziehungszeit/-geld die Erwerbsbeteiligung von Müttern im ersten Lebensjahr des Kindes zwar geringer, im zweiten Jahr jedoch gestiegen ist. Allerdings wird das nachhaltige Aufbrechen tradierter Geschlechterrollen im Haushalt nur gelingen, wenn die von Vätern beantragten Zeiträume ausgedehnt und die parallele Inanspruchnahme mit der Mutter verringert werden. Derzeit bezieht aber unter den Elterngeldempfängern nur jeder vierte Vater das Elterngeld über die zwei Partnermonate hinaus, und nur 38 % der Paare erhalten das Elterngeld zeitlich nacheinander.


Resonanz der Studienergebnisse in Wirtschaft und Politik

Wie die Studie gezeigt hat, kann die Familienpolitik zu einer Angleichung der Aufgabenverantwortung der Partner in Haushalt und Familie beitragen. Die Studienergebnisse sind daher wichtige Befunde im Zusammenhang mit der Wirkungsanalyse des Elterngeldes und der Vatermonate in der Elternzeit. Zentrale Ergebnisse der Studie haben daher Eingang in den Familienreport 2011 der Bundesregierung gefunden (siehe Fußnote 1).

Zeiten für Kinderbetreuung und Hausarbeit sind mit betrieblichen Arbeitszeiten und Arbeitsorten eng verknüpft. Da bot es sich geradezu an, die Ergebnisse der »Väterstudie« am 15. Mai 2012 zum Internationalen Tag der Familie in der Handelskammer Hamburg zu präsentieren. Denn die von der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration der Hansestadt Hamburg, der Hamburger Allianz für Familien und der Handelskammer Hamburg ausgerichtete Veranstaltung stand dieses Jahr unter dem Thema »Familienbewusste Arbeitsorganisation im Betrieb/Auftrag und Herausforderung für die Unternehmensleitungen und für die Tarif- und Sozialpartner«. Auch auf dem Gesundheitstag der Hamburger Wirtschaft am 11. April 2012 in der Handelskammer Hamburg wurden Teile der Ergebnisse im Rahmen eines Vortrags im Themenblock »Vereinbarkeit von Beruf und Familie« vorgestellt.


Einbindung der Studienergebnisse in die künftige Forschung im Themenfeld »Erwerbstätigkeit und Familie« am HWWI

Auf Basis der Studienergebnisse wurden seitens des Forscherteams weitere multivariate Analysen durchgeführt, um einzelne kausale Effekte familienpolitischer Maßnahmen auf die Zeitverwendung von Vätern zu identifizieren. Dabei wird auch stärker zwischen Einflüssen auf die Partizipation und Einflüssen auf die Minuten pro Tag unterschieden. Die Ergebnisse befinden sich derzeit im Veröffentlichungsprozess. Zudem ist das Forschungsthema »Arbeitsteilung der Partner in Familie und Beruf« in weitere laufende Forschungsprojekte des Themenfeldes eingebettet. Wie internationale Studien zeigen, kann ein aktives Engagement von Vätern in der Familie auch den Kinderwunsch von Frauen und die Geburtenrate positiv beeinflussen. Das HWWI ist an der Evaluation der Wirkung ehe- und familienbezogener Leistungen auf die Geburtenrate bzw. die Erfüllung von Kinderwünschen im Auftrag des Bundesfamilien- und des Bundesfinanzministeriums beteiligt und wird in diesem Zusammenhang die Fertilitätseffekte väterlicher Zeitverwendung auf Familienarbeit weiterhin analysieren, einordnen und politische Entscheidungsträger zu diesen Fragen beraten.

Zudem ist das väterliche Engagement für Familienarbeit – neben dem Betreuungsangebot in Krippe, Kita und Hort – eine zentrale Determinante der Arbeitsmarktbeteiligung und der Einkommenserzielung von Müttern. Im Rahmen des Projektes »Unterwertige Beschäftigung von Akademikerinnen im Zusammenhang mit Familienphasen« geht das Forscherteam im Themenfeld der Frage nach, in welchem Umfang beschäftigte Akademikerinnen nach der Familienpause von beruflichen Wechseln oder Tätigkeitswechseln betroffen sind, die zu einer der formalen Qualifikation nicht adäquaten Beschäftigung führen, und welche Einkommensverluste den akademisch gebildeten Müttern in diesem Zusammenhang entstehen. Auch in diesem Projektzusammenhang wird wiederum die Frage eine Rolle spielen, inwiefern die Zeitverwendung von Vätern die Arbeitsmarkt-Performance von Müttern beeinflusst.

Einen weiteren Forschungsansatz verfolgt das Forscherteam mit der Untersuchung der Zusammenhänge zwischen elterlicher Zeitverwendung für Familie und Beruf und den Bildungskarrieren von Kindern. Traditionelle Ansätze intergenerationaler Bildungsmobilitätsanalysen ergänzend, werden in diesem neuen multinationalen empirischen Projekt Elternhauseinflüsse auf die kindliche Bildungsentwicklung nicht nur unter dem Aspekt elterlicher Bildung, sondern auch unter dem Aspekt des elterlichen Erwerbsverhaltens empirisch evaluiert. Wie beeinflusst die elterliche Erwerbsarbeit die Ressourcen Zeit, Geld und vermittelte Wertorientierungen? Hierbei steht die mütterliche Erwerbstätigkeit im Fokus sowie die Frage, inwiefern traditionell mütterliche Betreuungsaufgaben durch den Partner sowie durch Bildungsinstitutionen (beispielsweise Ganztagsschulen) übernommen werden und welche kindlichen Bildungseffekte hiervon ausgehen.

Fußnote

1) Boll, C., Leppin, J., N. Reich (2011): Einfluss der Elternzeit von Vätern auf die familiale Arbeitsteilung im internationalen Vergleich, Gutachten für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), HWWI Policy Paper 59, Hamburg.

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Vgl. auch BMFSFJ (2012) (Hrsg.): Familienreport 2011, Seite 91-92.