HWWI Insights 05 2013

Deutschland und der Ostseeraum
Bildungs-, Erwerbs- & Einkommenschancen

Text: Nora Reich

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Keine alte Leier: deutsche Frauen sind unzureichend in den Arbeitsmarkt integriert
Ein bunter Mix aus unterschiedlichen Staaten teilt sich das Ostseeufer. Im Westen und Norden befinden sich die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland. Im Osten schließen sich Russland sowie die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen an. Am südlichen Ufer sind Polen und Deutschland zu finden. Aufgrund des – auch in diesen Ländern diskutierten – demografischen Wandels und der daraus resultierenden Abnahme an Personen im erwerbsfähigen Alter werden die Bedeutung von Qualifikation und Erwerbsintegration in Zukunft deutlich wachsen. Für eine positive wirtschaftliche Entwicklung stellt sich also die intensive Nutzung des vorhandenen Humankapitals als Schlüsselstrategie für Wachstum und Wohlstand dar. Wie ist es um die Ostseeländer diesbezüglich aktuell bestellt?


Bildung: Zwei zu Eins für die Frauen

In allen betrachteten Ostseestaaten war in den Jahren 2001 bis 2010 die Zahl der weiblichen Studierenden deutlich höher als die der männlichen Studierenden. Dementsprechend gab es auch mehr Hochschulabsolventinnen als Absolventen. Im Jahre 2010 hatten (unter anderem) die deutschen Frauen bezüglich beider Indikatoren den geringsten Vorsprung vor ihren männlichen Landsleuten. Es graduierten pro 100 Männer circa 140 Frauen. Ein ähnliches Verhältnis fand sich in Dänemark, aber in anderen Ostseestaaten war diese Differenz deutlich größer. In Lettland standen 100 Absolventen gar 247 Absolventinnen gegenüber. Frauen brachen darüber hinaus seltener die Schule oder die Ausbildung ab. Besonders hoch war die Abbrecherquote mit knapp 20 % bei den norwegischen Männern, gefolgt von den lettischen Männern mit knapp 16 %. Da das „lebenslange Lernen“ im Zuge des Strukturwandels an Bedeutung gewinnt, ist Weiterbildung im Erwachsenenalter ein weiterer wichtiger Faktor für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg. Hier zeigte sich, dass in Deutschland, Polen und den drei baltischen Staaten der Anteil der Personen über 24 Jahre, die entsprechende Bildungsangebote in Anspruch nehmen, mit etwa 5 % um ein Vielfaches geringer war als in den skandinavischen Ländern mit Anteilen zwischen 16 und 39 %.


Erwerbstätigkeit: Ungenutzte Beschäftigungspotenziale bei älteren Menschen und Frauen in Polen und bei Müttern in Deutschland

Auch bezüglich der Erwerbstätigenquote bestehen Länderdifferenzen. In Lettland und Litauen waren nur etwa 60 % der Frauen und Männer im erwerbsfähigen Alter berufstätig, während es in Dänemark, Schweden und Norwegen mehr als 70 % waren. In allen Ländern war die Erwerbstätigenquote der Männer höher als diejenige der Frauen. Deutschland lag bezüglich der Männererwerbstätigenquote mit 77 % an der Spitze, bezüglich der Frauenerwerbstätigenquote mit 68 % im Mittelfeld. Besonders gering war die Quote in Polen, wo nur gut die Hälfte der Frauen berufstätig ist. Die Berufstätigkeit von Frauen hing dabei häufig von familiären Verpflichtungen ab, wie Auswertungen nach der Kinderzahl und den Gründen für Teilzeitbeschäftigung zeigen. Dementsprechend gering war auch die Erwerbstätigenquote von Müttern mit kleinen Kindern. Sie betrug in Deutschland 62 %, womit im Ostseevergleich zusammen mit Estland, Polen und Finnland das Schlusslicht markiert wurde. Dagegen gehörte Deutschland bezüglich der Erwerbsintegration junger Menschen nicht zu den „Sorgenkindern“. Besorgniserregend ist diesbezüglich die Situation in Lettland, Litauen und Polen, wo die Erwerbstätigenquoten bei jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren mit zwischen 17 und 30 % sehr gering war. Die Erwerbstätigenquote älterer Personen zwischen 55 und 64 Jahren lag zwischen 27 % bei den Polinnen und 76 % bei den schwedi­schen Männern. Deutschland lag bezüglich der Erwerbs­tätigenquote in dieser Altersklasse im Mittelfeld, mit 53 % bei den Frauen und 67 % bei den Männern.


Teilzeit: (k)ein Modell für den Osten

Die Teilzeitquote lag bei Männern in allen Ländern sowie bei den Lettinnen, den Litauerinnen und den Polinnen bei unter 10 %. Mit 45 % hatten deutsche Frauen mit Abstand die höchste Teilzeitquote in diesem internationalen Vergleich. Danach folgten die Schwedinnen mit 36 % und die Däninnen mit 33 %. Allerdings war der Anteil der unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten an allen Teilzeitkräften in zwei der drei baltischen Staaten vergleichsweise hoch: In Lettland und Litauen traf dies auf 33 % (Litauerinnen) beziehungsweise 41 % (Letten) zu, während weniger als ein Fünftel der Personen in Dänemark und Norwegen sowie der deutschen und estnischen Frauen als Hauptgrund angaben, keine Vollzeitstelle zu finden. Vor allem Mütter in Deutschland entscheiden sich oft bewusst für Teilzeit, während dieses Modell in osteuropäischen Staaten eher eine Notlösung darstellt. Das heißt aber nicht, dass beispielsweise unter verbesserten Betreuungsbedingungen nicht mehr deutsche Mütter ihre Arbeitszeit aufstocken wollen würden. In absoluten Zahlen besteht folglich vor allem bei Frauen in Deutschland, Schweden und Dänemark das Potenzial zur Ausdehnung der Arbeitsstunden; bei Betrachtung der unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung vor allem in Lettland und Litauen.


Arbeitslosigkeit: Herausforderung Jugendarbeitslosigkeit

Gemessen an der Bevölkerungszahl war die Arbeitslosenquote im Jahr 2010 mit 17 bis 19 % in den drei baltischen Staaten besonders hoch. In den übrigen Ländern lag sie zwischen 7 % in Deutschland und knapp 10 % in Polen. Dabei war sie in allen Ländern außer Polen etwas höher bei Männern als bei Frauen. Die Analyse nach Altersgruppen zeigt, dass in allen Ländern die jungen Leute am häufigsten von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Die Jugendarbeitslosigkeit war am höchsten in Litauen (33 %), Lettland (29 %), Polen (26 %) und Schweden (23 %). In Deutschland, Lettland und Litauen war zudem die Arbeitslosenquote in der ältesten Altersgruppe höher als in der mittleren. Auch bezüglich des Bildungsniveaus bestanden deutliche Unterschiede. In allen Ländern sank der Anteil Arbeitsloser mit dem Anstieg des Bildungsniveaus. Die höchsten Arbeitslosenquoten wiesen gering ausgebildete Personen in den baltischen Staaten auf, die niedrigsten hoch gebildete Personen in Deutschland (2,5 %) und Norwegen (1,7 %). Der Anteil Langzeitarbeitsloser an allen Erwerbspersonen war ebenfalls in den baltischen Staaten am höchsten, während er in den skandinavischen Staaten am geringsten war.


Inaktive Bevölkerung: trotz Qualifikation nicht integriert

Der Anteil der wirtschaftlich inaktiven Personen an der Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 64 Jahren ist von 2000 bis 2011 gesunken und lag im Jahre 2011 zwischen 13 % in Schweden und 27 % in Polen. Die wirtschaftlich inaktiven Personen sind weder erwerbstätig noch erwerbslos. Das heißt, auch ohne Job sind sie entweder nicht auf der Suche nach einem Job, kurzfristig nicht für einen solchen verfügbar oder beides. Mit Abstand am höchsten war der Anteil bei den Polinnen: Mehr als jede dritte Frau war wirtschaftlich inaktiv. Der zweithöchste Anteil ist bei den deutschen Frauen zu finden (24 %). Am geringsten war der Anteil bei schwedischen (10 %) und deutschen (12 %) Männern. Vier Fünftel der inaktiven Frauen in den baltischen Staaten und Polen sowie der inaktiven Männer in Deutschland verfügten über ein mittleres oder hohes Bildungsniveau. Bei diesen Gruppen sowie bei den finnischen und estnischen Frauen mit tertiärer Bildung zeigt sich deutliches Potenzial zur besseren Nutzung des Humankapitals.


Einkommenschancen: hohe unbereinigte Lohnlücke in Estland und Deutschland

Die unbereinigte Lohnlücke gibt die Differenz zwischen den durchschnittlichen Bruttostundenlöhnen von Männern und Frauen an. Im Jahr 2010 war diese Lohnlücke in Estland mit knapp 28 % am größten, danach folgte Deutschland mit 23 %. In Deutschland sowie in Lettland und Norwegen hat sich die Lücke von 2006 bis 2010 sogar vergrößert. Der geringste durchschnittliche Unterschied zwischen den Löhnen von Frauen und Männern war 2010 in Polen zu finden: Hier betrug er nur gut 5 %. Eine akademische Ausbildung lohnte sich vor allem in Estland, weil dort die Lohnlücke mit steigendem Bildungsniveau sank. In Norwegen war die Lücke für das mittlere und das hohe Qualifikationsniveau gleich, und in allen anderen Ländern war sie bei den Akademikern größer als bei den Personen mit mittlerem Bildungsabschluss. Die Lohnlücke ist im Zusammenhang mit dem vergleichsweise hohen Anteil gut gebildeter Frauen unter den Inaktiven zu sehen. Für eine umfangreichere Integration weiblicher Fachkräfte in den Arbeitsmarkt ist es notwendig, für Frauen dieselben finanziellen Anreize wie für Männer zu schaffen.


Deutschland: hohe weibliche Potenziale

Die Analyse der Bildungs-, Erwerbs- und Einkommens­situation nach Alter und Geschlecht zeigt, dass Deutschland im Vergleich der Ostseeländer in Bezug auf die Chancen für jüngere und ältere Personen gut positioniert ist. Dagegen spiegelt die geschlechtsspezifische Auswertung von Erwerbsindikatoren wider, dass Frauen – insbesondere Mütter – in Deutschland trotz ihres guten Ausbildungsniveaus unzureichend in den Arbeitsmarkt integriert sind. Die Erwerbstätigenquote von Frauen nimmt deutlich mit der Zahl der Kinder ab und sie ist besonders gering bei Müttern mit Kleinkindern. Ein Gutteil deutscher Frauen arbeitet in Teilzeit: Hauptgrund dafür sind familiäre Verpflichtungen. Deutschland ist darüber hinaus das einzige Land in diesem Vergleich, in dem die Erwerbstätigenquote hochqualifizierter Frauen geringer ist als diejenige hochqualifizierter Männer. Zudem ist die geschlechtsspezifische Lohnlücke bei Akademikern größer als die entsprechende Differenz bei Personen mittlerer Qualifikation – ein hoher Bildungsabschluss zahlt sich für deutsche Frauen also vergleichsweise wenig aus. Nichterwerbstätige Frauen in Deutschland weisen darüber hinaus eine geringe Arbeitsmarktnähe auf: Knapp ein Viertel ist den wirtschaftlich inaktiven Personen zuzurechnen, die noch nicht einmal verfügbar für einen Job und auf der Suche nach einem solchen sind. Um die in der Bevölkerung vorhandenen Potenziale zur langfristigen Sicherung des Fachkräfteangebots zu nutzen, könnte in Deutschland auf die Arbeitszeitausweitung der teilzeitbeschäftigten Frauen sowie der Erwerbsintegration von nichterwerbstätigen Frauen zurückgegriffen werden.


Literatur:

Biermann, U.; Boll, C.; Reich, N.; Stiller, S. (2013): Economic Perspectives, Qualification and Labour Market Integration of Women in the Baltic Sea Region in: M. Hogeforster (Hrsg.): Baltic Sea Academy Vol. 9/2013.

Boll, C.; Reich, N. (2012): Arbeitskräfteangebot: Vielfältige Potenziale im Ostseeraum. HWWI Update 09 – Beilage, Hamburg.