HWWI Insights 05 2013

Grundlagenforschung für Investitionsentscheidungen des Mittelstands
Kroatien oder Malaysia

Text: André Wolf

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Ein global positioniertes Unternehmen sieht sich in seiner Standortwahl einer kaum zu überblickenden Vielzahl an Entscheidungsfaktoren gegenüber. Dabei sollte eine an längerfristigen Renditezielen orientierte Planung nicht nur die ökonomischen Kerngrößen, wie Kaufkraft und Transportkosten, berücksichtigen, sondern auch Überlegungen zur politisch-rechtlichen Stabilität und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Zielregion einschließen. Die Verdichtung dieser vielschichtigen Informationen auf einzelne Kennzahlen oder Indizes kann hierbei eine bedeutende Hilfe darstellen. Voraussetzung für die Sinnhaftigkeit solcher Größen ist jedoch, dass deren Herleitung auf Basis transparenter und wissenschaftlich fundierter Methodik erfolgt.

Dieser Hintergrund war im vergangenen Jahr die Hauptmotivation für das HWWI, in Zusammenarbeit mit der BDO AG den BDO International Business Compass (IBC) als einen in dieser Form noch nicht existierenden Länderindex zu entwerfen. Dieser wurde im letzten Jahr erstmals auf die vorhandenen Daten angewendet und zu einem Ranking der Länder weltweit eingesetzt. Neben einem Gesamtindex, der Faktoren zur Abbildung der ökonomischen, politisch-rechtlichen und sozio-kulturellen Rahmenbedingungen bündelt, wurden auch zwei Teilindizes (Absatz und Produktion) konstruiert. Diese verfolgen das Ziel, solche länderbezogenen Merkmale zusammenzufassen, die aus Sicht eines Unternehmens für die Auswahl eines Landes als Produktionsstandort beziehungsweise als Absatzmarkt entscheidend sind (siehe Schema). Für die Beurteilung der Sinnhaftigkeit, im Sinne der Praxisrelevanz des Index, ist ein Grundverständnis der Methodik der Indexkonstruktion hilfreich.

Im Allgemeinen werden Indizes als Analysetool dort eingesetzt, wo ein Sachverhalt zu komplex und vielschichtig ist, um ihn durch einzelne beobachtbare Größen abbilden zu können. Stattdessen werden, wie in einem Puzzlespiel, verschiedene Merkmale des Untersuchungsgegenstands erst durch die Forscherin/den Forscher zu einer übergelagerten Maßgröße zusammengeführt. Deren Wert soll als ein Gesamtbild die verschiedenen Teilaspekte des abzubildenden Phänomens in einer einzigen Zahl bündeln. Anders als einem Kind beim Puzzlespiel ist der Forscherin oder dem Forscher aber nicht vorgegeben, nach welchem Muster die Teilaspekte zu einem bestimmten Gesamtbild zusammenzusetzen sind. Stattdessen entscheidet die Wahl der Konstruktionsmethode zu einem beträchtlichen Teil, welches Bild entsteht. Aus diesem Grund muss schon bei der Konstruktion die Zielsetzung des Index stets vor Augen behalten werden. Dazu sind üblicherweise folgende gedankliche Schritte zu durchlaufen, wie hier am Beispiel der Teilindizes des IBC erläutert:


Erster Schritt: Merkmalsauswahl

Es ist zunächst zu entscheiden, welche beobachtbaren Größen überhaupt in die Indexberechnung eingehen sollen. Die Menge der ausgewählten Merkmale sollte einerseits möglichst sämtliche Teilaspekte (Dimensionen) des zu messenden Phänomens widerspiegeln, andererseits noch überschaubar genug sein, um eine intuitive Interpretation der Indexwerte zu ermöglichen. In die Teilindizes Absatz und Produktion gehen sechs beziehungsweise sieben Merkmale ein, welche die verschiedenen Dimensionen von Standortattraktivität relativ passgenau abbilden. So geht in den Absatzindex beispielsweise mit den Pro-Kopf-Konsumausgaben eine Größe ein, die das lokale Nachfragepotenzial reflektieren soll. Durch Einbeziehung der Inflationsrate wird dagegen der zu erwartende Kaufkraftverlust von Einnahmen in lokaler Währung berücksichtigt, also ein gänzlich anderer Aspekt abgedeckt.


Zweiter Schritt: Dimensionierung der Merkmale

Aus der Verschiedenartigkeit der einfließenden Merkmale folgt oftmals auch, dass diese in unterschiedlichen Maßeinheiten gemessen sind. Um die Merkmale dennoch sinnvoll zu einer Maßgröße zusammensetzen zu können, ist es in vielen Fällen unumgänglich, sie zunächst einer Normierungsprozedur zu unterziehen. Dabei ist es oft wünschenswert, auch die Wertebereiche der Indikatoren zu vereinheitlichen, da ansonsten stärker streuende Indikatoren einen überproportionalen Einfluss in der Indexberechnung erhalten. Die Merkmale der IBC-Teilindizes werden gemäß einer Min-Max-Normalisierung auf einer Skala von 0 bis 100 normiert. Dies wird erreicht, in dem für jedes Land der weltweite Minimalwert zunächst vom beobachteten Wert eines Indikators abgezogen wird und der erhaltene Wert anschließend durch die Differenz von Maximal- und Minimalwert geteilt wird. Auf diese Weise werden sämtliche Merkmale in äquivalente dimensionslose Größen umgewandelt, welche denselben Wertebereich aufweisen.


Dritter Schritt: Wahl der Gewichtung

Je nach beurteilter Relevanz der einzelnen Merkmale können diese mit unterschiedlichen Gewichten in die Indexberechnung eingehen. Zur Bestimmung der Gewichtung können neben theoretischen Vorüberlegungen auch anerkannte statistische Methoden (zum Beispiel Faktoranalyse oder kanonische Korrelation) herangezogen werden, die geeignete Gewichte aus den in den Daten zu beobachtenden Merkmalszusammenhängen ableiten. In die Teilindizes des IBC fließen dagegen alle berücksichtigten Merkmale mit derselben Gewichtung ein. Die praktische Relevanz einzelner Merkmale, wie der Lohnkostenhöhe, für die Standortattraktivität ist hier stark branchen- und zeitpunktabhängig. Vor diesem Hintergrund ist kein Merkmal als allgemein mehr oder weniger bedeutsam einzustufen.


Vierter Schritt: Wahl der Aggregationsmethode

Abschließend bleibt noch zu bestimmen, nach welchem rechnerischen Verfahren die einzelnen Merkmalswerte zu einem Indexwert verdichtet werden sollen. Die einfachste Methode ist hier sicherlich das klassische arithmetische Mittel. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass dieser Methode die Annahme zugrunde liegt, ein schlechter Wert in einem Merkmal könne durch gutes Abschneiden in einem anderen Merkmal jederzeit ausgeglichen werden. Dagegen belohnen alternative Methoden wie das geometrische Mittel ein gewisses Maß an Ausgeglichenheit im Hinblick auf die Performance in unterschiedlichen Teilaspekten. Die Merkmalswerte in den Teilindizes des IBC werden aus diesem Grund über geometrische Mittelung zum Indexwert zusammengefügt. So wird der Überlegung Ausdruck verliehen, dass ein Land hinsichtlich sämtlicher betrachteter Standortfaktoren konkurrenzfähig sein sollte, um eine gute Platzierung im Standortranking erreichen zu können.


Ergebnisse

Die für das Jahr 2013 aktualisierten Ergebnisse beider Teilindizes im weltweiten Vergleich sind auf den Weltkarten unten eingezeichnet. Global werden die ersten Plätze im Absatz-Ranking von den USA, Japan und Deutschland belegt, im Bereich Produktion liegen Hong-Kong, Singapur und Belgien an der Spitze. Im Ganzen dominieren in beiden Teilbereichen nach wie vor die klassischen Industrienationen, allerdings haben vor allem im Bereich Absatz auch die großen Schwellenländer nach unseren Berechnungen mittlerweile Anschluss gefunden.

Das schlechte Abschneiden von Ländern wie Weißrussland im Absatzindex oder Iran im Produktionsindex ist dagegen ein gutes Beispiel für den Einfluss der Berechnungsmethode auf das Ranking. So ist der niedrige Wert Weißrusslands hier primär das Ergebnis einer außergewöhnlich hohen Inflationsrate von 53% im Jahr 2011, da nach der Methode der geometrischen Mittelung ja ein sehr schlechter Wert in einem Indikator ein Land bereits weit nach hinten werfen kann. Ähnliches trifft auf den Iran zu, der in erster Linie aufgrund einer sehr gering ausgeprägten Investitionsfreiheit im Produktionsindex auf den hintersten Rängen weltweit zu finden ist.

Damit liefert der IBC insgesamt ein plausibles Bild regionaler Standortbedingungen. Gleichzeitig hat er jedoch – wie alle Indexrankings – nur den Charakter einer Momentaufnahme und bedarf damit einer stetigen Aktualisierung. Das betrifft nicht nur Änderungen der Merkmalswerte. Auch sämtliche oben aufgeführten Schritte der Indexkonstruktion müssen regelmäßig überprüft werden, da in einer Welt wandelnder Gesetzmäßigkeiten auch die Merkmalsauswahl und deren Gewichtung gelegentliche Revisionen erfordern. Das Arbeiten mit Indizes bietet damit langanhaltende Beschäftigung.