HWWI Insights 05 2013

Stolpersteine auf dem Weg zur Realisierung von Desertec

Text: André Wolf

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Solarstrom aus der Wüste – kaum eine andere Idee bündelt wie ein Brennglas so viele Facetten des herrschenden Zeitgeists. Zum Grundkanon des zukunftspolitischen Denkens gewordene Begriffe wie Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Fairer Handel sind allesamt Ziele, die nach dem Willen der Befürworter durch das Konzept DESERTEC verwirklicht werden sollen. Im Laufe der Zeit droht die Strahlkraft solcher Visio­nen aber schnell durch kaum überwindbare Hürden in der Umsetzung in den Schatten gestellt zu werden. Dies geschieht vor allem dann, wenn dem Siegeszug einer Idee kurzfristig ausgerichtete Partikularinteressen in die Quere kommen. Dem Ökonom stellt sich hier die Aufgabe, die Interessenlage transparent zu machen und Anknüpfungspunkte für einen tragbaren Interessenausgleich zu finden.

Zum Hintergrund: Der Gedanke einer globalen Arbeitsteilung im Bereich Energie über die Konzentration der Stromerzeugung an den energiereichsten Standorten der Erde geht auf die Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC), einem zukunftspolitischen Netzwerk, initiiert durch den Club of Rome, zurück. Über die Gründung der DESERTEC Foundation 2009 wurde dann erstmals eine Plattform zur Verbreitung dieser Idee geschaffen. Diese hat im Juli 2009 zusammen mit zwölf Firmen aus den Branchen Energie, Technologie, Finanzen und Versicherungen die Dii GmbH gegründet, die die Umsetzung des Vorhabens voranbringen soll. Als Zielregion für ein Pilotprojekt steht dabei der Mittelmeerraum im Zentrum. Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Solarthermie als Energieform – die Bündelung von Sonnenlicht über Spiegel. Deren Einsatz in den sonnenreichen Wüsten Nordafrikas verspricht eine starke Stromausbeute, welche nach Befriedigung des regionalen Bedarfs über Hochspannungsleitungen nach Europa transportiert werden soll. Als Zielsetzung wird eine Deckung von zwei Dritteln des regionalen sowie 17 % des europäischen Strombedarfs für das Jahr 2050 ausgegeben.

Die Verwirklichung dieses Plans scheint zunächst in der Tat eine Win-win-Situation herbeiführen zu können. So könnten Verbraucher in Europa trotz der entstehenden Durchleitungskosten von der hohen Effizienz dieser Form der Energieerzeugung profitieren. Denn der Transportweg ist aus Sicht der europäischen Verbraucher im Vergleich zur heimischer Energieerzeugung zwar relativ lang, die Tatsache einer zwei- bis dreifachen stärkeren Sonnenstrahlintensität in Nordafrika soll dies aber nach Berechnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) längerfristig ausgleichen: Bereits zwischen 2020 und 2030 sollen die Gesamtkosten von Erzeugung und Transport geringer sein als bei konventioneller Stromerzeugung innerhalb Europas. Auch die stärkere Unabhängigkeit von der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen an sich würde für Europa einen Vorteil darstellen, unterminiert es doch aus geopolitischer Sicht die Machtposition einzelner rohstoffreicher Länder. Dazu käme noch ein Erfolg im Hinblick auf die globale Zielsetzung einer Senkung der CO2-Emissionen.

Aus Sicht der Erzeugerländer sollten längerfristig ebenfalls die positiven Effekte überwiegen. So wird von allen Konzeptbefürwortern betont, dass die Priorität zunächst bei der Sicherung des einheimischen Energiebedarfs liegen sollte, DESERTEC also auch durch Stärkung der lokalen Infrastruktur zur Triebkraft einer sektorenübergreifenden Entwicklung in Nordafrika werden könnte. Zudem bietet DESERTEC für die Länder dieser Region die Möglichkeit der Umstellung der Exportstruktur – weg von wenig zur inländischen Wertschöpfung beitragenden Primärgütern. 

Trotz dieser günstigen Voraussetzungen scheint die Dynamik des Großvorhabens in letzter Zeit beträchtlich ins Stocken geraten zu sein. So wurde trotz langjähriger Anstrengungen bisher kein Modellprojekt im Rahmen von DESERTEC realisiert. Von Seiten der Verantwortlichen wird dies neben technischen Unwägbarkeiten primär auf den so nicht vorhersehbaren arabischen Frühling zurückgeführt, der die Planungsfähigkeit der Länder in der Region merklich eingeschränkt habe. Die Beispiele Marokko und Vereinigte Arabische Emirate zeigen jedoch, dass auch in diesen Zeiten Großprojekte in der Ökostromerzeugung Teil der politischen Agenda sind. So hat Marokko im letzten Jahr mit dem Bau eines großen thermischen Solarkraftwerks begonnen; die Emirate haben unlängst das zurzeit größte Solarkraftwerk der Welt mitten in der Wüste in Betrieb genommen. Die Verantwortlichen haben jedoch deutlich gemacht, dass diese zunächst einmal allein der inländischen Versorgung dienen sollen.


Die Gründe für die ausbleibende Realisierung der Energietrasse sind vor allem ökonomischer Natur. Denn auch wenn die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften vom Großprojekt insgesamt profitieren würde, kann die politische Rücksichtnahme auf Einzelinteressen einer Realisierung im Wege stehen. Jüngstes Beispiel hierfür ist das Agieren Spaniens in seiner Rolle als Transitland. Obwohl die hierfür nötigen Unterwasserkabel bereits verlegt sind, sperrt sich die spanische Regierung bisher dagegen, die Durchleitung des Stroms von Marokko nach Europa zu gewähren. Denn Spanien würde so aller Voraussicht nach vom Energieexporteur zum -importeur werden, was vor allem die bisher noch staatlich protegierten Unternehmen aus dem Bereich der konventionellen Energieerzeugung ins Hintertreffen bringen dürfte.

Das HWWI forscht derzeit im Rahmen des Verbundprojekts „Innovative Geschäftsmodelle für Sicherheit von Netzversorgungsinfrastrukturen (InnoGeSi)“ zur Energiesicherheit zusammen mit seinen Projektpartnern daran, durch welche politischen Handlungsanreize das Zusammenspiel der Akteure auf den verschiedenen Ebenen von derartigen Energieprojekten verbessert werden kann. DESERTEC wird hierbei als eines von mehreren Fallbeispielen unter die Lupe genommen werden.