HWWI Insights 05 2013

ThürReg: Ein Modellprojekt zur Förderung von Innovation und Beschäftigung in Thüringer Regionen

Text: Johannes Jaenicke

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Im Sommer des vergangenen Jahres ist am Thüringer Standort des HWWI in Erfurt das Modellprojekt „ThürReg: Ein Modellprojekt zur Förderung von Innovation und Beschäftigung in Thüringer Regionen“ aus dem Bereich Arbeitsmarkt- und Regionalökonomie erfolgreich an den Start gegangen. Das Modellprojekt hat das Ziel, empirisch fundierte Werkzeuge zu entwickeln, die aktiv die Vermittlung von Arbeitsuchenden in bedarfsdeckende Beschäftigte unterstützen und einen effektiven Arbeitnehmer-Arbeitgeberservice erlauben. Die Forschungsarbeiten bauen auf der modernen Humankapitaltheorie auf und nutzen Verfahren aus dem Bereich Data-Mining und Mikroökonometrie, um den Matching-Prozess auf dem Arbeitsmarkt für die zu beratenden Parteien zu verbessern. Dabei stehen folgende Leitfragen im Vordergrund:

  • Wie können auf die konkrete Bildungs- und Erwerbsbiographie des zu Beratenden abgestimmte individuelle Strategien entwickelt werden, damit Langzeitarbeitslose und ältere Arbeitslose in bedarfsdeckende stabile Beschäftigungsverhältnisse vermittelt werden?
  • Wie kann der Fachkräftebedarf in einer stark vom demografischen Wandel betroffenen Region gesichert werden?
  • Wie lässt sich eine verbesserte Berufsorientierung der Schüler erreichen?
  • Wie kann die Identifikation von innovativen Clustern für mehr Beschäftigung genutzt werden?

Der Landkreis Schmalkalden-Meiningen ist Mitinitiator des Projektes ThürReg. Der Landkreis übernimmt auf Vorschlag des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Technologie als neu zugelassener kommunaler Träger (Optionskommune) seit dem 1. Januar 2012 die Grundsicherung für Arbeitssuchende in eigener Verantwortung. Hiervon verspricht sich der Landkreis eine effiziente Betreuung und Vermittlung von Langzeitarbeitslosen unter besonderer Berücksichtigung der regionalen Bedingungen und Besonderheiten.

Ziel der wissenschaftlichen Unterstützung des Landkreises Schmalkalden-Meiningen durch das Modellprojekt ThürReg ist es, mögliche Nachteile bei der Vermittlung in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auszugleichen, indem der Matchingprozess auf dem ersten Arbeitsmarkt verbessert wird und die Berufs- und Beschäftigungsfähigkeit der zu Beratenden gestärkt wird.


Verbesserung der Vermittlung

Neuere Studien zum Einsatz von arbeitsmarktpolitischen Instrumenten weisen eine starke Heterogenität der Wirkung dieser Instrumente nach. Während gruppenspezifisch eine nachhaltige Verbesserung der Arbeitsmarktchancen erreicht werden konnte, galt dies, zumindest in der spezifisch schwierigen Situation des Arbeitsmarktes in den neuen Bundesländern, nicht über alle Gruppen hinweg. Diese Heterogenität im Erfolg der eingesetzten Maßnahmen soll in dem Modellprojekt konkret genutzt werden, indem jeweils diejenigen Maßnahmen identifiziert werden sollen, die für die individuelle Bildungs- und Erwerbsbiographie am erfolgversprechendsten sind. Dieser empirisch gestützte Beratungs- und Auswahlprozess ist in der Abbildung dargestellt. Aus dem großen Pool an Interventionen werden die Interventionsvorschläge ausgewählt, die sich bei ähnlichem Hintergrund in der Bildungs- und Erwerbsbiographie in der Vergangenheit besonders bewährt haben. Unter Berücksichtigung der erwarteten Entwicklung des künftigen regionalen Arbeitskräftebedarfes werden die Vorschläge verdichtet und durch den Fallmanager im Jobcenter auf Plausibilität überprüft. Die vom Fallmanager zu beratende Person kann auf dieser Grundlage aus verschiedenen Maßnahmen- und Qualifizierungsvorschlägen einen auf seine Biographie und seine besonderen Interessen hin abgestimmten langfristigen individuellen Entwicklungsplan auswählen und diesen mit dem Jobcenter vereinbaren.


Berufsorientierung

Ökonomische Transformationsprozesse sind häufig mit besonders hoher Jugendarbeitslosigkeit verbunden. Da die zu Beginn des Erwachsenwerdens erfahrene Jugendarbeitslosigkeit sich besonders negativ auf die künftige Entwicklung auswirkt, verdient die Frage, wie jungen Erwachsenen der Übergang von der Schule in das Berufsleben gut gelingt, besondere Beachtung. Berufsorientierung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Angesichts zunehmender Migrationsbewegungen aus den südlichen und östlichen Teilen Europas müssen zudem Strategien zur Förderung der Integration der angeworbenen Auszubildenden und Fachkräfte in einer vom demografischen Wandel bedrohten eher ländlichen Region, wie Schmalkalden-Meiningen, entwickelt werden.

In dem Modellprojekt werden umfangreiche Bildungs- und Erwerbsbiographien aus den Daten der Bundesagentur für Arbeit und des Nationalen Bildungs-
panels ausgewertet und um qualitative Interviews mit Arbeitslosengeld-II-Empfängern aus der Region ergänzt. Unterstützt wird das Projekt durch die Fachhochschule Schmalkalden und die Industrie- und Handelskammer Südthüringen. Durch diese Zusammenarbeit kann der regionale branchenspezifische Arbeitskräftebedarf der Mitgliedsunternehmen durch Befragungen ermittelt werden.


Innovation als Schlüssel für regionale Wirtschaftskraft

Neben der Integration von älteren Erwerbslosen und Langzeitarbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt und der Begleitung der nachhaltigen Berufsorientierung von Schulabgängern steht die Stärkung der regionalen Wirtschaft vor dem Hintergrund des demografischen Wandels im Fokus des Forschungsvorhabens. In diesem Sinne wird mit Daten des Deutschen Patent- und Markenamtes die geographische Verteilung der Erfindungsaktivitäten in der Region lokalisiert, um die Ansiedlung von wettbewerbsfähigen und innovativen Unternehmen zu unterstützen und Unternehmensnetzwerke zu fördern.


Evaluierungsergebnisse der Experimentierphase von
Optionskommunen

Zugelassene kommunale Träger der Grundsicherung für Arbeitssuchende (Optionskommunen) sind stärker auf ihre Region ausgerichtet als die gemeinsam von der Kommune und der Bundesagentur für Arbeit getragenen Jobcenter. Daraus ergeben sich Vor- und Nachteile. Die Ende 2008 vom Deutschen Bundestag veröffentlichte Evaluierung der Experimentierklausel nach § 6c des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch zeigt, dass Optionskommunen gut in der Lage sind, die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitssuchenden zu erhöhen. Sie besitzen zudem Vorteile bei der Vermittlung von Arbeitssuchenden in nicht-bedarfsdeckende Arbeit. Allerdings weisen sie im Bundesdurchschnitt eine um 3,8 Prozentpunkte geringere Wahrscheinlichkeit auf, Arbeitsuchende in bedarfsdeckende sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln. Hieraus ergeben sich bundesweit erhebliche Mindereinnahmen bei der Einkommenssteuer und den Sozialversicherungsbeiträgen sowie Mehrausgaben im Bereich Arbeitslosengeld II.


Drei Fragen an den Landrat Peter Heimrich:

Sehr geehrter Herr Heimrich, können Sie uns sagen, welche Gründe für den Landkreis Schmalkalden-Meiningen ausschlaggebend waren, Optionskommune zu werden?

Der Kreistag hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, dennoch wurde der Beschluss am Ende fast einhellig gefasst. Eine Optionskommune bringt Vorteile – sowohl für die betroffenen Bürger als auch für die Unternehmen mit sich. Unsere Kunden erhalten nun alle Hilfen aus einer Hand – somit bieten wir den betroffenen Bürgern unseres Landkreises kurze Wege und einen Service, der auf einer ganzheitlichen Betrachtung des Kunden mit seiner Erwerbsbiographie und seinen Potenzialen aufbaut. Unsere MitarbeiterInnen im Landratsamt haben so die Möglichkeit, Kunden optimal zu betreuen und zu fördern. Durch einen engen Kontakt zur regionalen Wirtschaft kann unser Arbeitgeberservice schnell und flexibel auf aktuelle Bedürfnisse und Entwicklungen in vielen Branchen reagieren.

Nun ist Ihr Landkreis seit 1. Januar 2012 Optionskommune. Was sind die besonderen Herausforderungen für Ihren Landkreis als Optionskommune?

Man muss ganz ehrlich sagen: Das erste Jahr haben unsere 120 MitarbeiterInnen im Kommunalen Jobcenter mit Bravour gemeistert. Die Statistik spricht da für sich. Man muss aber ehrlicherweise auch einräumen, dass die Entwicklung von tragfähigen und langfristigen Erwerbsperspektiven für unsere Kunden immer schwieriger wird. Aufgrund der guten konjunkturellen Situation sind vergleichsweise „leicht“ zu vermittelnde Bürger längst in Beschäftigung. Und Personen mit multiplen Problemlagen, die in der Regel im Netz „Hartz IV“ hängen bleiben, brauchen multiple Unterstützungs- und Hilfsangebote. Diese Kunden in Arbeit zu bringen, ist in der Regel leider nicht von heute auf morgen möglich.

Was haben sie als Landrat bzw. was hat das Kommunale Jobcenter für Erwartungen an das Projekt „ThürReg“?

Perspektivisch geht es darum, den Bedarf der Unternehmen des Landkreises noch genauer als bisher zu ermitteln und die Erkenntnisse unmittelbar auf die Maßnahmen des Kommunalen Jobcenters zu übertragen. Oder kurz gesagt: Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage sollen noch besser zueinander gebracht werden. Dazu wollen wir die sogenannten Matchingprozesse im Bereich der Vermittlung verbessern, also die langfristige Entwicklung von Erwerbsperspektiven für den Kunden unter Berücksichtigung seiner Möglichkeiten und der Anforderungen unserer Unternehmen. Dadurch haben wir die Möglichkeit, regionale Unternehmen durch unsere Zuständigkeit für den SGB-II-Bereich direkt zu unterstützen.


Die Fragen stellte Johannes Jaenicke.


Das Modellprojekt wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, der Ernst-Abbe-Stiftung, des Landkreises Schmalkalden-Meiningen und der Gesellschaft der Freunde und Förderer des HWWI gGmbH e.V. gefördert und durch die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen, die Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung, die IHK Südthüringen, die Regionaldirektion in Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit und weitere Kooperationspartner unterstützt. Die Universität Erfurt und die Fachhochschule Schmalkalden begleiten das Projekt wissenschaftlich. Durch die Einbindung eines breit angelegten Netzwerkes an arbeitsmarktpolitischen Akteuren sollen die im Modellprojekt ThürReg entwickelten Werkzeuge und Strategien von der Fachöffentlichkeit kritisch reflektiert werden, um nach einer erfolgreichen Erprobungs- und Evaluierungsphase eine Übertragung auf andere Jobcenter zu ermöglichen.