Weltwirtschaft

Der Opiumkrieg oder warum Ungleichgewichte im Welthandel schon immer Ärger gemacht haben

11.04.2011 | HWWI Standpunkt | von Thomas Straubhaar

„Wer die Geschichte der Weltwirtschaft verstehen will, muss sich mit China beschäftigen, der frühreifsten und in seiner Entwicklung lange Zeit erfolgreichsten Region der Welt“, schreibt einer, der es wissen muss, nämlich der Historiker David S. Landes. Wie recht er hat, zeigt eine Langzeitanalyse makroökonomischer Erfolgsindikatoren. Von Christi Geburt bis zum Beginn der Neuzeit lag China immer vorne. Die Liste der chinesischen Erfindungen war lange. Papier, Buchdruck, Schwarzpulver, nautische und optische Geräte, wie der Kompass oder Seismographen, gehörten genauso dazu, wie moderne Techniken bei Bewässerung- und Kanalsystemen oder beim Damm-, Straßen- und Brückenbau. Noch 1820 (also vor weniger als 200 Jahren!) wurde fast ein Drittel des weltweiten Bruttoinlandprodukts (BIP) in China erwirtschaftet, in Westeuropa war es nur rund ein Fünftel, in den USA gerade einmal zwei Prozent.

Aber auf dem Höhepunkt seiner weltwirtschaftlichen Bedeutung war das chinesische System bereits marode. Der wesentliche Grund dafür lag in einem Strategiewechsel, der im 15. Jahrhundert vorgenommen wurde. China begann sich von der übrigen Welt abzuschotten und die Grenzen dicht zu machen. Die ursprüngliche Begründung dafür hatte chauvinistische bis fremdenfeindliche Wurzeln. Wozu braucht ein ökonomisch so hoch entwickeltes Reich der Mitte den Austausch mit den dumpfen und dummen Barbaren der übrigen Welt? Man war in einer gefühlten eigenen Überlegenheit sicher, dass eine sich selbstversorgende, aber auch sich selbstgenügende chinesische Wirtschaft vom Handel mit dem rückständig eingestuften Westen wenig profitieren könne, schlimmstenfalls jedoch die politische, ökonomische und gesellschaftliche Unabhängigkeit aufs Spiel gesetzt würde. Als Ende des 18. Jahrhunderts eine britische Expedition kistenweise europäische High-Tech-Produkte nach China brachte, um für die Aufnahme von Handelsbeziehungen zu werben, wurde sie schroff und einfach abgewiesen: „Uns fehlt es an nichts. Wir hatten nie ein Interesse an fremden Dingen. Behaltet deshalb eure Geschenke für euch!“. Strenge staatliche Kontrollen begrenzten den privaten Handel mit dem Westen. Einzig der Hafen von Kanton blieb punktuell offen für einen minimalen Austausch mit Europa. Ansonsten wurde Chinas Wirtschaft gegenüber dem Westen zu einem geschlossenen System.

Im Laufe der Zeit wurde hingegen ein anderer Grund als „die Sünde des Stolzes“ zunehmend wichtiger für die chinesische Abschottungsstrategie. In seiner selbstgewählten Isolation verschlief China die industrielle Revolution, die im 18. Jahrhundert in Großbritannien ihren Anfang nahm. Sie sorgte für eine Zweitteilung der Welt. Wer sich industrialisierte, wurde reicher, wer das nicht tat, blieb arm. Die Briten gehörten zur ersten Gruppe, China zur zweiten. Die Folge: Großbritannien hatte die militärische Macht und ökonomische Kraft, auf der Suche nach neuen Rohstoff- und Absatzmärkten den Zugang zu Regionen zu erzwingen, die vorher als unzugänglich, unantastbar oder auch schlicht unattraktiv gegolten hatten. Dazu gehörte auch Südostasien, das Schritt für Schritt einverleibt wurde. Die britische Eroberungs- und Erschließungsstrategie war dem chinesischen Kaiser natürlich bekannt und bewusst. Und um schwache heimische Produzenten gegenüber der starken britischen Industrie zu schützen, musste die Abschottung immer strikter ausfallen, was die chinesische Wirtschaft weiter und weiter zurückfallen ließ. Ein Teufelskreis, der bis heute zeigt, dass Protektionismus keine Probleme löst, sondern bestehende nur verstärkt.

Trotz der offiziellen „Politik der geschlossenen Türen“ stieg der Handel des Westens mit China an. Es mussten dann halt heimliche Wege oder illegale Kanäle genutzt werden, um mit chinesischen Kaufleuten ins Geschäft zu kommen. Dabei zeigte sich mehr und mehr ein asymmetrisches Verhältnis. Die Chinesen durften, konnten oder wollten nicht wirklich westliche Waren einführen. Andererseits war die übrige Welt an chinesischem Tee und Seide, Textilien, Porzellan, Schmuck, Teppichen, Gewürzen, Kräutern und Salz stark interessiert. Als Konsequenz ergab sich ein Ungleichgewicht der Handelsströme: China importierte wenig und exportierte viel. Oder aus der immer noch vom Merkantilismus geprägten europäischen Sicht: Europa kaufte viel aus China, konnte aber selber in China wenig verkaufen. Mit dem Ergebnis, dass der Westen enorme Mengen an Silbermünzen an China verlor, um das Handelsdefizit finanzieren zu können. Das wiederum weckte in Großbritannien die Sorge über eine Erosion von Kaufkraft und den damit verbundenen negativen Deflationstendenzen in Form steigender Beschäftigungslosigkeit. Also begannen die Europäer nach einem Exportschlager für den chinesischen Markt zu suchen. Und sie fanden das Opium.

Innerhalb weniger Jahre zwischen 1820 und 1840 explodierte trotz strengem Verbot und hohen Strafen das Volumen der chinesischen Opiumimporte. Rasch schlug das Ungleichwicht von der einen auf die andere Seite um. Nun kaufte China mehr Güter im Ausland (also vor allem Opium) als es seinerseits Güter in den Westen verkaufen konnte. Der Importüberschuss musste durch Silberverkäufe finanziert werden, die letztlich aus dem Besitz des Kaiserhauses stammten, was somit auch zu einer schleichenden Erosion der wirtschaftlichen Macht der regierenden Manchu Dynastie führten. Um den Silberverkauf zu stoppen und die Einfuhr von Opium wirkungsvoller zu unterbinden, wurde schließlich der Hafen von Kanton vollständig geschlossen. Das war für Großbritannien vorgeschobener Grund genug, gegen China einen Krieg zu beginnen. Dabei war der heutzutage als „Opiumkrieg“ bezeichnete Konflikt genauso wenig auf „Opium“ konzentriert, wie „Tee“ der Grund für die Bostoner Tea Party und die folgende Amerikanische Revolution war (so der amerikanische Präsident John Quinay Adams). Vielmehr war der Opiumkrieg ein allgemeiner Handelskrieg, der sich aus lange anhaltenden Ungleichgewichten der Handelsströme ergab, an deren Fortbestand letztlich weder die Briten noch die Chinesen Interesse hatten.

Die durch eine industrialisierte Wirtschaft aufgerüstete britische Armee war der chinesischen Streitmacht um Welten überlegen. So endete der Opiumkrieg mit einer vernichtenden Niederlage Chinas. Die Briten erzwangen eine radikale Öffnung des chinesischen Marktes und etablierten als Brückenkopf die Kronkolonie Hong Kong. Was danach folgte, war für China ein über mehr als ein Jahrhundert dauerndes ökonomisches Desaster, vergleichbar mit dem Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft nach der Wiedervereinigung. Denn die auf Handarbeit ausgerichteten chinesischen Hersteller waren den Importen hoffnungslos unterlegen, weil die moderne britische Maschinenfertigung um Dimensionen effektiver war.

Die neue Möglichkeit, mit China mehr oder weniger freien Handel zu treiben, elektrisierte den Westen – so ähnlich, wie das mit dem „neuen China“ von heute in Europa wiederum der Fall ist. Goldgräberstimmung dominierte. Alle wollten – damals wie heutzutage – teilhaben an den märchenhaften chinesischen Schätzen. Vor allem die britische Textilindustrie drängte im 19. Jahrhundert nach China. Chinesische Kunden wollten in England fabrizierte „Longcloth“. In einem Brief von 1845 beschreibt ein europäischer Kaufmann, dass er monatlich etwa 150 000 lange Kleider absetzen könne, in schwarz oder blau gefärbt. „Jedermann trägt dort ein blaues Hemd oder eine Art von blauem Kittel und eine Hose in derselben Farbe. Infolgedessen finden diese Baumwollstoffe reißenden Absatz.“

Andererseits musste die chinesische Tee- und Seidenproduktion ausgeweitet werden, um industriell gefertigte Importgüter finanzieren zu können. Das wiederum geschah zu Lasten der Produktion von Grundnahrungsmittel, was die Preise von Lebensmitteln nach oben und den Lebensstandard der Massen nach unten trieb. Zwischen 1820 und 1870 sank das durchschnittliche reale Pro-Kopf-Einkommen in China Jahr für Jahr um 0,25 Prozent und insgesamt um 12 Prozent. Zum Vergleich: In Großbritannien stieg das durchschnittliche reale Pro-Kopf-Einkommen in der selben Zeit jährlich um 1,3 Prozent und insgesamt um 87 Prozent. Der chinesische Anteil am Welt-BIP halbierte sich von einem Drittel (1820) auf einen Sechstel (1870), und er sank auf weniger als zehn Prozent zu Beginn und auf weniger als fünf Prozent in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Mit dem Verlust seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit verlor China seine Führungsposition erst an Großbritannien und später an die USA.

Die Zäsur der Opiumkriege und deren Folgen haben sich unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis der chinesischen Gesellschaft eingeprägt. Sie haben das Reich der Mitte an den Rand der Weltwirtschaft und die Söhne des Himmels auf die harte Erde geholt. Aber sie haben den Chinesen auch eine Lehre ins Stammbuch geschrieben: Lerne vom Westen soviel Du kannst, aber misstraue ihm so stark wie möglich – für immer.

Eine gekürzte Version dieses Beitrags erschien am 10. April 2011 in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.