Weltwirtschaft, Währungsunion, Europäische Integration

Griechenland: Am Abgrund stehend einen Schritt nach vorn

18.06.2015 | HWWI Standpunkt | von Henning Vöpel

Die Szenerie ist bekannt: In Verhandlungen versucht jede Partei, mit scharfer Rhetorik eine imposante Drohkulisse zu errichten. Irgendwann wird dann ein Ultimatum gesetzt. Von da an nimmt das Spiel seinen spieltheoretisch bekannten Gang und Ausgang: In buchstäblich letzter Minute erfolgt die Einigung, nachdem die Verhandlungen schon fast für gescheitert erklärt worden sind.

Bis zu dem so definierten Ende des Spiels wird versucht, die Verhandlungslösung zu seinen Gunsten zu verschieben. Einigt man sich in der Mitte, muss man seine Ausgangsposition möglichst weit von der des Gegenübers wählen. Griechenland hat sich so weit wie es geht zurückgezogen: bis an den Abgrund. Brüssel hat die EZB in Stellung gebracht, um mögliche Ansteckungseffekte mit dem Ankauf von Staatsanleihen zu vermeiden. Die politische Rhetorik aber weicht von den tatsächlichen Drohpunkten der Verhandlungsparteien ab: Ein Austritt wäre ein Desaster für Griechenland und stellt somit keine glaubwürdige Drohung dar. Für Brüssel kommt es darauf an, mit allzu großen Zugeständnissen nicht die Büchse der Pandora zu öffnen, denn die Glaubwürdigkeit der gesamten Euro-Rettungsstrategie steht auf dem Spiel. Aber auch Brüssel sollte einen Schritt auf Griechenland zu in Erwägung ziehen. Ein weiterer Schuldenschnitt bei gleichzeitiger Verpflichtung Griechenlands zum Reformkurs wäre eine gute Lösung – für beide Seiten.

Wenn hinter vorgehaltener Hand gesagt wird, Griechenland könne seine Schulden ohnehin nie bedienen, macht die Verweigerung eines Schuldenschnitts keinen Sinn. Griechenland kann nicht Schulden der Vergangenheit bedienen, die nicht das erforderliche Wachstum erzeugt haben. Anders als private Unternehmen lässt sich eine Volkswirtschaft nicht “abwickeln“. Im Mittelpunkt der Verhandlungen sollte daher die Frage stehen, wie mit besseren Investitionen neues Wachstum entstehen kann und wie sich mit einem Mix aus strukturellen Reformen UND wachstumswirksamen Investitionen die Hydra der griechischen Schuldenkrise besiegen lässt.

Director’s Cut: Auch wenn die Verhandlungen vordergründig zu scheitern drohen; sie nehmen doch den üblichen und zu erwartenden Verlauf. In letzter Minute werden sich Athen und Brüssel einigen. Auf eine Lösung, die es beiden Seiten ermöglicht, das Gesucht zu wahren. So wird man nach einer langen finalen Verhandlungsnacht der Öffentlichkeit das Ergebnis präsentieren: Griechenland bleibt in der Eurozone, verpflichtet sich zum Reformkurs und erhält zusätzliche Hilfen aus Brüssel im Umgang mit der Schuldenlast.

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Autoren

Prof. Dr. Henning Vöpel