Demografie

Social Freezing – auf Eis gelegtes Familienleben, bis es „passt“?

28.10.2014 | HWWI Standpunkt | von Christina Boll

Ein neues Verfahren der Reproduktionsmedizin, das zunächst für krebskranke Frauen gedacht war, schlägt weltweit hohe emotionale Wellen – spätestens, seit vor einigen Tagen Apple und Facebook ankündigten, ihren Mitarbeiterinnen die rund 20.000 US-Dollar teure Prozedur kostenlos zur Verfügung stellen zu wollen: „Sozial Freezing“. Damit ist das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinischen Grund gemeint. Frauen können sich in jungen Jahren Eizellen entnehmen lassen, um sich diese in späteren Jahren wieder einpflanzen zu lassen. Damit ist es möglich, Schwangerschaften gezielt auf spätere Jahre, wenn die Geburt eines Kindes individuell „passend(er)“ erscheint, zu verschieben.

Befürworter argumentieren mit mehr Wahlfreiheit für die Frauen. Frauen hätten damit die Möglichkeit, sich der subjektiv als schwierig bis unmöglich erlebten Vereinbarkeit von Familie und Karriere zu entledigen: Das „Sowohl als auch“ wird sozusagen durch das „Eins nach dem anderen“  ersetzt. Erst die Karriere, dann das Kind. Weiterhin werden betriebswirtschaftliche Renditeüberlegungen zugunsten des Verfahrens ins Feld geführt.

Letztere sind allerdings, wie eigene Berechnungen1 zu den Lohneinbußen, die Frauen erleiden, wenn sie für eine Zeit lang aus dem Erwerbsleben aussteigen, zeigen, nicht stichhaltig: Bezogen auf den Bruttostundenlohn sind die Verluste am geringsten, je früher Frauen ihre Kinder bekommen. Aufschiebung ist unter dem Gesichtspunkt der Humankapitalentwicklung der Frauen nicht sinnvoll. Dies ist eine wichtige Nachricht für Unternehmen, denn es lohnt sich betriebswirtschaftlich, günstige Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Eltern in jungen Jahren ihre Kinder bekommen und dabei ihre Jobs behalten können. Dies aus dem einfachen Grund, dass entgangene Bruttolöhne verlorene Wertschöpfung darstellen. Je geringer die insgesamt verlorene Lohnsumme durch die berufliche Auszeit der Frau, desto weniger Erträge der Weiterbildungsinvestitionen in Frauen durch Arbeitgeber gehen verloren, desto höher ist also die Rendite der Investition. Das Argument, späte Geburten rechneten sich betriebswirtschaftlich für Unternehmen eher als frühe, hat anhand eigener Berechnungen keine empirische Basis.

Anders verhält es sich, wenn Frauen nur einen Teil der insgesamt entstehenden Lohnausfälle selbst zu tragen erwarten. Wenn Frauen eine mögliche Trennung vom Partner antizipieren, kann der Aufschub von Geburten ökonomisch rational sein. Gehen Frauen nämlich davon aus, dass die entgangenen Löhne während der Auszeit und einer möglichen anschließenden Teilzeitphase vom Paar gemeinsam getragen werden, dass jedoch die danach – noch nach Rückkehr zur Vollzeittätigkeit – entstehenden Kosten von der inzwischen von ihrem Partner getrennten Mutter selbst geschultert werden müssen, belegen eigene Simulationen, dass ein Aufschub von Geburten diese Folgekosten verringert. Die Simulationen belegen, dass der tatsächlich beobachte Trend zur späten Geburt, insbesondere bei westdeutschen Akademikerinnen, ökonomisch durchaus rational sein kann. Dieses Kalkül des Geburtentimings besteht nicht nur in Deutschland, sondern weltweit überall dort, wo Vereinbarkeitsdefizite gut gebildete und gut verdienende Frauen besonders „drücken“. Daher ist „Social Freezing“ sozusagen am Zahn der Zeit.

Doch ist die „Geburt aus der Konserve“ auch erstrebenswert? Lässt sich – und sollte man – wirklich alles im Leben planen? Gibt es den optimalen Geburts- (beziehungsweise Auftau-) Zeitpunkt wirklich? Wie ist er definiert? Jenseits der technischen Fragen – etwa, was passiert, wenn der Strom in den Kühlaggregaten ausfällt – stellt sich hier eine viel grundlegendere Frage: Hat das durchgeplante Leben wirklich mehr Lebensqualität als jenes, das dem Ungeplanten Raum gibt?

Das Thema ist in allererster Linie kein privates, sondern ein gesellschaftliches. Die Herausforderung heißt, die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so zu setzen, dass Familienleben im Hier und Jetzt attraktiv ist. Dabei geht es nach wie vor um eine qualitativ befriedigende Ganztagsbetreuung, aber auch um Maßnahmen auf betrieblicher und politischer Ebene, die es Vätern ermöglichen, ohne Karriereknick Familienverantwortung zu übernehmen. Das soll nicht heißen, dass „Social Freezing“ – als vielleicht größte Errungenschaft der Reproduktionsmedizin seit Erfindung der Anti-Baby-Pille – zu verteufeln wäre. Wie die Pille gibt auch das Eizellen-Einfrieren den Frauen zusätzliche Wahlfreiheit an die Hand. Ob damit ein Gewinn von Lebensqualität einher geht – der Frauen, aber auch der aus den aufgetauten Eizellen geborenen Kinder, die nicht nur ältere Eltern, sondern auch weniger gemeinsame Lebenszeit mit ihren Großeltern haben werden – ist fraglich.

1Siehe das Buch "Lohneinbußen von Frauen durch geburtsbedingte Erwerbsunterbrechungen" sowie weitere Publikationen zu den Ergebnissen hier.

Autoren

Dr. Christina Boll