Weltwirtschaft

Die Rückkehr der Geschichte und die Zukunft der Globalisierung

11.03.2015 | HWWI Standpunkt | von Henning Vöpel

Kurz nach dem Ende des Kalten Krieges verkündete der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama im Jahr 1992 das mutmaßliche „Ende der Geschichte“: Mit dem Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus hätten sich im Sinne der Hegelschen Dialektik alle historischen Widersprüche zu einer Synthese der Freiheit und Demokratie aufgelöst. Die anschließend einsetzende Globalisierung schien die These vom Ende der Geschichte zu bestätigen. Es herrschten fortan die globalen Märkte nach rein ökonomischen Erwägungen − rational, anonym und ahistorisch.

Doch der globale Kapitalismus hat in der Folge − nunmehr ohne politisches Korrektiv − neue Widersprüche erzeugt. Der Ökonom Dani Rodrick hat diese Widersprüche als „Trilemma der Globalisierung“ formuliert: Globale Märkte, nationale Politik und Demokratie seien miteinander unvereinbar. Mit der Finanzkrise sind diese Widersprüche offenkundig geworden: Die Macht der globalen Märkte machte an nationaler Regulierung nicht halt und versagte schließlich durch ihre selbst erzeugten systemischen Risiken und ihre immanente Krisenanfälligkeit. Gerade die Durchsetzung des Haftungsprinzips hat sich in der Finanzkrise aufgrund von „too big to fail“ und resultierender Ansteckungsrisiken als gravierendes Problem der internationalen Finanzmarktstabilität herausgestellt. Die Finanzkrise markiert daher nicht zufällig, sondern folgerichtig als Ausdruck institutionellen Versagens eine tiefe Zäsur der Globalisierung. Die Welt ist darüber in Unordnung geraten und steht an der Schwelle zu einer neuen globalen Ordnung.

Unter dem Eindruck der Krise haben Staaten angefangen, nationale Interessen wieder stärker zu betonen, protektionistische Maßnahmen zu ergreifen und strategische Handelspolitik zu betreiben. Die derzeitigen militärischen Konflikte und Bedrohungen, die wie ein unwirklicher Anachronismus erscheinen, sind der rückwärts gewandte Reflex einer globalisierten Weltgesellschaft, der ihre eigene Zukunft fremd und unsicher ist und der eine Idee eines gemeinsamen Ordnungsrahmens zur Durchsetzung von Regeln, zur Lösung internationaler Konflikte sowie zur Kontrolle globaler Krisen fehlt. Für den Übergang in die neue Ordnung existiert keine stabile sicherheitspolitische Architektur, sodass von den derzeitigen geopolitischen Konflikten eine ernsthafte Gefahr für die politische und ökonomische Stabilität der Welt ausgeht. In Teilen lassen sich sogar historische Parallelen zum Beginn des letzten Jahrhunderts ziehen, als die Welt ebenfalls vor einer Entwicklung stand, die sie nicht verstand, auf die sie nicht vorbereitet war und die eine fatale Kettenreaktion über fast das gesamte Jahrhundert auslöste. Umso wichtiger ist es, die wesentlichen Entwicklungen und Zukunftsfragen der heutigen Weltwirtschaft zu identifizieren.

Die Zukunft der Globalisierung und der Übergang in die neue Ordnung werden im Wesentlichen von vier Entwicklungen geprägt: 1. Die ökonomische Krise und das politische Vakuum Europas, 2. Die neue Geopolitik natürlicher Ressourcen, 3. Die Digitalisierung der globalen Ökonomie und 4. Die Bedrohung durch globale Risiken.

1. Die ökonomische Krise und das politische Vakuum Europas 

Eine der wichtigsten Frage betrifft die Rolle Europas bei der Neuordnung der Welt. Derzeit ist Europa ökonomisch, politisch und institutionell erheblich geschwächt und hinterlässt ein politisches Vakuum, welches sich auch im Umgang mit Russland zeigt. Europa wird geschwächt bleiben, wenn die Politik der Richtungsentscheidung aus dem Weg geht, ob es den Weg eines „Europa der Vaterländer“ oder der „Vereinigten Staaten von Europa“ einschlägt. Institutionell unterscheiden sich die beiden Modelle erheblich, sodass es im Ausgang der Krise einer Vorstellung vom langfristigen Entwicklungspfad bedarf. Derzeit aber fehlt der europäischen Politik erkennbar die historische Dimension in ihren Entscheidungen. Die Beziehungen zu Russland ebenso wie ein möglicher Austritt Griechenlands wurden sicherheitspolitisch nie als unter dem Aspekt einer geopolitischen Destabilisierung gesehen. Vor Hintergrund der derzeitigen Schwäche Europas bietet das Freihandelsabkommen TTIP für Europa die Chance, zusammen mit den USA ein politisches und ökonomisches Gravitationszentrum der neuen globalen Ordnung zu bilden und sich so seinen Einfluss zu bewahren.

2. Die neue Geopolitik natürlicher Ressourcen

Die derzeitigen geopolitischen Konflikte sind die Vorläufer der neuen globalen Ordnung, von der heute niemand weiß, wie diese genau aussehen wird. Für den Übergang in die neue Ordnung existiert keine stabile sicherheitspolitische Architektur. Wie stark die geopolitischen Kräfte heute schon wirken und sich zu verschieben beginnen, zeigt sich an der strategischen Sicherung des Zugangs zu Ressourcen. Insbesondere die Energieressourcen spielen eine zentrale Rolle. Der Wandel der amerikanischen Außenpolitik etwa oder das strategische Engagement Chinas in Afrika sind Ausdruck dieser Entwicklungen. Auch Russland als militärisch und geopolitisch wichtige, aber ökonomisch geschwächte Macht sucht nach seiner Rolle in der neuen Ordnung.

3. Das digitale Zeitalter der Globalisierung 

Die digitale Vernetzung der globalen Ökonomie wird gravierende Folgen auf Politik und Gesellschaft haben. Es werden sich immer schneller „spontane Ordnungen“ bilden, die sich dem Einfluss nationaler Politik und Regulierung vollständig entziehen. Die digitale Gesellschaft definiert sich nicht mehr nach den historischen, kulturellen oder ethnischen Kriterien der nationalstaatlich verfassten und konstituierten Gesellschaften. Konsequent zu Ende gedacht ist die digitale Globalisierung das Ende des tradierten Staates. Die letzte Möglichkeit der in politisch-territorialen Grenzen verfassten Staaten, ihren Einflussbereich zu verteidigen, besteht in der Abschottung vor der digitalen Zukunft. Insoweit könnte es im digitalen Zeitalter zu einer Welt sehr unterschiedlicher Geschwindigkeiten kommen, in der die Möglichkeiten zur Teilhabe am technologischen und ökonomischen Fortschritt global sehr ungleich verteilt sind.

4. Die Bedrohungen durch globale Risiken 

Mit dem  Klimawandel sieht sich die Welt erstmals einem Problem gegenüber, das zu abstrakt und zu anonym ist, damit es mit dem evolutionsbiologischen Selbsterhaltungstrieb des Menschen überwunden werden könnte. Die Überlebensfähigkeit des Menschen begründet sich auf seine Fürsorge für Sippen in einer engen räumlichen Abgrenzung, aber nicht auf die anonyme Koordination zwischen Menschen, die Tausende von Kilometern voneinander entfernt oder zeitlich durch mehrere Generationen voneinander getrennt leben. Ökonomisch betrachtet fehlen externe Institutionen, die das Trittbrettfahrerverhalten verhindern und einen Preis zur Internalisierung globaler negativer Externalitäten durchsetzen könnten. Supranationale Institutionen müssten durch entsprechende Anreizregulierung die Zeitpräferenz individueller Entscheidungen dramatisch herabsetzen, um ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit global durchsetzen zu können. Dies ist umso schwieriger, als die Länder aufgrund ihres jeweiligen ökonomischen Entwicklungsstandes sehr unterschiedliche Zeitpräferenzraten haben. In den nächsten Jahrzehnten werden jedoch gerade die Schwellenländer einen erheblichen Transformationsprozess durchleben, der durch einen tiefgreifenden Umbau ihrer Gesellschaften zu mehr Nachhaltigkeit gekennzeichnet sein wird.

Alle diese Entwicklungen − technologische, ökonomische, politische und institutionelle − haben massive Auswirkungen auf die Zukunft der Globalisierung. Erforderlich ist in allen skizzierten Zukunftsfragen eine neue globale Governance. Wahrscheinlicher ist allerdings eher ein neuer Bilateralismus und eine wieder stärkere Regionalisierung der internationalen Beziehungen. Und damit womöglich ein Auseinanderdriften der Weltwirtschaft durch eine ökonomische und politische Fragmentierung, die neue Bruchstellen und Grenzlinien erzeugt, an denen sich zukünftig Konflikte entzünden werden. Die digitale Zukunft der Globalisierung trifft heute auf sich ausbreitenden religiösen Fundamentalismus und nationalstaatliches Denken. Die damit verbundenen Konflikte werden vor allem globale Verteilungsfragen zum Gegenstand haben und weltweit Migration auslösen. Wenn es nicht gelingt, einen globalen Ordnungsrahmen und neue Formen der Kooperation zur Lösung dieser Konflikte zu finden, ist das „Ende der Geschichte“ noch weit entfernt.

Autoren

Prof. Dr. Henning Vöpel