Weltwirtschaft, Währungsunion, Europäische Integration

Griechenland nach Wahl vor Schuldenschnitt

18.06.2015 | HWWI Standpunkt | von Henning Vöpel

Wie erwartet hat das Linksbündnis Syriza die Wahlen in Griechenland gewonnen und nur knapp die absolute Mehrheit verpasst. Ist der Wahlausgang der Anfang vom Ende oder die Chance eines Neubeginns in Europa?

Es wird in den nächsten Wochen und Monaten zu politischen Verhandlungen über den weiteren Kurs in Griechenland kommen. In den letzten Wochen haben Athen und Brüssel mit entsprechender Rhetorik versucht, den Drohpunkt jeweils zu ihren Gunsten zu verschieben. Am Donnerstag letzter Woche hat die Europäische Zentralbank angekündigt, massenhaft Staatsanleihen aufzukaufen. Damit hat sie die Wahrscheinlichkeit einer systemischen Ansteckung in der Eurozone infolge eines „Grexit“ deutlich reduziert und die Verhandlungsposition Brüssels gestärkt.

Spieltheoretisch kann die Verhandlungslösung nur in einem strategischen Gleichgewicht liegen, das beiden Seiten hilft, ihr Gesicht zu wahren: Es wird einen sanften Schuldenschnitt für Griechenland innerhalb der Eurozone geben. Im Gegenzug verpflichtet sich Syriza, den Reformkurs, der der eigentliche Kern der Krisenpolitik ist, fortzusetzen. Diese Lösung kann – klug verhandelt – politisch wie ökonomisch sogar zu einem Befreiungsschlag für die Eurozone werden. Eine Kombination aus Schuldenschnitt UND Strukturreformen kann endlich die Spielräume für mehr Wachstum eröffnen. Die Krisenländer befreien sich aus der Schuldenfalle und können einen stabilen Konsolidierungspfad beschreiten. Schuldenüberhang und Nullzinspolitik könnten so schon bald der Vergangenheit angehören.

Director’s Cut:

Die Entscheidung der EZB am Donnerstag und der Wahlausgang vom Sonntag lassen spieltheoretisch nur einen Schluss zu: Es wird ein Schuldenschnitt Griechenlands innerhalb der Eurozone vorbereitet. Ein solcher Schuldenschnitt wird durch die EZB mit ihrem letzten Instrument abgefedert. Das Ankaufprogramm ist die Voraussetzung für eine am Ende politisch unumgängliche Verhandlungslösung zwischen der Eurozone und Griechenland.  Griechenland bekommt den Schuldenschnitt und hält dafür Kurs bei den Reformen. Die Euro-Rettungspolitik bewahrt sich ihre Glaubwürdigkeit und gewinnt politisch an Akzeptanz.  

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Autoren

Prof. Dr. Henning Vöpel