Arbeit, Weltwirtschaft

Arbeitskräftemobilität in Europa: Macht der Euro mobil?

25.09.2014 | HWWI Update | von Christina Boll, Julian Sebastian Leppin

In einer gemeinsamen Studie mit Berenberg hat das HWWI die Wanderungsströme in Europa in den Krisenjahren untersucht. Das Ergebnis zeigt: Die Menschen gehen nach wie vor dorthin, wo die Jobs sind. Auf die gemeinsame Währung kommt es dafür nicht an. Allerdings haben sich die Wanderungsströme unter der Krise gedreht.

In den vergangenen Jahren haben sich die grenzüberschreitenden Wanderungsströme erheblich verändert. Allerdings hat die gemeinsame Währung Euro der Mobilität innerhalb des Währungsraumes bisher keinen direkten und sichtbaren Schub verliehen. Stattdessen hat die Euro-Krise vor allem die Wanderungsströme aus den neuen mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) umgelenkt. Statt nach Spanien, Irland und Italien gehen Arbeitskräfte aus diesen Beitrittsländern jetzt in andere Länder Europas. Teilweise sind mittel- und osteuropäische Arbeitnehmer sogar aus den Euro-Krisenländern in ihre Heimatländer zurückgekehrt oder in andere europäische Staaten weitergewandert. Zudem wandern aus der Euro-Peripherie auch immer mehr Einheimische in die europäischen Kernländer ab. Allein nach Deutschland sind im Jahr 2012 rund 349.000 Personen aus der EU-27 eingewandert, davon rund 217.000 Personen aus den neuen Mitgliedsstaaten (NMS-12). Die Wanderungsbereitschaft von jungen, gut ausgebildeten Europäern scheint innerhalb der EU zuzunehmen. Betrachtet man die Mobilität von Arbeitskräften zwischen 2009 und 2012, sind die Binnenwanderungen in der EU-27 in diesem Zeitraum um rund 20 % gestiegen. In Deutschland haben die Zuwanderungen insgesamt im genannten Vierjahreszeitraum um 71 %, aus der EU-27 sogar um 108 % zugenommen.



Die Krise schlägt sich nicht nur in den Einwanderungszahlen, sondern auch in den Wanderungssalden nieder: Die Entwicklung der Nettomigrationsraten zeigt die heterogene Entwicklung der Wanderungsströme in Europa. Aus vormals beliebten Einwanderungsländern sind zum Teil sogar Nettoauswanderungsländer geworden. Die Grafik auf Seite 1 stellt die Nettomigrationsraten und Erwerbslosenquoten der Euroländer 2007 im Vergleich mit 2012 dar.1 In den am stärksten von der Krise betroffenen Euroländern sind die Nettoeinwanderungsraten deutlich rückläufig beziehungsweise haben sich sogar in Nettoauswanderungsraten verkehrt.

Den höchsten Auswanderungsüberschuss im Jahr 2012 mit 7,6 Personen pro Tausend Einwohner verzeichnete Irland bei einer Erwerbslosenquote von 14,7 %. In Spanien lag die Nettoabwanderung 2012 bei drei Personen pro Tausend Einwohner, die Erwerbslosenquote betrug 24,8 %. In Griechenland wanderten im Jahr 2012 bei einer Erwerbslosenquote von 24,3 % netto vier Personen pro Tausend Einwohner aus. Auch in Portugal war die Nettoeinwanderungsquote 2012 mit -3,6 Personen auf Tausend Einwohner negativ – bei einer Erwerbslosenquote von 15,9 %. Fünf Jahre zuvor hatten alle vier genannten Länder sowohl niedrigere Arbeitslosenquoten als auch höhere Nettomigrationsraten.

Die Arbeitsmarktsituation der Euroländer während der Krisenjahre blieb also offenbar nicht folgenlos für ihre Wanderungsbilanzen. Haupttriebfedern von Migrationsentscheidungen sind dabei Beschäftigung und Einkommen. Auf die Währung kommt es dafür nicht an. Die Menschen gehen dorthin, wo die Jobs sind. Zusätzlich wirkt das nach wie vor bestehende Einkommensgefälle zwischen den mittel- und osteuropäischen Staaten und Westeuropa als Hebel, der Wanderungen in Gang setzt.

Der Anteil der Hochqualifizierten an den Wanderungen innerhalb der EU-27 hat sich zwischen 2008 und 2011 um 13 Prozentpunkte erhöht. Allerdings selektieren sich die Migranten unterschiedlich in die Zielländer ein, gemäß den Einwanderungsbestimmungen und dem Arbeitskräftebedarf des Ziellandes. Im Vergleich zum Vereinigten Königreich beispielsweise zieht Deutschland eher weniger gut ausgebildete Migranten an. Von brain drain kann daher nicht überall gesprochen werden. Angesichts der im Zuge der Krise bedeutsamen Rückwanderungen ist brain train ein ebenfalls passendes Stichwort. Allerdings ist der Anteil Hochqualifizierter beispielsweise unter Einwanderern aus den NMS-82, die 2004 der EU beigetreten sind, nach Deutschland zwischen 2001 und 2009 stets höher als unter der deutschen Bevölkerung gewesen und hat sich insbesondere in den Krisenjahren 2008/2009 weiter erhöht. Die Arbeitslosenquote der Einwanderer aus NMS-8 ist infolgedessen in Deutschland deutlich rückläufig. Selbiges gilt (etwas abgeschwächt) für die Einwanderer aus den GIPS-Staaten (Griechenland, Irland, Portugal und Spanien). Von Armutszuwanderung kann also keine Rede sein.

Hoch qualifizierte Migranten erkaufen sich ihren Arbeitsplatz teilweise mit einem Einsatz unterhalb ihrer formalen Qualifikationen am neuen Arbeitsort. Rund 30 % der Migranten aus NMS-123 sind nach Schätzungen der Europäischen Kommission in Zielländern der EU-15 überqualifiziert beschäftigt. Das bedeutet, dass Qualifikationen, die die Personen zumeist im Herkunftsland erworben haben, in ihrem neuen Job nur unvollständig abgerufen werden. Überqualifikation im Job ist der Preis, den viele hoch qualifizierte Migranten für eine Beschäftigung im Zielland zahlen. Ihnen nützt die Freizügigkeit für Arbeitnehmer im gemeinsamen Binnenmarkt aber mehr als Niedrigqualifizierten, die auch andernorts Schwierigkeiten haben, eine Stelle zu finden. Gemessen an einem qualifikationsadäquaten Einsatz von Arbeitskräften stellt Überqualifikation eine Form von Ressourcenverschwendung dar. Wenn jedoch Arbeitslosigkeit am bisherigen Arbeitsort die (einzige) Alternative darstellt, dann ist überqualifizierte Beschäftigung am neuen Arbeitsort einzel- und gesamtwirtschaftlich vorteilhafter.


Die rückläufige Nachfrage nach Niedrigqualifizierten hat strukturelle Ursachen. Sie hängt mit dem beruflichen und sektoralen Wandel hin zu wissensintensiven Dienstleistungen, verbunden mit einem allgemeinen Anstieg der qualifikatorischen Anforderungen im Berufsleben, zusammen. Mit diesen Entwicklungen sind alle europäischen Länder (und nicht nur diese) konfrontiert. Zwar ist, wie auf gesamtwirtschaftlicher Ebene gebildete Mismatch-Indizes zeigen, der Grad der Nichtpassung von Qualifikationsstrukturen auf der Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfrageseite insbesondere in Irland, Spanien und Estland nach 2007 massiv angestiegen, da Niedrigqualifizierte in diesen Ländern noch weit stärker von Arbeitslosigkeit betroffen waren (und sind) als Hochqualifizierte. Der beschriebene wirtschaftliche Wandel erfasst jedoch alle europäischen Staaten und stellt, ungeachtet der asymmetrisch wirkenden konjunkturellen Einbrüche, eine gemeinsame Herausforderung der Arbeitsmärkte aller europäischen Länder dar. Auch bei perfekter Mobilität ließe sich der Mismatch in der Eurozone nur begrenzt vermindern.

Auf mittlere und lange Frist trübt die zunehmende Alterung der Bevölkerung ohnehin die interne Mobilität in der EU und der Eurozone ein. Ältere Personen sind in der Regel weniger mobil. Europa ist daher gut beraten, bei den weiteren Bemühungen um die Integration seiner Arbeitsmärkte nicht ausschließlich auf Zuwanderung zu setzen.

1 Die Nettomigrationsrate gibt (bei positivem Wert) an, wie viele Personen pro Tausend Einwohner in einem Jahr mehr zu- als abgewandert sind.  Ist der Wert negativ, sind entsprechend mehr Personen ab- als zugewandert.
2 NMS-10 ohne Malta und Zypern, also Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechische Republik und Ungarn.
3 NMS-10 plus die 2007 beigetretenen Länder Rumänien und Bulgarien.

Partnerpublikationen

Boll, C.; Leppin, J.; Quitzau, J. (2014): Arbeitskräftemobilität: Macht der Euro mobil?, HWWI & Berenberg (Hrsg.), Hamburg.