Demografie, Gender

Das Paar – eine Interessenseinheit?

17.12.2013 | HWWI Update | von Miriam Beblo, Christina Boll

Auf Paarebene werden viele Entscheidungen getroffen, die in der Summe das Bild einer Gesellschaft prägen. Paare entscheiden etwa darüber, wofür sie das verdiente Geld ausgeben, ob und wann sie Kinder bekommen oder wie sie ihre Zeit auf Erwerbsarbeit, Haushalt und Freizeit aufteilen wollen. Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass Paare als Interessenseinheit auftreten – die Existenz von Verhandlungsmacht wird ausgeblendet. Dabei gibt es vielfältige empirische Evidenz für partnerschaftliche Aushandlungsprozesse und zu den Faktoren, die die Verhandlungsmacht von Partnern beeinflussen. In einer Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung haben wir die empirische Evidenz zu partnerschaftlichen Aushandlungsprozessen in den drei Entscheidungsbereichen Einkommens- und Zeitverwendung sowie Fertilität zusammengefasst. Die zentralen Ergebnisse sind folgende:


Paare entscheiden.

Auf Paarebene werden viele Entscheidungen getroffen, die das Bild einer Gesellschaft prägen. Paare entscheiden unter anderem darüber, wofür sie ihr Geld ausgeben, ob sie Kinder bekommen und wie sie ihre Zeit auf Erwerbsarbeit, Haushalt und Freizeit aufteilen wollen.


Aber wie?

Obwohl die gesamtwirtschaftliche und die politische Relevanz dieser Entscheidungen unumstritten ist, liegen die Entscheidungsprozesse selbst noch weitgehend im Dunkeln.


Harmonie pur?

Vereinfachend wird oftmals angenommen, dass Paare als Interessenseinheit agieren. Dies bedeutet, dass sie entweder die gleichen Interessen verfolgen oder, sollten Interessenskonflikte bestehen, diese durch Ausgleichszahlungen untereinander ausräumen können.


Paare handeln.

Die empirische Evidenz zeigt jedoch, dass dem nicht (immer) so ist. Stattdessen ist davon auszugehen, dass in vielen Fällen die getroffene Entscheidung neben den Vorlieben und dem finanziellen Budget auch von der Macht der einzelnen Partner abhängt, ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen.


Handlungsmacht.

Die Handlungsmacht der Partner wird durch ihre Ressourcenausstattung in verschiedenen inner- und außerpartnerschaftlichen Handlungsoptionen und die Legitimation zur Nutzung dieser Optionen bestimmt. Beides wird maßgeblich durch ein soziales Geflecht von politisch gesetzten Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Normen und Rollenbildern beeinflusst.


Paare handeln um Zeit.

Männer und Frauen investieren unterschiedlich viel Zeit in bezahlte und unbezahlte Arbeit. Auch die verbleibende freie Zeit unterscheidet sich – je nach Erwerbsstatus und Kinderzahl – zum Teil erheblich zwischen den Geschlechtern. Für die Durchsetzung von individuellen Zeitwünschen kann die relative Verhandlungsmacht von Partnern eine Rolle spielen. Die empirische Evidenz belegt, dass zu den Faktoren, die die Verhandlungsmacht beeinflussen, das relative Einkommen aus Erwerbsarbeit, Transferleistungen und auch die sozialen Geschlechterrollen zählen. Auch das Scheidungs- und Unterhaltsrecht und das Geschlechterverhältnis auf dem Partnermarkt können Einfluss haben.


Paare handeln um Geld.

Die Einkommensverwendung eines Paares hängt maßgeblich davon ab, wer das Einkommen erzielt hat. Nicht nur bei Erwerbseinkommen, sondern auch bei Nichterwerbseinkommen (zum Beispiel durch staatliche Transfers) ist der konkrete Empfänger/die konkrete Empfängerin der Leistung relevant. Darüber hinaus beeinflussen auch Alters- und Bildungsunterschiede innerhalb eines Paares und das grundsätzliche Wohlstandsniveau den Zugriff der einzelnen Partner auf das Haushaltseinkommen.


Paare handeln um Kind(er).

Im Fall irreversibler Entscheidungen wie Geburtenentscheidungen spielen die langfristigen Folgen heutiger Entscheidungen eine besondere Rolle. Sind Familie und Beruf nicht vereinbar, geht mit der Geburt ein einseitiges Spezialisierungsrisiko – in der Regel der Frau – auf marktferne Arbeit einher. Sehen Frauen die hieraus resultierende höhere wirtschaftliche Abhängigkeit vom Partner und geringere Durchsetzungskraft bei Interessenskonflikten voraus, sinkt ihre Bereitschaft, das „Wagnis Kind“ einzugehen. Ob Frauen sich mit ihrem Votum für oder gegen ein (weiteres) Kind gegenüber ihrem Partner durchsetzen können, wird von ihrer relativen Einkommensposition, ihrem Bildungsstand und ihrer Attraktivität auf dem Partnermarkt beeinflusst. Auch das Scheidungsrecht und Unterstützungszahlungen an Alleinerziehende wirken auf die Verhandlungsposition von (verheirateten) Frauen.


Maßnahmen an Individuen adressieren.

Um die Wünsche und Handlungsoptionen von Frauen und Männern in Partnerschaften zu erfassen, ist es wichtig, den Partner mit in den Blick zu nehmen. Hieraus abgeleitete Maßnahmen sollten jedoch an der Einzelperson anknüpfen, um die politisch intendierten Wirkungen auch zu erreichen.


Familienstandunabhängige Politik.

Da Frauen und Männer Ehen oder Lebenspartnerschaften eingehen und wieder auflösen, oder der Tod eines Partners die Beziehung beenden kann, sollte die Ressourcenausstattung als dauerhafte, nachhaltige Basis für Lebensstandard und materielle Absicherung – sowie die Möglichkeiten, hieraus Erträge zu erzielen – familienstandunabhängig sein. Dies betrifft sowohl die marktlichen als auch die der einzelnen Person vom Staat zufließenden Ressourcen.

Studie