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Internationaler HWWI-Workshop in Brüssel „Frauen im Ostseeraum: Qualifikation und Arbeitsmarktintegration“

23.04.2014 | HWWI Update | von Isabel Sünner

Am 4. März 2014 hat das HWWI in Brüssel einen Workshop zum Thema „Frauen im Ostseeraum: Qualifikation und Arbeitsmarktintegration“ ausgerichtet. Rund 30 Teilnehmer aus verschiedenen europäischen Ländern waren im Hanse-Office zu Gast. Es war bereits der zweite HWWI-Workshop in diesem Jahr zum Thema Verbesserung der Rahmenbedingungen auf den Arbeitsmärkten im Ostseeraum.

Auf der Veranstaltung wurden die Ergebnisse aus dem INTERREG IVB-Projekt „QUICK IGA“ präsentiert, in dem 13 Partner aus acht Ländern des Ostseeraums zusammenarbeiten. Zu dem interdisziplinären Netzwerk zählen unter anderem Wissenschaftseinrichtungen, Wirtschaftsverbände und Bildungsträger. Ziel des Projekts ist die Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern auf den Arbeitsmärkten im Ostseeraum. Auf dem Workshop wurden aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt und Handlungsempfehlungen mit Vertretern europäischer Institutionen diskutiert.

Bei der Begrüßung der Teilnehmer durch Dr. Thomas Engelke, den stellvertretender Leiter des Hanse-Office, betonte dieser die Wichtigkeit des Themas. Es folgte ein Vortrag von Dr. Max Hogeforster, der das Hanse-Parlament als Lead Partner des QUICK IGA-Projektes vertrat. Er sprach zentrale mittel- und langfristigen Herausforderungen der Europäischen Union (EU) an – den Fachkräftemangel sowie die Diskrepanz zwischen Bildungsprofilen und Arbeitsmarktanforderungen. Daraus resultiere ein zunehmender Wettbewerb um Talente sowie Wachstumshemmnisse, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.

Dr. Christina Boll, Forschungsdirektorin am HWWI, präsentierte nachfolgend die Ergebnisse statistischer Auswertungen der regionalen Bildungs- und Arbeitsmarktbedingungen für Frauen im Ostseeraum. Dabei ging sie auf länderspezifische Handlungserfordernisse ein. Zum Beispiel zeigten die Daten, dass durch fehlende Teilzeitjobs Frauen in den baltischen Ländern und Polen Probleme haben, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen variiere im Ostseeraum recht stark. Am größten sei der Gehaltsunterschied in Estland und Deutschland und am kleinsten in Polen. Der Entwicklung politischer Strategien, welche Innovationen vorantreiben und Unternehmerinnen fördern, komme deshalb eine große Bedeutung zu.

Anschließend erläuterte Dr. Elisabeth Bublitz vom HWWI anhand von Ländervergleichen zentrale Motive von sowie Barrieren für Unternehmerinnen. Trotz regionaler Unterschiede gäbe es in allen Ländern des Ostseeraums mehr selbstständige Männer als Frauen. Die Gründe für die interregionalen Abweichungen seien vielfältig und ein hoher Anteil an selbstständigen Frauen müsse nicht immer gleichbedeutend mit beruflicher Erfüllung sein. Polen weist beispielsweise die höchste Selbstständigenrate unter Frauen auf, hat jedoch auch eine hohe Anzahl von „necessity entrepreneurs“, also Gründungen von Unternehmerinnen aus einer Notlage heraus. Frauen in ländlichen Gegenden machen sich hier mangels Jobalternativen häufig in der Landwirtschaft oder Fischerei selbstständig.

In ihrem zweiten Vortrag lenkte Dr. Christina Boll die Aufmerksamkeit auf das Problem der Überqualifikation von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland. Sie beschrieb Überqualifikation als einen vernachlässigten Aspekt, der mit starken Gehaltseinbußen einhergeht und eine klare europäische Dimension hat. Bildungsabschlüsse und Arbeitsmarktnachfrage besser aufeinander abzustimmen sei deshalb ein wesentlicher Aspekt von „Europe 2020“, der Wachstumsstrategie der Europäischen Kommission. Eine unzureichende Berücksichtigung des Problems der Überqualifikation könne sich negativ auf den Fachkräftemagel auswirken und Produktivitätsverluste nach sich ziehen.

Die abschließende Diskussionsrunde konzentrierte sich auf Handlungsfelder für die europäische Politik. Es diskutierten Harry Bjerkeng (President, Nordic Forum of Crafts), Gesa Böckermann (Policy Officer, DG Justice), Professor Dr. Vytas Navickas (Dean Faculty of Social Educology, Lithuanian University of Educational Science) und Andriana Sukova-Tosheva (Director, DG Employment, Social Affairs & Inclusion) unter Moderation von Dr. Mary Papaschinopoulou (Leiterin der IHK Nord Vertretung bei der EU). Die Diskutanten waren sich einig, dass in Europa intensiv und koordiniert an einer besseren Arbeitsmarktintegration von Frauen gearbeitet werden muss. Die Europäische Kommission hat zu diesem Zweck bereits Handlungsempfehlungen an die einzelnen Mitgliedsstaaten ausgesprochen. Neben der Bekämpfung der Lohnlücke gibt es Verbesserungspotenzial etwa im Bereich frauengerechter Bildungsangebote.

Eine ausführliche Dokumentation des Workshops finden Sie hier.

Autoren

Isabel Sünner