Infrastruktur und Immobilienmärkte

Deutschland lebt von der Substanz

25.09.2014 | HWWI Update | von Christian Growitsch

Die Politik der Wohltaten steuert die Bundesrepublik in die falsche Richtung. Eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik sollte nachhaltig und mit einer klaren ordnungspolitischen Ausrichtung gestaltet werden.

Die Deutschen sind ein zufriedenes Volk. Die Arbeitslosigkeit ist im europäischen und historischen Vergleich niedrig, die Erwerbstätigenzahl hat in diesem Jahr den höchsten Wert in der Geschichte der Bundesrepublik erreicht. Ähnliches gilt für Lebenserwartung, Wohlstand und Bildungsniveau. Und trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise der letzten Dekade, ihrer Folgen und der gegenwärtigen Struktur- und Wachstumsschwäche etlicher europäischer Nachbarstaaten erreichen Exporte und Steuereinahmen weitere Rekorde.

Dieser auch empfundene Wohlstand hat die Politik auf Wunsch der Bürger dazu bewegt, verschiedene Wohltaten zu verteilen. Bereits im ersten Jahr dieser Legislaturperiode wurden die Rente mit 63, die Mütterrente und das Betreuungsgeld eingeführt und damit Zahlungsverpflichtungen in Milliardenhöhe eingegangen. Parallel hat die Bundesregierung in Märkte interveniert, deren Marktergebnisse nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen der Mehrheit der Bürger entsprechen: Auf dem Arbeitsmarkt wurde der Mindestlohn eingeführt, der Immobilienmarkt mit der Mietpreisbremse reguliert und die Energiepolitik um weitere Quasisubventionen ergänzt. Für jeden dieser Eingriffe mag es valide politische Gründe geben. Ökonomisch sind alle diese Instrumente hinsichtlich ihrer Treffsicherheit und ihrer Effizienz zumindest diskussionswürdig.

Unterdessen mehren sich die ökonomischen Alarmzeichen: Die konjunkturellen Aussichten verschlechtern sich bereits, das Geschäftsklima sinkt und einzelne Branchen beginnen, die Konsequenzen der Sanktionen gegenüber Russland zu spüren. Vor allem aber liegen die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote, der Anteil der Ausgaben für Bildung, Forschung und Entwicklung und die Investitionen in Infrastruktur zum Teil deutlich unter dem Niveau anderer, mit Deutschland konkurrierender Nationen. Anstatt in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik zu betreiben, lebt Deutschland von der Substanz. Gleichzeitig zeigen die politischen Interventionen in bedeutsame Gütermärkte, dass die gegenwärtige Bundesregierung – wie auch viele vor ihr – den Anschein politischer Handlungsfähigkeit über ordnungspolitische Grundsätze stellt.

Um die wirtschaftliche Zukunft der Bundesrepublik nachhaltig zu gestalten, bedarf es eines mutigen Umsteuerns der Politik. Trotz gesellschaftlicher Präferenz für Sozialbehaglichkeit und gegen marktwirtschaftliche Prozesse sollte die Regierung eine zukunftsgerichtete Wirtschaftspolitik mit klarer ordnungspolitischer Ausrichtung verfolgen. Nur dann kann es gelingen, den in den vergangenen Jahren so schwer erkämpften Wohlstand auch für zukünftige Generationen zu sichern.

PD Dr. Christian Growitsch ist seit September 2014 Direktor und Sprecher der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).

Christian Growitsch war von 2010 bis August 2014 Direktor für Anwendungsforschung und Mitglied der Geschäfts­leitung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln sowie Privatdozent für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre sowie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg und Lüneburg promovierte Herr Growitsch an den Universitäten Lüneburg und Cambridge. Im Mai 2010 folgte die Habilitation an der Universität Halle-Wittenberg. Von 2007 bis 2010 leitete er die Abteilung „Energiemärkte und Energieregulierung“ des Wissenschaft­lichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste GmbH (WIK) in Bad Honnef.

Der Fokus seiner bisherigen ökonomischen Forschung und wirtschaftspolitischen Beratung liegt im Bereich der angewandten Mikroökonomik.