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Gekommen um zu bleiben? Die aktuelle Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien

19.03.2014 | HWWI Update | von Dragos Radu, Max Friedrich Steinhardt

Seit 2010 verzeichnet Deutschland wieder eine substantielle Nettozuwanderung aus dem Ausland, die vor allem durch eine starke Zuwanderung aus Osteuropa getrieben wird. Damit verbunden sind aktuell kontroverse Diskussionen über die Einwanderung von Rumänen und Bulgaren, die sich mit möglichen negativen Implikationen für den deutschen Wohlfahrtsstaat befassen.

Sowohl in den Medien als auch seitens der Politik wird wiederholt das Bild der sogenannten „Armutsmigranten“ bemüht, die nach Deutschland kommen, um Sozialleistungen zu beziehen. Eine Reihe deutscher Ökonomen hat bereits (teilweise erfolgreich) versucht, die Debatte zu versachlichen, indem sie anhand von Statistiken darauf hingewiesen haben, dass der Großteil der Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien in Deutschland arbeitet und nur ein geringer Anteil Soziallleistungen bezieht.

Ein weiterer Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion oft nicht adäquat berücksichtigt wird, ist, dass es bei der besagten Migration Bewegungen in beide Richtungen gibt. Anders ausgedrückt, Migration ist keine Einbahnstraße. So stehen den Zuzügen aus Rumänien und Bulgarien substanzielle Rückwanderungen gegenüber (siehe Abbildung). Im Saldo ergibt sich eine stetig steigende Nettozuwanderung, die nach den bisher vorliegenden Zahlen im Jahr 2013 einen neuen Höhepunkt erreicht haben dürfte. Das temporäre Muster der Migration hat wichtige Implikationen für die angesprochene Diskussion. So sind die fiskalischen und ökonomischen Effekte der Zuwanderung stark davon abhängig, wie lange Zuwanderer in Deutschland verbleiben und inwiefern sich Rückwanderer von denjenigen Migranten unterscheiden, die sich für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland entscheiden.

Neue Erkenntnisse hierzu liefert eine Studie von Kuhlenkasper und Steinhardt (2012), die im Rahmen des NORFACE Projektes TEMPO (Temporary Migration, integration and the role of Policies) erstellt wurde. Die empirische Analyse basiert auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und fokussiert sich auf alle Personen mit einem direkten Migrationshintergrund. Die empirischen Auswertungen zeigen, dass individuelle Auswanderungsentscheidungen stark von den Bedürfnissen des jeweiligen Lebensabschnittes geprägt sind. Beispielsweise entscheiden sich Personen mit Kindern im Schulalter seltener für eine Auswanderung, während mit dem Eintritt ins Rentenalter überproportional häufig eine Rückwanderung verbunden ist. Gründe für Letzteres sind geringere Lebenshaltungskosten in der Herkunftsregion sowie die steigende Bedeutung sozialer und familiärer Netzwerke im Alter. Ein weiteres Ergebnis der ökonometrischen Analyse ist, dass unter den Auswanderern nicht erwerbstätige und arbeitslose Personen überrepräsentiert sind. Dies steht im Einklang mit der neoklassischen Theorie der „failed migration“, die besagt, dass diejenigen Migranten in ihre Heimatländer zurückkehren, die nicht den erhofften Erfolg auf dem Arbeitsmarkt des Empfängerlandes haben.




In einer weiteren Untersuchung aus dem TEMPO-Projekt wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Einstellung der inländischen Bevölkerung im Aufnahmeland die Bleibeabsichten von Zuwanderern beeinflusst (vgl. De Coulon et al. 2014). Die Studie bezieht sich auf das Verhalten rumänischer Migranten in Italien, das schon seit der Jahrtausendwende eine starke Zuwanderung aus Rumänien verzeichnet. Anhand von Daten, die im Auftrag der rumänischen Regierung erhoben wurden, zeigen die Autoren, dass eine negative Haltung gegenüber Zuwanderern einen substanziellen Effekt auf Rückwanderungsabsichten hat. Die empirischen Schätzungen deuten darauf hin, dass bei einem plötzlichen Anstieg von ausländerfeindlichen Ressentiments insbesondere diejenigen Migranten ihre Bleibeabsichten anpassen, die bisher noch keine Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit gemacht haben. Dies zeigt exemplarisch, dass populistisch geführte Debatten über Zuwanderung nicht nur potenzielle Zuwanderer im Ausland abschrecken, sondern auch die Bleibeabsichten der bereits im Land lebenden Migranten negativ beeinflussen können.

Research Paper

Kuhlenkasper, T., Steinhardt, M. F. (2012): Who leaves and when? Selective outmigration of immigrants from Germany, HWWI Research Paper 128, Hamburg.

De Coulon, A., Radu, D., Steinhardt, M. F. (2013): Pane e Cioccolata: The Effects of Native Attitudes on Return Migration, HWWI Research Paper 146. Hamburg.

Autoren

Dragos Radu
Dr. Max Friedrich Steinhardt