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Gemeinsam für den Wandel: Ein Plädoyer für eine deutsch-chinesische Investitionspartnerschaft

27.10.2014 | HWWI Update | von Christian Growitsch, Lars Wenzel, André Wolf

China steht in seiner Entwicklung vor einem Scheideweg: Will das Land die Schattenseiten seines wirtschaftlichen Erfolges in den Griff bekommen, muss die Wende hin zu einer ressourcenbewussten Wirtschaftsweise gelingen. Deutsche Investoren könnten dabei mit ihrer Erfahrung aus eigenem Interesse Unterstützung leisten. Voraussetzung sind stabile Rahmenbedingungen für ausländische Investoren in China.

Innerhalb der letzten dreißig Jahre hat China einen wirtschaftlichen Aufstieg vollzogen, dessen Ausmaß und Kontinuität als in der modernen Welt einzigartig zu bezeichnen sind. Zwischen 1982 und 2012 ist das jährliche chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um durchschnittlich 9,8 % pro Jahr gestiegen. Im selben Zeitraum hat sich die Arbeitsproduktivität in der chinesischen Produktion mehr als versiebenfacht, verbunden mit hohen durchschnittlichen Kapitalrenditen von bis zu 20 %. Die Zeiten zweistelligen BIP-Wachstums sind zwar mittlerweile vorbei, die meisten Experten erwarten aber auch mittelfristig für China deutlich höhere Wachstumsraten als für andere Schwellenländer.

Die Kehrseite dieses Wachstums wird zugleich jedoch immer deutlicher. Seit 2008 ist China der weltweit größte CO2-Emitteur. Neben der Luft- nimmt auch die Wasserverschmutzung stetig zu. Die Folge ist eine spürbare Belastung der Lebensqualität insbesondere in den wirtschaftlichen Zentren. Die Zahl Toter durch Atemwegserkrankungen lag in China in den letzten Jahren mehr als viermal so hoch wie die in Deutschland. Und Berichten von Chinas eigenen Staatsmedien zufolge ist etwa 60 % des Grundwassers in den Städten kontaminiert. Diese Probleme drohen sich durch die ungebrochene Land-Stadt-Migration noch zu verschärfen, mehr als die Hälfte der Einwohner Chinas lebt mittlerweile in urbanen Räumen. Qualitativ betrachtet steht China damit auf seinem Entwicklungspfad aktuell an einem ähnlichen Punkt wie die westlichen Industrieländer Anfang der 1980er Jahre. Die Dynamik stetiger Wohlstandsgewinne ebbt langsam ab, zugleich werden die negativen Langfristfolgen einer zügellosen Produktionsausweitung für die Gesellschaft immer offensichtlicher.



Chinas Führung hat die Bedeutung des Moments durchaus erkannt. Es wurde eindeutig signalisiert, dass das rein wachstums-orientierte Denken der Vergangenheit angehören und durch eine ressourcenbewusste Denkweise ersetzt werden soll. Im aktuellen chinesischen Fünfjahresplan (2010–2015) sind bereits konkrete Zielsetzungen in dieser Richtung fixiert. So sollen die Energieintensität der heimischen Wirtschaft bis 2016 um 16 % und das Verhältnis der CO2-Emissionen zum BIP um 17 % reduziert werden. Dabei besteht in mancher Hinsicht aber eine Konkurrenzbeziehung zu anderen Zielen. Zugleich soll über Maßnahmen wie einer Erhöhung öffentlicher Bildungs- und Gesundheitsausgaben auch der Wohlstand breiter Bevölkerungsmassen vergrößert und die Schere zwischen arm und reich verringert werden.

Voraussetzung für den Erfolg solcher Verteilungsmaßnahmen ist ein auch zukünftig stabiles Wirtschaftswachstum. Vor allzu strikten command and control-Maßnahmen im Bereich der Umweltpolitik, welche die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrien gefährden würden, dürfte die chinesische Regierung damit auch zukünftig zurückschrecken. Dasselbe Dilemma stellt sich grundsätzlich auch aus globaler Perspektive. Zukünftig wird für das Erreichen jeglicher globaler Klimaziele Chinas Mitwirkung allein durch seine schiere Größe unumgänglich sein. Gleichzeitig ist die Weltkonjunktur aber mehr denn je auf ein stabiles Wachstum der Absatzmärkte in China angewiesen.

Somit besteht ein echtes globales Interesse, China auf seinem steinigen Weg zu einer ressourcenbewussten Wirtschaftsweise nicht allein zu lassen. Ein wichtiger Beitrag kann vor allem von solchen Ländern ausgehen, die auf diesem Weg bereits weiter fortgeschritten sind und ihr Erfahrungswissen an China weitergeben könnten. Es ist keine Übertreibung, wenn man Deutschland hier eine Sonderrolle zuschreibt. Die rasante Transformation der deutschen Energieversorgung hat das Land bei allen unbestreitbaren Unzulänglichkeiten doch zu einem Vorreiter unter den großen Wirtschaftsnationen gemacht. Insbesondere im Hinblick auf die technische Seite des Systemwandels gilt die Problemlösungskompetenz deutscher Ingenieure als international vorbildlich.

Bisher wurde dieses Wissen vor allem auf dem informellen Weg der Imitation angezapft, wie sich beispielsweise am rasanten Aufstieg der chinesischen Solarbranche nachvollziehen lässt. Es ist in deutschem Interesse, dass dies zukünftig stärker in einer institutionell verankerten Form wie etwa einer Investitionspartnerschaft geschieht. Der Grundstein für eine solche Partnerschaft ist bereits über die wachsende Handelsverflechtung gelegt. China ist global der fünftstärkste Abnehmer deutscher Waren, Deutschland ist umgekehrt der zweitstärkste Abnehmer chinesischer Waren. Das bilaterale Handelsvolumen pro Jahr hat sich in den letzten 10 Jahren mehr als vervierfacht (siehe Abbildung auf Seite 1). Die Direktinvestitionen konnten mit dieser Entwicklung aber nur begrenzt Schritt halten. So verfügte ein wirtschaftlich nicht wesentlich größeres Land wie Japan 2012 über einen viermal so großen Bestand an Direktkapital in China wie Deutschland. Ein Aufholen in diesem Bereich würde es auch ermöglichen, die Bewältigung einer weiteren Herausforderung voranzutreiben, welche die westlichen Länder allgemein und im besonderen Maße Deutschland betrifft: den demografischen Wandel. Um die Sicherung eines hohen Lebensstandards im Alter bei gleichzeitig sinkender Zahl junger Rentenbeitragszahler zu gewährleisten, ist es mehr denn je wichtig, lukrative Anlagemöglichkeiten für das deutsche Alterskapital aufzutun. Eine Investition in den chinesischen Systemwandel kann dabei sowohl in direkter (unternehmerisches Engagement in lokalen Projekten) als auch in indirekter (über Fonds und andere Finanzmarktitel) Form nutzenstiftend sein. Angesichts des nach wie vor hohen Wachstumspotenzials der chinesischen Wirtschaft sollten im Allgemeinen hohe Renditen erwarten zu sein. Inwieweit das Investitionsrisiko tragbar ist, hängt dann entscheidend von den örtlichen Rahmenbedingungen ab, denen sich internationale Investoren ausgesetzt sehen. Diese unterscheiden sich im Einzelnen natürlich stark nach Zweck und Umfang der Investition.

Generell zeigen internationale Vergleichs-indikatoren, dass die Hürden in China noch hoch sind. Sowohl in den Governance-Indikatoren der Weltbank als auch in den Umfrageergebnissen der Heritage Foundation zu Investitions- und Geschäftsfreiheit liegt China weit hinter den Industrieländern zurück. In der Gesamtbewertung der regulatorischen Qualität erreicht es nicht einmal das Niveau eines Schwellenlandes wie Brasilien. Neben dem Umfang der Restriktionen kann hier auch die schiere Komplexität des Regelwerks abschreckend wirken. Sie impliziert in der Regel umfangreichen Beratungsbedarf und erhöht damit die Informations- und Entscheidungskosten aus Sicht potenzieller Investoren. Aufgabe einer deutsch-chinesischen Investitionspartnerschaft sollte es deshalb auch sein, bestehende Unsicherheiten im institutionellen Bereich abzubauen. Diese sollte idealerweise sowohl Regelungen zur Erleichterung des Marktzugangs als auch zum verbesserten Schutz geistiger Eigentumsrechte einschließen. Gelingt es so, ein günstigeres Klima für Zukunftsinvestitionen in China zu schaffen, würde nicht nur das Land selbst in seiner Entwicklung profitieren. Auch Deutschland hätte damit gleichermaßen zur Sicherung seiner Absatzmärkte und zur Diversifizierung seines Anlageportfolios beigetragen.

BDO Compass

Eine gesamtgesellschaftliche Situation Chinas im internationalen Vergleich bewertet der BDO Interna-tional Business Compass. Unsere Studien und weitere Informationen hierzu finden Sie hier.

Autoren

Dr. André Wolf