Demografie

Illegal in Europa - Neue Datenbank liefert Zahlen und Dokumentationen

22.02.2009 | HWWI Update | von Vesela Kovacheva, Dita Vogel

„Die im Dunklen sieht man nicht“. Deshalb lassen sich auch keine Aussagen dazu machen, wie viele Menschen ohne den erforderlichen Aufenthaltsstatus – und damit illegal – in einem Land leben. So oder ähnlich heißt es oft, wenn man nach dem Umfang irregulärer Migration in Europa fragt. Das HWWI hat eine neuartige Datenbank erstellt, die mehr Transparenz zum Umfang irregulärer Migration in der Europäischen Union (EU) herstellt.

Sicherlich wird sich die Zahl der Menschen ohne Papiere, wie sie auch genannt werden, nie so genau feststellen lassen wie die Zahl der Menschen, die regulär in Deutschland leben. Das heißt aber nicht, dass es keinerlei Datenspuren gibt. Kontrollbehörden sammeln zum Beispiel Daten im Rahmen ihrer Arbeit und werten sie aus. Auf europäischer Ebene gibt es ein Informations-, Reflexions- und Austauschzentrum für Fragen im Zusammenhang mit dem Überschreiten der Außengrenzen und der Einwanderung, in dem seit mehr als zehn Jahren Vertreter aus Politik, Grenzpolizei und Immigrationsbehörden der Mitgliedstaaten zusammenarbeiten. Ein großer Teil der Tätigkeiten solcher Einrichtungen ist jedoch nicht öffentlich und auf die strategische Planung von Kontrollbehörden ausgerichtet. Zur seriösen Einschätzung von Umfang und Struktur irregulärer Migration sind sie in der gegenwärtigen Form kaum geeignet. Dies ist auch der Grund, warum die EU das Projekt CLANDESTINO in Auftrag gegeben hat, an dem auch das HWWI beteiligt ist. In 12 Ländern, die insgesamt 83 Prozent der regulären EU-Bevölkerung umfassen, wurden Länderberichte von Experten erstellt, Schätzungen in tabellarischer Form aufgearbeitet und im Internet als Datenbank zur Diskussion gestellt.

Die Grafik zeigt, dass Schätzungen eher auf geringe Bevölkerungsanteile von Zuwanderern ohne Status hindeuten: In vielen Ländern werden Werte von unter 1 Prozent ermittelt, in einigen wenigen Werte bis zu 3 Prozent. Auf der Basis der Länderberichte und ausgewählter Zusatzinformationen hat das HWWI eine sehr grobe Schätzung zum Gesamtumfang illegalen Aufenthalts in der EU im Jahr 2005 erstellt. Bisher wird in den EU-Veröffentlichungen davon ausgegangen, dass es 4,5 Millionen bis 8 Millionen Zuwanderer ohne Aufenthaltsstatus gibt, wobei die Basis der Schätzung nicht transparent ist. Nach der Schätzung des HWWI gibt es heute in der EU zwischen 2,8 und 6 Millionen Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus. Damit sind nur diejenigen Nicht-EU-Bürger gemeint, die weder ein Aufenthaltsrecht noch ein Arbeitsrecht haben oder die während eines touristischen Aufenthalts illegal arbeiten. Sie müssen bei einer Aufdeckung mit einer Ausweisung und Abschiebung rechnen. Die Zahl der ausländischen Zuwanderer, die zwar regulär im Land sind, aber irregulär arbeiten, ist meist bedeutend höher und lässt sich nicht immer scharf trennen. Für Deutschland zum Beispiel deuten Indikatoren darauf hin, dass viermal mehr Zuwanderer Arbeitsverbote als Aufenthaltsverbote missachten. Dazu zählen zum Beispiel EU-Bürger aus den neuen Mitgliedstaaten oder Asylbewerber.

Die Analyse der Trends in den letzten Jahren und ihrer Ursachen ist ein weiterer Schritt zur Schaffung von mehr Transparenz, an dem zurzeit noch gearbeitet wird. Bisher lässt sich nur sagen, dass es mehr Hinweise auf eine sinkende als auf eine wachsende Bedeutung illegalen Aufenthalts gibt. Für die EU-Schätzung wurden die Bevölkerungsanteile der Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus verglichen und für jedes Land ein begründeter Mindest- und Maximalanteil festgelegt. Diese Schätzung der europäischen Gesamtzahl kann nach den selbst aufgestellten Kriterien nur von minderer Qualität sein. Für zu viele Länder liegen keine oder nur auf sehr groben Expertenurteilen beruhende Zahlen vor. Allerdings hat diese Schätzung erstmals das Potenzial, sukzessive im wissenschaftlichen Dialog zu einer verbesserten Gesamtschätzung für Europa entwickelt zu werden. Neue und bessere Schätzungen können systematisch integriert werden, so dass der HWWI-Ansatz als „länderbasierte dynamische aggregierte Schätzung“ bezeichnet werden kann. Wenn für immer mehr Länder Schätzungen mittlerer und guter Qualität vorgelegt werden, können sie integriert werden und die Gesamtschätzung für Europa verbessern.

Vier Hauptwege lassen sich zur Verbesserung der Datenlage aufzeigen:
Sogenannte Residualschätzungen basieren auf einem Vergleich unterschiedlicher Register. In Spanien zum Beispiel können sich Zuwanderer ohne Status regulär in Gemeinden registrieren lassen. Sie haben auch einen Anreiz zur Registrierung, weil sie dadurch Zugang zu einer Grundversorgung bei Krankheit erhalten. Wenn es nun nach den Gemeinderegistern mehr Ausländer in Spanien gibt, als es nach offiziellen Zuwandererzahlen geben dürfte, wird die Differenz mit irregulärer Zuwanderung erklärt – selbstverständlich unter Berücksichtigung der Tücken des Details, den die offiziellen Zuwandererzahlen messen keineswegs immer, was Wissenschaftler für logisch und sinnvoll erachten würden. In England wurden nach einer ähnlichen Logik Daten einer anonym und umfassend angelegten Volkszählung mit offiziellen Zuwanderungszahlen verglichen.

Umfragen können normalerweise bei irregulärer Migration nicht angewendet werden, weil sich keine repräsentative Stichprobe aus einer unbekannten Grundgesamtheit ziehen lässt. Allerdings sind in den letzten Jahren einige, relativ aufwändige Methoden entwickelt worden, mit denen Vertrauen von Menschen ohne Status gewonnen und mangelnde Repräsentativität durch Gewichtungsindikatoren rechnerisch berücksichtigt werden können. So wurden in Italien Umfragen an Migrantentreffpunkten durchgeführt und zugleich auch erhoben, wer wie häufig diese und andere Treffpunkte nutzt. Diese Information kann dann zur Gewichtung genutzt werden.

Auch Kontrolldaten der Polizei können genutzt werden, wenn vorhandene Verzerrungen erkannt und rechnerisch berücksichtigt werden können. Dieser Weg wurde in den Niederlanden genutzt. Wissenschaftler konnten Mikrodaten der Polizei auswerten und kombinierten umfassendes, durch qualitative Methoden gewonnenes Hintergrundwissen mit komplexen aus der Biologie entlehnten quantitativen Capture-Recapture-Berechnungen.

Multiplikatorüberlegungen bilden explizit oder implizit die Grundlage vieler Expertenschätzungen. Solche Überlegungen können zum Beispiel auf Beobachtungen in der Feldforschung oder den Arbeitsstatistiken von kontrollierenden und helfenden Behörden beruhen. In Hamburg wurden zum Beispiel knapp 8 Prozent der ausländischen Tatverdächtigen von der Polizei als illegal eingestuft. Während einzelne Multiplikatoren wie dieser nur ein einseitiges Bild liefern, kann ein systematischer Abgleich verschiedener Multiplikatoren bessere Ergebnisse erbringen. Einen solchen Ansatz entwickelt das HWWI-Team zurzeit für die Stadt Hamburg.

Datenbank

Kern der Datenbank über irreguläre Migration ist eine Inventarisierung und Klassifizierung von Schätzungen zum Umfang irregulärer Migration in ausgewählten europäischen Ländern. Außerdem werden Informationen zur Zusammensetzung nach Geschlecht, Alter, Staatsangehörigkeit und Sektoren ökonomischer Aktivität aufgearbeitet. Innovativ ist vor allem die konsistente Struktur, die Klassifizierung der Schätzungen in Güteklassen sowie die Einbettung in eine umfangreiche Hintergrunddokumentation, die im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes CLANDESTINO erarbeitet wurde. Damit sollen auch Wissenslücken offengelegt und Wege zur schrittweisen Verbesserung des Informationsstandes aufgezeigt werden.

Die Datenbank ist unter http://irregular-migration.hwwi.net zu finden.