Branchen und Wirtschaftszweige, Konjunktur

Konsum von nicht in Deutschland versteuerten Zigaretten

14.02.2010 | HWWI Update | von Michael Bräuninger

Das HWWI hat im Auftrag des Deutschen Zigarettenverbands die Stichprobenziehung und die Hochrechnung der nicht in Deutschland versteuerten Zigaretten geprüft. In einer zweiten Studie wurden die Kosten des Konsums dieser Zigaretten geschätzt.

Seit dem Jahr 2004 wird die Zahl der nicht versteuerten Zigaretten im Auftrag der deutschen Zigarettenindustrie durch eine repräsentative Untersuchung geschätzt. Derzeit basiert die Schätzung auf einer Auswertung von 12 000 an Verwertungsstellen des Dualen Systems monatlich gesammelten Zigarettenschachteln. Auf Basis dieser Stichprobenziehung wird eine Hochrechnung für den Konsum nicht versteuerter Zigaretten vorgenommen.

Das Ergebnis einer ersten Studie des HWWI zeigt, dass die Auswahl der Verwertungsstellen des Dualen Systems und die Hochrechnung zu einer unverzerrten Stichprobe führen. Dies zeigt sich auch dadurch, dass sich in der Stichprobe die Marktanteile der einzelnen Zigarettenmarken wieder finden.
In einer zweiten Studie hat das HWWI die ökonomischen Konsequenzen des Konsums von nicht in Deutschland versteuerten Zigaretten beleuchtet. Die Schätzung zeigt, dass der Anteil der nicht versteuerten Zigaretten am gesamten Zigarettenkonsum in den letzten Jahren von 16 % auf 20 % gestiegen ist. Dabei bestehen sehr große Unterschiede in der regionalen Verteilung des Konsums der nicht versteuerten Zigaretten. Während dieser Anteil in einigen westlichen Gebieten unter 10 % beträgt, liegt er in Nordrhein-Westfalen fast bei 20 % und in einigen ostdeutschen Gebieten über 50 %. Insgesamt werden ca. 23 Milliarden nicht in Deutschland versteuerte Zigaretten konsumiert; nach konservativer Schätzung sind hiervon 7 Milliarden illegal nach Deutschland verbraucht worden. Der dadurch entstandene Steuerschaden beläuft sich auf mindestens 4,0 Milliarden Euro, der darüber hinausgehende Schaden für Industrie und Handel auf mindestens 1,2 Milliarden Euro.

Ein wichtiger Grund für den Konsum nicht in Deutschland versteuerter Zigaretten ist die Erhöhung der Steuersätze in den Jahren 2002 – 2006. Die Erhöhungen der Steuersätze haben dazu geführt, dass der Konsum von versteuerten fabrikfertigen Zigaretten durch Alternativprodukte substituiert wurde. Hierzu gehören zum einen in Deutschland versteuerte Feinschnittprodukte, zum andern aber in erheblichem Maße fabrikfertige Zigaretten, die nicht in Deutschland versteuert wurden.

Der Rückgang des Konsums von versteuerten Zigaretten hat dazu geführt, dass trotz steigender Steuersätze das Steueraufkommen für fabrikfertige Zigaretten gesunken ist. Dieser Rückgang konnte durch ein steigendes Steueraufkommen für Feinschnitt und Zigarillo nicht kompensiert werden. Die Folgen der Substitutionseffekte auf Konsum und Steueraufkommen von Zigaretten wurden bei den letzen Erhöhungen der Tabaksteuer systematisch unterschätzt. So lag die prognostizierte Entwicklung der Steuereinnahmen aus der Tabaksteuer insgesamt deutlich über den tatsächlichen Steuereinnahmen. Auch die gesundheitspolitischen Ziele wurden durch die Anhebungen der Steuersätze nicht erreicht. Aufgrund der Erhöhungen der Steuersätze ist der Rauchkonsum kaum zurückgegangen.

Die möglichen Konsequenzen des Phänomens verdeutlicht das Beispiel aus New York. In den Vereinigten Staaten gibt es seit über 50 Jahren innerhalb eines offenen Gebiets unterschiedliche Steuersätze für Zigaretten. Dies hat dazu geführt, dass in Staaten mit hohen Steuersätzen im erheblichen Maß illegal Zigaretten eingeführt werden. Dabei ist auch organisierte Kriminalität entstanden. Diese Ansätze sind auch in Europa erkennbar.

Die ökonomische Theorie der Kriminalität erklärt das Anwachsen des Konsums illegal importierter Zigaretten mit den Gewinnen und den relativ geringen Kosten bei Entdeckung. Derzeit bestehen sowohl für die Konsumenten als auch für Schmuggler erhebliche Gewinnchancen bei vergleichsweise niedriger Entdeckungswahrscheinlichkeit und Strafe. Darüber hinaus sinken die Kosten des Konsums von illegalen Zigaretten mit deren sozialer Akzeptanz. Insofern hat die Ausweitung des Konsums von nicht in Deutschland versteuerten Zigaretten einen sich selbst verstärkenden Effekt: Je höher der Anteil der illegalen Zigaretten, desto eher wird der Konsum akzeptiert, so dass der Anreiz zum Konsum dieser Zigaretten steigt. Dabei finden der Import und die Verbreitung der illegalen Zigaretten in hohem Maße im Rahmen der organisierten Kriminalität statt. Eine Gefahr dieser Entwicklung besteht auch darin, dass die illegalen Strukturen aus dem Zigarettenhandel auf andere kriminelle Bereiche ausgeweitet werden. Insofern kann der illegale Zigarettenhandel zur Ausprägung einer kriminellen „Parallelgesellschaft“ führen, wie sich am Beispiel der USA / Staat New York zeigen lässt.

STUDIEN

Bräuninger, M., Schulze, S. (2010): Überprüfung der Methodik zur Schätzung der nicht in Deutschland versteuerten Zigaretten, HWWI Policy Paper, 1-27.

Bräuninger, M., Stiller, S. (2010): Ökonomische Konsequenzen des Konsums von nicht in Deutschland versteuerten Zigaretten, HWWI Policy Paper, 1-28.