Demografie, Weltwirtschaft

Mehr Einbürgerung durch Anerkennung der doppelten Staatsbürgerschaft

27.07.2012 | HWWI Update | von Daniel Naujoks

Die Einführung der indischen Überseestaatsbürgerschaft (Overseas Citizenship of India) hat zu vermehrter Einbürgerung indischer Einwanderer in den USA geführt. Damit verbunden sind eine schnellere und bessere Integration in den Arbeitsmarkt sowie eine stärkere Identifikation mit dem Aufenthalts- und Herkunftsland.

Die Einbürgerung von Einwanderern erhält viel Aufmerksamkeit − sowohl in der öffentlichen Debatte als auch im sozialwissenschaftlichen Diskurs. Denn die Einbürgerung ist mehr als ein schlichter Verwaltungsakt. Sie führt zu demokratischer Mitbestimmung, mehr Bürgerrechten und formaler Gleichstellung mit allen Staatsbürgern. Wie neuere Untersuchungen zeigen, zieht die Einbürgerung per se ein höheres Einkommen, bessere Integration in den Arbeitsmarkt und stärkere Identifikation mit dem Aufenthaltsland nach sich. Die Entscheidung, eine andere Staatsbürgerschaft anzunehmen, ist ein komplexer Prozess, der von persönlichen und Eigenschaften der jeweiligen Einwanderergruppe, der Einbürgerungs- und Willkommenskultur im Aufenthaltsland sowie Einstellungen und Politikmaßnahmen im Herkunftsland bestimmt ist. Von besonderer Bedeutung sind hierbei das Staatsangehörigkeitsrecht in Herkunfts- und Aufenthaltsland.

Seit Januar 2006 können Personen indischer Abstammung einen staatsbürgerschaftsähnlichen Status in Indien erhalten, die indische Überseestaatsbürgerschaft oder Overseas Citizenship of India (OCI). Bereits seit 1999 ist darüber hinaus ein Ausweis für Personen indischer Herkunft verfügbar, die Person of Indian Origin Card. Die Einführung dieser der doppelten Staatsbürgerschaft ähnlichen Status hat zu einer Zunahme der Einbürgerungsquote von indischen Einwanderern in den USA geführt. Für viele Migrantinnen und Migranten, die dauerhaft in den USA leben, ist es einfacher, die US-amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen, wenn sie mit OCI einen sicheren Rechtsstatus in Indien bewahren, der es ihnen erlaubt, Land zu besitzen, unbeschränkt nach Indien zu reisen und dort wirtschaftlich aktiv zu sein. Überdies haftet der Staatsbürgerschaft eine emotionale Komponente an. Die Einbürgerung wird deswegen erleichtert, wenn Einwanderer das offizielle Etikett der Zugehörigkeit zu ihrem Geburtsstaat nicht ganz verlieren.

Die Entwicklung der Einbürgerungsquote ist dabei sowohl von allgemeinen Faktoren im Aufenthaltsland als auch von gruppenspezifischen Besonderheiten abhängig. So bestehen in den USA nach den Terroranschlägen am 9. September 2001 für viele Einwanderer größere Anreize, die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Auch haben Einbürgerungskampagnen, öffentliche Debatten über irreguläre Einwanderung und eine wesentliche Erhöhung der Einbürgerungsgebühr im Juli 2008 die Zahl der Einbürgerung allgemein erhöht. Um spezifische Faktoren zu isolieren, die nur aus Indien stammende Personen betreffen, kann die Entwicklung der Einbürgerungsquote für indische Einwanderer mit den Quoten anderer Einwanderergruppen verglichen werden. Als Vergleichsgruppen bieten sich dabei alle im Ausland sowie in anderen asiatischen Ländern geborene Menschen an.

Wenngleich in den vergangenen fünfzehn Jahren die Einbürgerungsquoten aller Einwandergruppen angestiegen sind, zeigt der Vergleich, dass in Indien geborene Immigranten nach Einführung der Überseestaatsbürgerschaft weit schneller die Staatsbürgerschaft erlangen als Angehörige der Vergleichsgruppen. Je nach der Berechnungsart der Einbürgerungsquote wuchs die Einbürgerung indischer Einwanderer zwischen 2 und 13 Prozentpunkten stärker als diejenige der gewählten Vergleichsgruppen (siehe Abbildung). Dies belegt, dass die Anerkennung der doppelten Staatsbürgerschaft positive Auswirkungen auf die Einbürgerung von Migrantinnen und Migranten hat.

Während diese Ergebnisse die Anerkennung durch das Herkunftsland betreffen, ist davon auszugehen, dass die Anerkennug im Aufnahmeland noch stärkere Einbürgerungsanreize schafft. Dies jedenfalls dann, wenn damit die Botschaft verbunden ist, dass die Mehrheitsgesellschaft anerkennt, dass Einwanderer ihre Bindungen zu ihrem Herkunftsland nicht vollständig aufgeben müssen. Diese Ergebnisse zeigen auch, dass die Anerkennung der doppelten Staatsbürgerschaft zwar zu vermehrter, allerdings nicht zu der von Kritikern oft befürchteten Masseneinbürgerung führt.

STUDIE

Naujoks, D. (2012): Does Dual Citizenship Increase Naturalization? Evidence from Indian Immigrants in the U.S., HWWI Research Paper 125, Hamburg.