Demografie, Klima und Umwelt

Migration durch Klimawandel?

26.10.2009 | HWWI Update | von Tanja El-Cherkeh

Bereits 1990 stellte der Weltklimarat (International Panel on Climate Change) fest, dass eine der größten Auswirkungen des Klimawandels die Migration von Menschen sein werde. Die Erosion von Küstengebieten, Überflutungen sowie die Verringerung von kultivierbaren Lebensräumen hatten bereits Mitte der 1990er Jahre etwa 25 Millionen Menschen zu „Klimaflüchtlingen“ werden lassen. Nach verschiedenen Schätzungen internationaler Organisationen dürfte die Zahl der „Klimaflüchtlinge“ bis heute auf rund 50 Millionen angestiegen sein. Dramatisch könnte die weitere Entwicklung werden: Bis zum Jahr 2050 sollen etwa 200 Millionen Menschen von klimabedingten Migrationsbewegungen betroffen sein.

Fundierte Schätzungen darüber, wie viele Menschen in den nächsten Jahrzehnten aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen, sind jedoch aus zweierlei Gründen kaum zu realisieren: Zum einen ist es schwierig, einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Folgen des Klimawandels und der Migration herzustellen.

Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Migration nicht Ergebnis eines Ereignisses (zum Beispiel Flucht vor einem Hurricane), sondern das Ergebnis eines langfristigen Prozesses (zum Beispiel Anstieg des Meeresspiegels) ist. In diesem Rahmen können vielfältige Faktoren, wie soziale, wirtschaftliche, demografische oder politische, die Migrationsentscheidung beeinflussen. Zum anderen gibt es keine international anerkannten Definitionen für die unterschiedlichen Formen der „Klimamigration“ oder „Klimaflucht“, was eine Erstellung von entsprechenden Daten und Statistiken weiter erschwert.

Auf Ebene der Vereinten Nationen hat man sich jedoch auf vier Hauptursachen einigen können, die – relativ eindeutig – Migrationsbewegungen auslösen können. Diese Ursachen beziehen sich auf den signifikanten und andauernden Verlust von Staatsterritorium, wie dies bei den sogenannten „Sinking Islands“ (sinkende Inseln) der Fall ist. Gebiete, die durch den Anstieg des Meeresspiegels drohen, überschwemmt zu werden, betreffen vor allem Inseln im Südpazifik (Carteret-Inseln, Kiribati, die Malediven, die Marshall-Inseln, Palau, die Salomon-Inseln, Tokelau, Tuvalu und Vanuatu) und auch tief liegende Küstenregionen in Alaska und am Golf von Bengalen.

Hydrometeorologische Ereignisse als Folge des Anstiegs des Meeresspiegels, wie beispielsweise die Zunahme periodischer Überflutungen, tropische Stürme, Küstenerosion und die Versalzung der Küstengewässer, können eine weitere Ursache für größere Migrationsbewegungen darstellen. Geschätzte 634 Millionen Menschen, was knapp einem Zehntel der Weltbevölkerung entspricht, leben in Gebieten, die maximal zehn Meter über dem Meeresspiegel liegen – in der sogenannten Low Elevation Coastal Zone (LECZ). Von diesen 634 Millionen Menschen leben rund 360 Millionen in küstennahen Großstädten. Experten zufolge dürften besonders stark das Nildelta und knapp ein Fünftel Bangladeschs bei einem Anstieg von nur einem Meter des Meeresspiegels von Überschwemmungen betroffen sein. In Europa wären rund 13 Millionen Menschen, hauptsächlich in den Niederlanden und in Dänemark, durch Überschwemmungen bedroht (siehe Tabelle).

Neben dem Landverlust durch Überschwemmungen wird gleichzeitig mit der Erweiterung von Dürrezonen und Wüsten gerechnet. Geschätzte 1,2 Milliarden Menschen leben in Regionen mit akutem Süßwassermangel. Dies betrifft insbesondere Gebiete in den nord- und subsaharischen Staaten Afrikas, im Nahen und Mittleren Osten, Zentralasien, Südostasien und weite Teile Nordchinas. Der durch Dürreperioden und Wüstenbildung ausgelöste Mangel an Wasser und Folgen, wie Ernteverluste, können ebenfalls zu Migrationsbewegungen führen.

Das vierte im Rahmen der Vereinten Nationen diskutierte Szenario bezieht sich auf weitere Auswirkungen durch mangelnde Ressourcen. Der klimabedingte Rückgang kultivierbarer Flächen und Wasservorräte bietet einen enormen Nährboden für Konflikte, die wiederum zur Flucht vieler Menschen führen können.

Vor dem Hintergrund möglicher durch den Klimawandel hervorgerufener Migrationsbewegungen stellt sich zunehmend die Frage nach der Rolle der internationalen Staatengemeinschaft, sind es doch hauptsächlich die ärmsten Länder, die die Konsequenzen tragen müssen, jedoch nicht für den weltweiten CO2-Ausstoß verantwortlich sind. So wird von „Klimaflüchtlingen“, „Klimamigranten“ oder von „Klimazwangsmigranten“ gesprochen und eine international anerkannte Definition gemieden, denn diese würde Verpflichtungen in Bezug auf den Schutz und die Versorgung der Betroffenen mit sich bringen.

Besondere Verantwortung tragen jedoch auch regionale und lokale Entscheidungsträger. Große Migrationsbewegungen können vor allem dann nach Katastrophen entstehen, wenn es zu Fehlentscheidungen und Versäumnissen bei den zuständigen Akteuren kommt. Die verheerenden Folgen des Tsunami im Indischen Ozean im Jahr 2004 als auch des Hurricane Katrina in den USA im Jahr 2005 hätten gemindert werden können, wenn es funktionstüchtige Führwarnsysteme und Rettungspläne gegeben hätte. Experten sind sich ebenfalls darüber einig, dass die Beseitigung der Überschwemmungszonen am Golf von Bengalen und den angrenzenden Küstenregionen Südostasiens sowie im Mississippi Delta zur Verschlimmerung beider Katastrophen beigetragen hat. Besonders tragisch ist es dann, wenn sich nur bestimmte Länder wenige Opferzahlen im wahrsten Sinne des Wortes „leisten“ können und andere nicht. Der tropische Zyklon „Gorky“ forderte im Jahr 1991 138 000 Opfer in Bangladesch und machte weitere 10 Millionen Menschen obdachlos. Bei dem wesentlich stärkeren Sturm „Andrew“ im Jahr 1992, welcher die US-Bundesstaaten Florida und Louisiana traf, waren 65 Opfer zu beklagen.

Forscherinnen und Forscher sowie Entscheidungsträger stehen vor großen Herausforderungen: Zunächst gilt es, mehr Klarheit darüber zu gewinnen, inwieweit Migrationsbewegungen mit dem Klimawandel zusammenhängen. Kann der Klimawandel die Hauptursache für Migrationen sein oder handelt es sich um Wirtschafts- und Armutsmigration? Forscher werden sich daher verstärkt mit der Entwicklung entsprechender Indikatoren befassen müssen. Mehr Erkenntnisse über den Zusammenhang stellen auch die Grundlage für die Entwicklung entsprechender Definitionen und Konzepte auf internationaler Ebene dar, obgleich die grundsätzliche Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft nicht in Frage gestellt werden kann. Unabhängig von rechtlichen Verpflichtungen können die Ursachen und Folgen des Klimawandels ausschließlich gemeinsam gelöst werden. Des Weiteren liegt eine schwere Last auf den Schultern der regionalen und lokalen Akteure. Vor dem Hintergrund großer Armut werden oftmals kurzfristige (und -sichtige) Entscheidungen auf Kosten des Schutzes der Umwelt und Menschen getroffen, wobei es sicherlich vermessen wäre, dies zu verurteilen. Neben Maßnahmen, die die entsprechenden Regionen nachhaltig für Umwelt und Menschen gestalten sollen, obliegt es vor allem den lokalen Akteuren, konkrete und direkte Anpassungsmechanismen wie beispielsweise Frühwarn- und Informationssysteme sowie Koordinierungs- und Rettungspläne zu entwickeln. Wie es jedoch bereits häufig praktiziert wird, kann ebenfalls in diesen Fragen die internationale Vernetzung wertvoll sein, nämlich dort, wo Best Practice mit entsprechender Unterstützung vermittelt wird.

LITERATUR

Hummitzsch, T. (2009): Klimawandel und Migration, Kurzdossier, focus Migration, www.focus-migration.de (im Erscheinen).

IOM (2008): Migration and Climate Change, IOM Migration Research Series, No 31, by Oli Brown.