Klima und Umwelt, Städtische Räume

Ökonomische Verluste durch Extremwetter – (K)eine Naturgegebenheit

17.12.2013 | HWWI Update | von Malte Jahn

Extreme Wetterereignisse betreffen die Ökonomie in vielerlei Hinsicht. Einerseits können Unternehmen und Haushalte direkt betroffen sein, wie jüngst auf den Philippinnen durch den Taifun Haiyan. Andererseits gibt es (zusätzlich) aufgrund einer (Welt-)Wirtschaft mit vielen Verflechtungen indirekt Betroffene.

Um die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen von Extremwetterereignissen zu erfassen, genügt es nicht, die Schäden der direkt betroffenen Unternehmen und Haushalte aufzulisten. Durch Unterbrechungen von Lieferketten, der Energieversorgung, et cetera können viele Akteure Verluste erleiden, die nicht unmittelbar  von einem Ereignis betroffen waren. Ökonomen versuchen mit Hilfe von Modellen solche indirekten Verluste“ zu quantifizieren.

Ein wichtiger Modellbaustein ist dabei oft die Input-Output-Matrix. Sie beschreibt die Lieferbeziehungen zwischen verschiedenen Sektoren einer Wirtschaft und erlaubt eine Einschätzung darüber, wie sehr ein Sektor durch Schäden bei der ihn beliefernden Sektoren betroffen ist. Ein Ergebnis der darauf basierenden Analyse ist, dass die indirekten Verluste einen umso größeren Teil der Gesamtverluste ausmachen, je schwerwiegender ein Ereignis ist. Anders gesagt: Die indirekten Verluste steigen überproportional zu den direkten Verlusten.

Um mögliche Verwundbarkeiten von Städten, Regionen oder Volkswirtschaften gegenüber Extremwetterereignissen einzuschätzen, wird häufig eine Vulnerabilitätsanalyse durchgeführt.  Die Vulnerabilität (=Verwundbarkeit) eines Systems setzt sich im Wesentlichen aus der Exposition und der Sensitivität zusammen. Die Exposition (=Ausgesetztheit) gegenüber bestimmten Extremwetterereignissen ist durch geographische und insbesondere klimatische Rahmenbedingungen gegeben. Zum Beispiel ist eine Küstenregion womöglich Sturmfluten ausgesetzt, während eine kontinentale Region eher sommerlichen Hitzewellen ausgesetzt sein könnte. Die Sensitivität ist eine inhärente Eigenschaft des betrachteten Systems, wie zum Beispiel einer Stadt, und beschreibt wie empfindlich das System auf Extremwetterereignisse reagiert.

Über die letzten Jahrzehnte ist weltweit ein Trend steigender Verluste und, gleichwertig ausgedrückt, ein Trend steigender Vulnerabilität gegenüber Extremwetterereignissen zu beobachten. Exemplarisch ist dies für die Vereinigten Staaten dargestellt. Nun liegt der Schluss nahe, dass diese Zunahme auf eine klimawandelbedingt gestiegene Exposition zurückzuführen ist. Dies ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Oft sind die Treiber der Schäden im Bereich der Sensitivität zu suchen. Zum Beispiel führen Bevölkerungswachstum und Urbanisierung dazu, dass ein meteorologisch vergleichbarer Sturm in vielen Regionen der Welt heutzutage mehr Menschen und Vermögenswerte betrifft als vor einigen Jahrzehnten. Dazu kommen komplexere Lieferketten und Just-in-time-Produktion, wodurch selbst kurzfristige Beeinträchtigungen schon bedeutende Verluste für Unternehmen nach sich ziehen können.




Die Erkenntnis, dass Verluste durch Extremwetterereignisse eben nicht (ausschließlich) naturgegeben sind, ist aber auch eine gute Nachricht. Sie bedeutet, dass die Gesellschaft selbst vieles unternehmen kann, um Verluste zu vermeiden. In Bezug auf extreme Wetterereignisse ist ausreichende Anpassung entscheidend, insbesondere weil Extremwetter auch ohne Klimawandel regelmäßig auftritt.

Es sind gerade die weniger entwickelten Staaten, die von Verlusten durch Extremwetterereignisse betroffen sind. Dort fehlt es oft an finanziellen und institutionellen Voraussetzungen für eine angemessene Anpassung. Für bestimmte Ereignisse und Regionen, wie zum Beispiel für Sturmereignisse auf den Philippinen, lässt sich demnach ein Anpassungsdefizit feststellen. Das heißt, dass Gesellschaft und Wirtschaft dort selbst an die heutigen Klimaverhältnisse nicht ausreichend angepasst sind. Wichtige Anpassungsmaßnahmen in diesem konkreten Fall wären eine widerstandsfähigere Infrastruktur, insbesondere bei der Wasser-/Energieversorgung, bei Verkehrswegen sowie bei Gebäuden.

Angesichts der steigenden Vulnerabilität gegenüber Extremwetterereignissen und den fehlenden Kapazitäten zur Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen in einigen Weltregionen liegt die Aufgabe Europas nicht nur darin, den Klimaschutz zur forcieren, sondern auch darin, anderen Regionen dabei zu helfen, sich an zu erwartende extreme Wetterereignisse anzupassen.


Research Paper

Jahn, M. (2013): Economics of Extreme Weather Events in Cities: Terminology and Regional Impact Models, HWWI Research Paper 143, Hamburg.

Autoren

Dr. Malte Jahn