Demografie

Wir müssen den demografischen Wandel aktiv gestalten!

17.02.2014 | HWWI Update | von Christina Boll, Dörte Nitt-Drießelmann, Christina Benita Wilke

Der demografische Wandel wird Deutschland vor große Herausforderungen stellen und unser Leben in vielen Lebensbereichen nachhaltig verändern. Unser Land wird schrumpfen, altern und aufgrund des zunehmenden Anteils an Zuwanderern immer vielfältiger werden. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen sind mannigfaltig und können schon heute beeinflusst werden. Die breite Einbindung der Bevölkerung in den Arbeitsmarkt und die Entwicklung innovativer Strategien zum Umgang mit dem Älter-, Weniger- und Vielfältiger-Werden sind dabei von maßgeblicher Bedeutung für die Aufrechterhaltung unseres Wohlstandsniveaus. Das HWWI hat in einer gemeinsamen Studie mit Berenberg die Dimensionen des demografischen Wandels nachgezeichnet.

Der demografische Wandel ist auf drei Entwicklungen zurückzuführen: Erstens die Zunahme der Lebenserwartung; zweitens die konstant niedrigen Geburtenraten und drittens die in Deutschland besonders ausgeprägte historische Abfolge von geburtenstarken und -schwachen Jahrgängen. Das Zusammenspiel dieser Faktoren wird dazu führen, dass Deutschland bis 2030 voraussichtlich von heute 81 Mio. auf rund 77 Mio. und bis zum Jahr 2060 um weitere 12 Mio. auf 65 Mio. Menschen schrumpfen wird (siehe Abbildung). Während die Gruppe der über 65-Jährigen stark anwachsen wird, wird die Gruppe der unter 20-Jährigen an Bedeutung verlieren. Ihre Anzahl wird sich von 15,6 Mio. auf 12,9 Mio. (2030) beziehungsweise 10,1 Mio. (2060) reduzieren. 2030 wird es aller Voraussicht nach 17 % weniger Kinder und Jugendliche als noch heute in Deutschland geben. Diese Verschiebung der Altersstruktur wird sowohl den Lebensbereich jedes Individuums als auch unsere Gesellschaft im Ganzen sowie unsere gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt beeinflussen.

Die individuelle Lebenssphäre wird zum Beispiel durch die Verschiebung der Lebensphasen beeinflusst. So vollzieht sich der Übergang in den Ruhestand in alternden Gesellschaften zunehmend später und auch das mittlere Lebensalter, das Erwachsensein, unterliegt fortgesetzten individuellen Anpassungsprozessen an sich verändernde Berufsbilder und Qualifikationsanforderungen, aber auch an gesellschaftliche und familiale Rollen. Zur Aufrechterhaltung und Anpassung vorhandener Kompetenzen gewinnt das lebenslange Lernen, also die Fort- und Weiterbildung, zunehmend an Bedeutung.

Durch die sich verlängernden Ausbildungszeiten verengt sich das Zeitfenster für weichenstellende Lebensereignisse wie den Berufseinstieg und -aufstieg und die Familiengründung. Die „Rush Hour des Lebens“ steht mit dem Trend zum zeitlichen
Aufschub der Erstgeburt in Zusammenhang: Das Alter der Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes ist von 24,0 Jahren im Jahr 1970 bis 2010 auf 30,2 Jahre (Westdeutschland) beziehungsweise 29,9 Jahre (Ostdeutschland) gestiegen. Des Weiteren ist zu beobachten, dass das Vorhandensein von Kindern für ein glückliches Leben nicht von so essenzieller Bedeutung zu sein scheint wie beispielsweise die Gesundheit oder andere Faktoren. So geht aus einer aktuellen Allensbach-Umfrage hervor, dass mindestens vier von fünf Personen der „Generation Mitte“ Gesundheit und eine stabile und glückliche Partnerschaft als wichtig empfinden. Finanzielle Unabhängigkeit rangiert mit 79 % auf dem vierten Platz, während Kinder zu haben nur 64 % der Befragten wichtig finden.

Durch den Anstieg der Lebenserwartung wird auch die Anzahl pflegebedürftiger Menschen zwischen 2009 und 2030 von 2,3 Mio. auf 3,4 Mio. zunehmen. Der Angehörigenpflege wird auch künftig eine zentrale Rolle zukommen. Die Hauptlast der Angehörigenpflege wird von Frauen getragen. Frauen pflegen eher ihre Eltern, Männer eher ihre Partnerinnen. Damit ist verbunden, dass sich Pflegeaufgaben bei Frauen auf das spätere Erwerbsleben im Alter von 50–69 Jahren konzentrieren, bei Männern hingegen auf die Nacherwerbsphase. Die Mehrfachbelastung von Pflege und Beruf tritt daher eher bei Frauen als bei Männern auf. Im Jahr 2002 waren 73 % der privaten Hauptpflegepersonen weiblich.

Als Konsequenz der Verschiebungen in der Altersstruktur wird sich der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 65 Jahren an der Bevölkerung ebenfalls vermindern. Diese Entwicklung und die parallele Vergreisung der Gesellschaft werden Auswirkungen auf das Wohlstandsniveau in Deutschland haben. Um den derzeitigen Lebensstandard halten zu können, muss sowohl das Erwerbspersonenpotenzial stärker ausgeschöpft als auch die Arbeitsproduktivität erhöht werden.




Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zeigen, dass die Erwerbstätigenquote von derzeit etwa 77 % auf nahezu 87 % in 2025 steigen müsste, um die Zahl der Erwerbstätigen auf dem derzeitigen Niveau zu stabilisieren. Ansatzpunkte zur Hebung des Erwerbspersonenpotenzials sind – neben der verstärkten Gewinnung von Frauen und der frühen Integration junger Menschen in den Arbeitsmarkt – die bessere Integration der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Des Weiteren eröffnet die längere Erwerbseinbindung älterer Menschen viele Chancen. Hier sind schon erste Erfolge zu verzeichnen. So zählten 2010 44 % der 60- bis 64-Jährigen zur Erwerbsbevölkerung. Eine weitere vielversprechende Strategie, das Erwerbspersonenpotenzial zu heben, stellt die Steigerung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens (Produkt aus Beschäftigungszahl und durchschnittlicher Jahresarbeitszeit) dar: Analysen des Sozio-Oekonomischen Panels 2009 ergaben, dass 25 % der beschäftigten Männer und 30 % der beschäftigten Frauen ihre wöchentliche Arbeitszeit gern um 1,6 Stunden oder mehr aufstocken würden. Allein unter Frauen ergäben sich – basierend auf diesen Zahlen – bei Realisierung aller Aufstockungswünsche (und Gegenrechnung geringfügiger Verkürzungswünsche) rund 850.000 zusätzliche Vollzeitarbeitsplätze.

Aber auch wenn die genannten Anstrengungen unternommen werden, wird sich ein Beschäftigungsrückgang vermutlich nicht komplett verhindern lassen. Zu einem gewissen Grad ließe sich eine solche Verminderung aber durch eine höhere Produktivität ausgleichen. Berechnungen zeigen, dass selbst unter der Annahme eines nur geringfügigen Rückgangs der Erwerbstätigen die verbleibenden Erwerbstätigen im Jahre 2035 nahezu 5 % mehr leisten müssten als heute, um die gleiche Menge an Konsum- und Investitionsgütern pro Kopf zu produzieren. Dies entspräche einem jährlichen Produktivitätszuwachs von etwa 0,2 Prozentpunkten bis 2035, zusätzlich zum historisch durchschnittlichen Produktivitätszuwachs von etwa 1,4 % pro Jahr. Dies ist ein Ziel, das für Deutschland erreichbar scheint. Ein jährlicher Produktivitätszuwachs von 1,6 % ist nicht unmöglich, in vielen Ländern sogar die Regel; mit ihm könnte der Lebensstandard in Relation zu unseren EU-Nachbarn in etwa stabil gehalten werden. Eine zentrale Frage in einer alternden Gesellschaft ist, ob und inwieweit die Produktivität mit dem Alter zurück geht und inwiefern lebenslanges Lernen hier gegensteuern kann. Bei der Weiterbildungsbeteiligung besteht in Deutschland „Luft nach oben“: Zwischen 2007 und 2010 war sie sogar rückläufig.

Der demografische Wandel wird das Leben in Deutschland in vielen Lebensbereichen und auf mehreren Ebenen nachhaltig verändern. Er stellt nicht nur die Generationen und unsere Gesellschaft als Ganzes vor neue Herausforderungen, sondern auch jeden Einzelnen von uns. Dabei sind die Herausforderungen nicht nur ökonomischer Natur, sondern berühren unser gesamtes soziales Gefüge. Noch können wir jedoch die Auswirkungen der Bevölkerungsalterung durch unser künftiges Handeln maßgeblich mitbestimmen. Es gilt also, den sich bereits vollziehenden Wandel nicht passiv hinzunehmen, sondern aktiv zu gestalten.

Partnerpublikation

Boll, C.; Erlwein, M.; Koller, C.; Nitt-Drießelmann, D.; Quitzau, J.; Wilke, C. (2014): Strategie 2030 – Demografie, HWWI & Berenberg (Hrsg.), Hamburg.

Autoren

Dr. Christina Boll
Dörte Nitt-Drießelmann