Arbeit, Branchen und Wirtschaftszweige

Öffentlicher und intermediärer Kultursektor in Deutschland – eine quantitative Analyse der bewegten Finanzmittel und der Erwerbstätigkeit

16.11.2012 | HWWI Policy Paper | von Dörte Nitt-Drießelmann

In Deutschland ist das kulturelle Leistungsspektrum breit gefächert und fußt auf drei wesentlichen Säulen. Bedeutende Akteure sind im privatwirtschaftlichen Sektor zu finden, aber auch der öffentliche Sektor und der sogenannte „dritte“ oder intermediäre Sektor spielen eine wesentliche Rolle. Die öffentliche Hand (Bund, Länder, Gemeinden) setzte im Jahre 2007 mehr als 10 Mrd. Euro Grundmittel für die Kulturbereiche und die kulturnahe Bereiche ein. 31 % aller Gelder flossen in „Theater und Musik“, 16 % in „Museen und Sammlungen“, 12 % in „Bibliotheken“ und 9 % in die „Sonstige Kulturpflege.“ Die Anteile für die sonstigen Aufgabenfelder der öffentlichen Hand wie z.B. „Denkmalschutz“ oder „Volkshochschulen“ lagen zwischen 3 % und 7 %. Im öffentlichen Kultursektor sind etwa 126.000 Erwerbstätige im öffentlichen Dienst beschäftigt, knapp 15.000 von ihnen als Beamte. Neben den Grundmitteln für die Kulturbereiche und die kulturnahen Bereiche wendet die öffentliche Hand zusätzlich jährlich etwa 3,8 Mrd. Euro bis 4,8 Mrd. Euro für die Ausbildung in den künstlerischen Fächern an allgemeinbildenden Schulen auf. Für den Unterricht werden 32.000 bis 40.000 Lehrervollzeitstellen sowie 21.000 bis 27.000 Teilzeitstellen benötigt. Etwa 620 Mio. Euro fließen zudem jährlich in die Hochschulausbildung in Kunst- und Kulturfächern. Rund 24.000 Studierende, das sind mehr als 7 % aller Absolvent/-innen im Erststudium oder weiterem Studium an allen Hochschulen, erwarben 2009 an einer Hochschule einen Abschluss in den Studienfächern „Kunst/¬Kunstwissenschaft“, „Kulturwissenschaft“ und „Bibliothekswesen“. Zum öffentlich geförderten Kultursektor können auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die christlichen Kirchen gezählt werden, da beide aufgrund rechtlicher Regelungen (z. B. Gebührenerhebung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Finanzierung von Personalausgaben der christlichen Kirchen) oder Aufgaben (wie etwa Bildungs- und Kulturauftrag des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks) eng mit dem öffentlichen Sektor verknüpft sind. <br />Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein bedeutender Arbeitgeber im Kulturbereich. Mehr als 27.000 festangestellte Mitarbeiter und über 11.000 feste freie Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Hinzu kommen weitere 80.000 bis 100.000 freie Mitarbeiter. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bezieht in großem Umfang Vorleistungen von anderen Unternehmen und Selbständigen. Insgesamt kann geschätzt werden, dass vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk mindestens 5,5 Mrd. Euro jährlich an inländische Erwerbstätige, Selbständige oder Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft fließen. Hinzu kommen weitere 400 Mio. Euro für Investitionen. Die christlichen Kirchen wendeten 2009 ebenfalls eine hohe Summe, etwa 4,7 Mrd. Euro, für ihre kulturellen Aktivitäten auf. Insbesondere im Bereich Musik sind die Kirchen stark engagiert. Der intermediäre Kultursektor wird vom gemeinnützigen, zivilgesellschaftlichen Engagement getragen. Er bezieht die kulturelle Arbeit in Vereinen, gemeinnützigen Organisationen und Stiftungen aber auch Spenden und Sponsoring für kulturelle Zwecke mit ein. Die zentrale Bedeutung im intermediären Sektor spielt das ehrenamtliche Engagement. Etwa drei Millionen Bürger/innen leisten jährlich unentgeltlich 575 Millionen Stunden im Kulturbereich. Zusätzlich erhalten 0,7 Millionen Bürger/innen für weitere 135 Millionen Stunden eine (meist kleine) Vergütung für ihr Engagement. Würde jede dieser ehrenamtlich geleisteten Stunden mit 12 Euro pro Stunde vergütet werden, ergäbe sich ein jährlicher Betrag von 8,5 Mrd. Euro. Dies entspräche in der Summe den eingesetzten Grundmitteln von Bund, Länder und Gemeinden für Theater, Musik, Museen, Bibliotheken, sonstige Kulturpflege, Denkmalschutz, Kunsthochschulen, Kulturverwaltung sowie kulturelle Angelegenheiten im Ausland. Hinzu kommen weitere 0,8 Mrd. Euro an Mitglieds- und Vereinsbeiträgen, die von den Bürger/innen in die Kultureinrichtungen im intermediären Sektor (z. B. in Chöre und Theatergruppen) fließen. Im Vergleich zum Ehrenamt treten die Zuflüsse durch Stiftungen mit Stiftungszweck Kunst und Kultur mit 1,4 Mrd. Euro bis 1,7 Mrd. Euro jährlich weit zurück. Das Gleiche gilt für das Sponsoring (0,4 Mrd. Euro Kultursponsoring, 0,8 Mrd. Euro Mediensponsoring) sowie die Spenden von Privaten und Unternehmen mit insgesamt 0,2 bis 0,3 Mrd. Euro jährlich. Im gesamten intermediären Kultursektor sind etwa 36.000 Erwerbstätige beschäftigt.

Autoren

Dörte Nitt-Drießelmann