HWWI Standpunkt Januar 2012

Arbeitsmigration

Arbeitskräftemigration: Wandern, wenn es Arbeit gibt

von Thomas Straubhaar

Bleiben oder gehen, kämpfen oder flüchten? Seit ewigen Zeiten sind das Grundfragen der Menschheit. Die richtige Antwort entscheidet über Leben und Tod. Stämme und Völker gingen unter, weil sie ausharrten, sich aber vergeblich gegen Hungersnöte, Seuchen und Naturkatastrophen stemmten. Andere flüchteten mit Sack und Pack über tausende Kilometer. Sie suchten – oft ohne, manchmal mit Erfolg – nach dem gelobten Land, in dem Milch und Honig flossen.

Über Jahrhunderte war die Migration in Europa vom unbarmherzigen Gesetz des Thomas Malthus geprägt. Es besagt, dass Nahrungsmittelknappheit, Armut, Epidemien und Gewalt immer wieder das Bevölkerungswachstum einschränken. Vor allem das 17. Jahrhundert gab Malthus recht. Es war eine Periode des Hungers, des Elends, der Seuchen und Kriege. Die Menschen starben in Massen. Siedlungen entleerten sich. Dörfer verfielen. Europa stand vor einer demografischen Krise. Der Untergang drohte.

In Europas höchster Not führten Mitte des 18. Jahrhunderts gesellschaftliche, politische und technologische Innovationen zur industriellen Revolution. Maschinen ersetzten den Menschen. Die mechanische Fertigung sorgte für eine Vervielfachung der Güterherstellung. Dadurch verbesserten sich die Lebensbedingungen der Massen Schritt für Schritt.

Der steigende Wohlstand führte zu einem stetigen Wachstum der Bevölkerung. In den ländlichen Regionen gab es jedoch keinen wirklichen Bedarf nach zusätzlichen Händen. Als Folge blieb vermehrt ohne Existenzgrundlage, wer kein eigenes Land besaß. Demgegenüber benötigten die industriellen Zentren zunehmend mehr Arbeitskräfte. So entstand für den in der Agrarwirtschaft beschäftigungslosen Teil der Landbevölkerung ein Anreiz, in den Bergbau, die Textil-, Eisen- oder Stahlproduktion zu wechseln. In der Regel war damit auch eine räumliche Veränderung verbunden. Europa setzte sich auf der Suche nach Arbeit in Bewegung. Es kam zu einer proletarischen Massenwanderung vom Land in die Stadt und von der Agrarwirtschaft in die Industrie.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen erstmals in der Menschheitsgeschichte, brachte die Industrialisierung eine Individualisierung der Migration. Nicht mehr ganze Völker waren unterwegs, sondern nur noch einzelne Menschen und Familien. Die Migration der Industrialisierung war eine Menschen- und nicht mehr eine Völkerwanderung. Mehr noch: ohne individualisierte Arbeitskräftewanderung wäre die Industrialisierung nicht so rasch vorangekommen.

Die Massenwanderung einzelner Arbeitskräfte war beides: Folge und Verstärkung der Industrialisierung. Die vom Strukturwandel getriebene individuelle Migration war eine Wanderung verarmter, landloser Menschen ohne spezielle Bildung und Qualifikationen, die zum Proletariat einer rasch aufblühenden Industrie wurde. Auch der Auf- und Ausbau einer für eine industrielle Gesellschaft notwendige Infrastruktur verlangte nach billigen Arbeitskräften. Eisenbahnstrecken, Schifffahrtskanäle und Strassen wurden gebaut. In den Städten galt es, Wohnanlagen, Häuser und Versorgungseinrichtungen zu errichten. Für all diese Aktivitäten bedurften die Städte zusätzlicher Arbeiter.

Industrialisierung und die damit einhergehende Arbeitskräftemigration und Urbanisierung ermöglichten, − endlich − das Malthusianische Bevölkerungsgesetz zu durchbrechen. Nun wuchsen sowohl Bevölkerung wie auch der Lebensstandard der Massen parallel. Die industrielle Revolution führte in Europa gleichermaßen zu einer Bevölkerungsexplosion und zu einem Wohlstandsboom.

Die Arbeitskräftemigration spielte bei der Überwindung der Malthusianischen Armutsfalle eine wesentliche Rolle. Die Erschließung neuer Welten, der Besiedelung ferner Kontinente oder eben die Beschäftigung in den Industriestätten urbaner Zentren waren für viele verarmte Menschen die einzigen Überlebenschancen. Nur mit einer Abwanderung ohne Wiederkehr konnten sie Not und Elend in ihren unterentwickelten agrarischen Herkunftsregionen entfliehen. Nur so war es ihnen möglich, ihre Existenz zu sichern und im Laufe der Zeit ihre ökonomische Situation zu verbessern.

Migration war also eine mikroökonomisch durchaus vernünftige Entscheidung. So wie damals gilt bis heute, dass Menschen letztlich dann ihre Heimat verlassen, wenn sie sich an einem neuen Ort bessere Lebensbedingungen erhoffen.

Aber auch aus einer makroökonomischen Perspektive war die Arbeitskräftemigration im 19. Jahrhundert positiv zu bewerten. Die Industrialisierung, der Auf- und Ausbau der urbanen Infrastruktur brauchten Maßen billiger Proletarier. Die vom Land in die Stadt und die Fabriken strömenden Menschen erledigten jene Tätigkeiten, die für die urbane Bevölkerung zu schlecht bezahlt, zu dreckig oder zu gefährlich waren. Dank der Migration wurde Arbeit billiger, was wiederum den Einsatz von Maschinen und Apparaten noch einmal rentabler machte.

Entsprechend der Vorteile aus mikro- wie makroökonomischer Sicht war die Arbeitskräftemigration während der Industrialisierung eine Selbstverständlichkeit. Es galt das Prinzip der Migrationsfreiheit. Menschen konnten mehr oder weniger ungehindert von einem Land zum andern wandern. Millionen verließen Europa, um nach Amerika zu gehen. Hunderttausende strömten ohne Restriktionen aus dem armen Osteuropa als Proletarier in die prosperierenden Industrieregionen Westeuropas – so wie die Polen ins Ruhrgebiet.

Und je besser die Lebenssituation für alle wurde, umso mehr wurde die Massenwanderung der Geringqualifizierten durch eine Migration der Eliten ergänzt (nicht ersetzt). Nun suchten auch Unternehmer, Handwerker, Fachkräfte, Kaufleute und Künstler in fremden Ländern ihr wirtschaftliches Glück. Es kam zu einem intensiven Austausch von Wissen und Technologien und somit einer starken Nutzung der Vorteile einer Spezialisierung und internationalen Arbeitsteilung.

Die Krise der europäischen Industrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte zunehmend zu Arbeitslosigkeit und sozialen Spannungen. Schon damals galt eben, dass man in guten Tagen Arbeitskräfte rief, und Menschen kamen, die auch in schlechten Zeiten blieben. Der Erste Weltkrieg bewirkte dann eine fundamentale Zäsur. Er brachte Nationalismus und in seinem Gefolge Protektionismus mit sich. Damit wandelte sich die Geschichte der unbegrenzten Migration zu einer Geschichte nationaler Migrationspolitiken. Seither ist das Zeitalter der freien Arbeitskräftewanderung vorbei. Während immer mehr Menschenrechte immer universalere Gültigkeit erlangen, bleibt die Unterscheidung zwischen In- und Ausländern bis heute ein letzter Hort der Diskriminierung. Nationalstaaten würden eines ihrer zentralen konstitutiven Rechte verlieren, wenn sie darauf verzichteten, festzulegen, welche Rechte und Pflichten mit Zuwanderung, Aufenthalt und Niederlassung verbunden sind.

Kommt es zur Diskussion über eine Rückkehr zu „offenen Grenzen für alle“, dominieren bis heute alte merkantilistische Reflexe die Argumente. Mythen, Scheinwahrheiten und Tabus trüben bei der Migrationsfrage gleichermaßen die Klarheit des Denkens, wie es knallhartes politisches Kalkül politischer, ökonomischer und auch gesellschaftlicher Interessengruppen ist, Vorurteile zu streuen sowie Fehlinformationen zu stärken und zu allgemein akzeptierten Gemeinplätzen zu machen.

Charles Kindleberger erinnert uns hier in seiner Präsidialansprache vor der American Economic Association 1985 an einen Feldversuch, den er mit seinen Studenten am MIT regelmäßig durchführte. Er habe den Studierenden folgende Fragen, eine nach der anderen und ohne spätere Korrekturmöglichkeit, vorgelegt: „Befürworten Sie Freihandel? ... Befürworten Sie den freien Kapitalverkehr? ... Befürworten Sie den internationalen Austausch von Studenten und Fachkräften? ... Befürworten Sie die freie Einwanderung von Familienangehörigen? ... Befürworten Sie die freie Einwanderung für alle?“ Die Anworten seiner Studierenden bestätigen Kindleberger in seinem (ernüchternden) Urteil, „... dass seit eh und je der Mensch ein Bauer sei, mit einer bodenständigen Verbundenheit zur heimatlichen Scholle, ein Merkantilist, der Exporte höher als Importe schätze, ein Populist, der allem Ausländischen misstraue und schließlich ein Xenophobist, der sich vor allem Fremden fürchte“.

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien am 15. Januar 2012 in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“.