HWWI Standpunkt Februar 2013

Wissenschaft

Der Doktortitel gehört hinter, nicht vor den Namen

von Thomas Straubhaar

Eitelkeit? Ehrgeiz? Erkenntnissuche? Was trieb Annette Schavan dazu, eine Promotion zu schreiben? Der Fall der Bundesministerin Annette Schavan wirft viele Fragen auf. Wie weit hat die Doktorandin systematisch und vorsätzlich kopiert, abgeschrieben, geschummelt und getrickst? Einiges wird sich sachlich objektiv klären lassen. Beispielsweise in welchem Ausmaße damals wie heute gültige Zitierregeln missachtet wurden. Das kann man quantitativ ziemlich genau messen – so arbeitet jede Plagiats-Software, die heute standardmäßig bei jeder Seminar-, Bachelor-, Masters- und Promotionsarbeit eingesetzt wird. Wann aber werden die Zitiermängel systematisch? Wann wird aus dem Quantitäts- ein Qualitätsproblem?

Vieles, wenn nicht das meiste am Fall Schavan, wird jedoch ein subjektives Werturteil bleiben. Beispielsweise ist es alles andere als einfach, die bewusste Absicht eines Fehlverhaltens nachzuweisen. Mehr als schwierig ist es zu bewerten, wieweit durch eine falsche Zitierweise der Zugewinn an (damals) neuen Erkenntnissen geschmälert wurde. Angenommen, die Ergebnisse einer Doktorarbeit sind bahnbrechend und bringen der Menschheit eine neue Einsicht für ein altes Problem – also etwa, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Würde dann die Quantität von Zitierfehlern die Qualität der Promotion beeinträchtigen?

Gerade in der Philosophie – oder allgemeiner den Geistes- und Sozialwissenschaften – ist die Frage nach dem wissenschaftlichen Fortschritt und dem Erkenntnisgewinn von Doktorarbeiten durchaus komplex und entsprechend strittig. In den Naturwissenschaften und stärker noch in den Ingenieurwissenschaften gibt es „richtig“ und „falsch“. Entweder ein Motor bringt das Flugzeug zum Fliegen, oder der Mensch bleibt am Boden. Durch den Tatsachentest lässt sich Erkenntnisgewinn feststellen. Das ist in den von ihrem Wesen her normativen Geistes- und Sozialwissenschaften völlig anders. Hier geht es im Kern bei der Suche nach neuem Wissen immer um Lösungen für das Hier und Jetzt und die Erkenntnisse werden von Gesellschaft zu Gesellschaft und von Zeit zu Zeit anders beurteilt – man denke nur an die Diskussion über Kosten und Nutzen, Sinn und Unsinn oder Recht und Unrecht von Atomkraftwerken.

Gerade die stark normative auf subjektiven Werturteilen basierende Gemengelage wirft in der Philosophie und den Geistes- und Sozialwissenschaften insgesamt die doch eigentlich entscheidende Frage auf: Wieso überhaupt lässt es die deutsche Gesellschaft zu, dass ein Doktortitel ein derart überhöhtes Gewicht erhält, dass junge Menschen bereit sind, koste es, was es wolle, eine akademische Würdigung zu erlangen und alles dafür zu tun, um am Schluss den „Dr.“ auf der Visitenkarte stehen zu haben?

Offenbar ist der Doktortitel in Deutschland viel Wert – in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Zwar ist der Titel kein offizieller Namenszusatz. Niemand darf somit von anderen verlangen, als Frau Doktor angeschrieben oder angesprochen zu werden. Aber der „Dr.“ kann im Reisepass oder Personalausweis amtlich eingetragen werden. Und an vielen Stellen des öffentlichen Lebens öffnet ein Doktortitel Türen, Geldbörsen, Geschäftsbücher, Karrierelaufbahnen oder Führungswege.

Der Doktortitel signalisiert der Öffentlichkeit Intelligenz und Kompetenz des Trägers. Wer „Dr.“ ist, kann etwas, was nur ganz wenige können. Entsprechend groß sind die Bewunderung und das Vertrauen der Bevölkerung in die Titelträger. Dabei sind auch Doktoren nur Menschen, mit Eigeninteressen, Ehrgeiz, Eitelkeiten, Fehlern und Verfehlungen. Vor allem aber ist der Doktorgrad nichts anderes als ein wissenschaftliches Gütesiegel. Er wird herausragenden Forschern und Forscherinnen verliehen. Das ist viel. Aber es ist lange nicht alles. Und es ist nichts, was einen gesellschaftlichen oder politischen Heiligenschein rechtfertigt. Nichts macht akademische Titelträger außerhalb ihrer Zunft zu herausragenden Persönlichkeiten. Doktorgrade sagen nichts zu Charakter, Motiven oder Interessen der Träger – und auch nichts zu deren sozialen Kompetenzen, Urteil- oder Führungsvermögen.

Richtigerweise sollte der „Dr.“ unabhängig von Person und Herkunft einzig aufgrund von wissenschaftlicher Qualität dafür verliehen werden, dass er für die Wissenschaft neue Erkenntnisse bringt. Nicht die Öffentlichkeit und nicht die Politik, sondern ein kleiner innerer Fachzirkel entscheidet am Ende, ob ein Doktortitel vergeben wird.

Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist mit einer Promotionsarbeit nicht gesagt, ob die wissenschaftlichen Erkenntnisse für das reale Leben außerhalb der Wissenschaft von irgendwelchem Interesse oder Relevanz sind. Der Lackmustest der Praxis fehlt bei Doktorarbeiten. Für Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Regisseure gilt: Bücher, Bilder, Skulpturen oder Filme müssen gekauft, gelesen oder betrachtet, diskutiert und rezensiert werden. Das Publikum entscheidet am Ende, ob es den Erkenntnisgewinn der geistigen Schöpfer für bedeutend bewertet. Einige wenige auserwählte Künstler schaffen es, zigtausende bleiben unbedeutend, obwohl auch sie, zumindest aus der Eigenperspektive, zum Erkenntnisgewinn der Menschheit beigetragen hätten. Wird abgeschrieben oder kopiert, kommt es zu Klage und gegebenenfalls Prozess, und dann wird juristisch geprüft und geurteilt.

Der „Dr.“ ist ein akademischer und kein gesellschaftlicher oder politischer Titel. Er dient dazu, Signale über die wissenschaftlichen Qualitäten der Träger auszusenden. Für Lehre und Forschung ist er damit genauso hilfreich wie ein Meisterbrief im Handwerk. Im öffentlichen Leben oder gar in der Politik hat der Doktortitel keine herausragende Bedeutung verdient. Damit das allen klar ist, gehört er, wie jede andere Berufsbezeichnung, hinter und nicht vor den Namen.

Dieser Beitrag erschien am 11. Februar 2013 auf „Die Welt“ (www.welt.de).