HWWI Update 09 2011

Energiewirtschaft

Die Energiewende im Norden – Chance und Risiko für Hamburg

von Sebastian Schröer

Es besteht in Deutschland ein allgemeiner Konsens darüber, dass die Energiewende, also der Ersatz fossiler und nuklearer Energieträger durch erneuerbare, vorangetrieben werden muss. Der damit zwangsläufig einhergehende Strukturwandel ist eine riesige Herausforderung, kann aber insbesondere für die Metropolregion Hamburg auch als Chance betrachtet werden.

Die Metropolregion Hamburg ist zwar Handels-, Verkehrs- und Dienstleistungszentrum mit typischerweise geringerem Energiebedarf, verfügt jedoch auch über bedeutende energieintensive Produktionsstandorte. Hamburger Unternehmen und Haushalte haben 2009 etwa 180 000 Terajoule an Energie verbraucht. Dies sind etwa 2 % des gesamtdeutschen Energiebedarfs. Dabei gehen fast 50 % des Hamburgischen Energiebedarfs auf das Konto der Haushalte, etwas über 30 % in den Verkehrssektor und knapp 20 % in die Industrie. Betrachtet man Deutschland insgesamt, so ist der Anteil der Industrie mit 27 % deutlich größer, der von Verkehr und Haushalten entsprechend kleiner.

Auch bei der Betrachtung des Pro-Kopf-Verbrauchs werden die Unterschiede zwischen Hamburg und Gesamtdeutschland deutlich: Zwar liegt der Energieverbrauch von Haushalten und Dienstleistungen in Hamburg pro Kopf der Bevölkerung etwa im Bereich des bundesdeutschen Durchschnitts, jedoch ist der Verbrauch beim Verkehr deutlich höher, was Hamburg als Hafen- und Logistik-Standort kennzeichned. In der Industrie ist der Pro-Kopf-Verbrauch hingegen deutlich geringer, was auf die spezifische Struktur der Industrie zurückzuführen sein dürfte.

Die Tabelle zeigt den Energiebedarf der einzelnen Wirtschaftszweige innerhalb der Industrie. Der Darstellung nach verzeichneten die Betriebe der Kokereien und der Mineralölverarbeitung den höchsten Energieverbrauch (32,8 Millionen GJ oder 50 %), gefolgt vom Metallerzeugungs- und Metallbearbeitungsgewerbe (16 Millionen GJ oder 24 %). Die Nahrungs- und Futtermittel herstellenden Betriebe verbrauchten weitere 7,8 Millionen GJ, was einem Anteil von 12 % entspricht. Um die Bedeutung des Faktors Energie für die Wirtschaftszweige herauszuarbeiten, ist es sinnvoll, die Größe der Wirtschaftszweige zu berücksichtigen. Dies kann dadurch geschehen, dass der Energieverbrauch je Beschäftigten (Spalte 5) oder in Relation zum Umsatz (Spalte 7) betrachtet wird. Bei der Mineralölverarbeitung wurden pro Beschäftigten 7600 GJ an Energie verbraucht. Im Bereich der Metallerzeugung waren es fast 4600 GJ; über die Hälfte davon in Form von Strom (etwa 250 GJ Strom je Beschäftigten). Dies impliziert 3,4 GJ an Strom je 1000 Euro Umsatz. Eine ähnlich hohe Relation an Energieverbrauch zum Umsatz gab es auch im Bereich der Getränke- sowie der Nahrungs- und Futtermittelherstellung.




Der hohe Energieverbrauch in der Grundstoffindustrie fällt wesentlich in den zwei Hamburger Raffinerien und den zwei Metallverarbeitungsbetrieben an, die als die einzigen energieintensiven Unternehmen in Hamburg angesehen werden können. Deren Bedeutung sowohl für Beschäftigung als auch Wertschöpfung darf nicht unterschätzt werden. Sowohl der Mineralölsektor als auch die Unternehmen der Metallverarbeitung stehen im nationalen und internationalen Wettbewerb. In diesem sind die Kosten für Rohstoffe weitgehend einheitlich. Sollten aber die Produktionskosten durch nationale oder regionale Auflagen deutlich über die der Konkurrenten steigen, so würde dies einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit bedeuten, der auch zu einer Abwanderung der Branche führen kann. Das wäre mit einem Verlust von Wertschöpfung und Beschäftigung in Hamburg verbunden, der auch die indirekte Beschäftigung im Bereich der Zulieferindustrie einschließt.

Neben diesen negativen Folgen, die sich ergeben können, sollten die Energiekosten aufgrund des Kernenergieausstiegs steigen, bedeutet der Umbau auf eine regenerative Energieerzeugung jedoch auch Chancen für Hamburg. Insbesondere gilt dies für den Ausbau der Windenergie, speziell für den Offshore-Bereich. Die Produktionsstandorte für neue Windkraftanlagen werden zwar an der norddeutschen Küste liegen, dennoch bestehen für Hamburg Chancen, da sich hier Firmensitze von Windkraftanlagenherstellern sowie Entwicklungsabteilungen befinden.

Außerdem könnte Hamburg bei der Planung des weiteren Netzausbaus eine wichtige Rolle spielen, weil in Hamburg ansässige Unternehmen direkt oder indirekt daran beteiligt werden. Zurzeit sind die Stromnetze ein wesentlicher Engpass beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Dies gilt insbesondere für die Übertragungsnetze. Da die erneuerbaren Energien, also vor allem die Windenergie, witterungsabhängig sind, erzeugen sie Strom sehr volatil, nicht konstant und vorwiegend nur an geografisch geeigneten Positionen. Daher werden entsprechende Netze benötigt, die den Strom aus den dezentralen Erzeugungsorten aufnehmen und über weite Entfernungen weitgehend verlustarm transportieren können. Aufgrund der Auslegung auf große, zentrale Kraftwerke sind die Netze technisch derzeit nicht in der Lage, diese Aufgaben zu erfüllen.

Nicht nur für junge Industriezweige, sondern auch für die bestehenden Branchen können sich abseits der potenziellen Kostensteigerungen Wachstumspotenziale aus der Energiewende ergeben. In der langen Frist dürften die Produktivitätsgewinne allgemein und speziell die gesteigerte Energieeffizienz zu einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit führen. Auf die vermutlichen Kostensteigerungen beim Energieeinkauf werden die Unternehmen mit Investitionen in erhöhte Produktivität und Energieeffizienz reagieren, was zu technologischen Innovationen führt. Unterstellt man, dass es in vielen anderen Ländern kurzfristig zu keinen sprunghaften Kostensteigerungen kommt, diese langfristig jedoch nachgeholt werden, kann sich daraus für die deutsche Industrie in einigen Jahren ein internationaler Wettbewerbsvorteil ergeben, der sich einerseits auf niedrigeren Produktionskosten und andererseits auf Wissen um Effizienzmaßnahmen begründet.

Auch in der kurzen Frist können sich für die energieintensiven Unternehmen mit der Erbringung von Systemdienstleistungen im Stromnetz neue Einnahmequellen erschließen. Bisher haben im Wesentlichen Kraftwerke ihre Dienstleistungen auf den Märkten für Regel- und Ausgleichsenergie angeboten. Die Bundesregierung prüft derzeit, inwiefern die Zugangsbedingungen reformiert werden können, damit energieintensive Unternehmen auf diesen Märkten anbieten können. Diese könnten dann, soweit technisch möglich, zu einer Stabilisierung des Netzes beitragen und damit Einnahmen generieren. Mit zunehmender erneuerbaren Einspeisung und damit wachsender Volatilität wächst auch der Bedarf nach Regel- und Ausgleichsenergie, was insbesondere für energieintensive Unternehmen beträchtliche Einnahmen bedeuten könnte.

Weiterhin bietet sich aufgrund des sinkenden Energieangebots insbesondere für Industrieunternehmen mit großem Werksgelände die Chance, ihrerseits Energielieferanten sowohl für den Eigenbedarf als auch für andere zu werden. Neben kleinen konventionellen Anlagen gilt dies auch für die erneuerbaren Energien, denn zukünftig wird das Erneuerbare-Energien-Gesetz den Eigenverbrauch ebenso fördern wie die Einspeisung in das öffentliche Netz.

Partnerpublikation

Bräuninger, M., Leschus, L., Schröer, S. (2011): Die Energiewende im Norden – Chancen und Risiken für die Metropolregion Hamburg als Produktionsstandort. Studie im Auftrag der Hamburger Sparkasse.